Der Stopp kam am Mittwoch plötzlich und überraschend. In einer Pressemitteilung schreibt der Zweckverband Ammertalbahn: Man habe festgestellt, dass sich die Räder an den Fahrzeugen seit einigen Tagen übermäßig stark abnutzen. Das Gleiche gelte für die Schienen. Warum, sei unklar. Deshalb der sofortige Stopp auf der Zugstrecke zwischen Tübingen und Herrenberg (Kreis Böblingen).
Verkehrsministerium BW bezieht Stellung zur Ammertalbahn
Auf Nachfrage hat das baden-württembergische Verkehrsministerium dem SWR geschrieben, dass es bei der Ammertalbahn "keine Sicherheitsmängel" gebe - sonst wäre der Zug vorher schon nicht mehr gefahren. Die Spurkränze der Räder seien abgenutzt. Die Züge seien aus dem Verkehr gezogen worden, "um weitere Schäden an Gleisen und Fahrzeugen zu verhindern". Die Elektrotriebzüge, wie sie auf der Strecke fahren, seien in vielen Teilen Deutschlands unterwegs, ohne dass ein solches Problem bislang bekannt wurde.
Nach aktuellen Erkenntnissen resultiert die hohe Abnutzung aus der speziellen Gleisgeometrie der Ammertalbahn, insbesondere im Stadtgebiet von Tübingen. Dort gibt es mehrere sehr enge Kurven.
Bahnexperte Schnaitmann: Scharfe Kurve am Tübinger Bahnhof ein Problem
Der Tübinger Bahnexperte Gerhard Schnaitmann ist seit Donnerstagmorgen am Tübinger Bahnhof, um Ersatzbusse für die Ammertalbahn zu organisieren. Als langjähriger Sonderbeauftragter für die Qualität des regionalen Bahnverkehrs im Land kennt er typische Probleme im Bahnbetrieb und vermutet bereits seit heute Morgen: Der übermäßige Verschleiß kommt möglicherweise von einer scharfen Kurve vor dem Tübinger Hauptbahnhof. Denn im Moment fahren die Züge der Ammertalbahn diese Kurve besonders häufig.
Der Grund: Die Züge fahren wegen mehrerer Baustellen nur noch auf der kurzen Strecke zwischen Tübingen und Herrenberg und auf keiner anderen Strecke mehr. Das habe die Radreifen der Fahrzeuge besonders und einseitig belastet. Im Normalbetrieb fahren die Züge zum Beispiel auch bis nach Bad Urach.
Radreifen muss man sich vorstellen wie beim Autoreifen, aber eben aus Stahl. Die hat es angegriffen und dann gibt es gewisse Mindestmaße und wenn die unterschritten werden, muss man die Fahrzeuge aus dem Verkehr ziehen.
"Normalerweise", sagte Schnaitmann dem SWR, "holt man sich dann neue Fahrzeuge in Ulm aus dem Werk, aber die Strecke Tübingen-Reutlingen ist gesperrt." Gerade könne man die Fahrzeuge nicht tauschen. Wenn die Radreifen abgenutzt sind, müsse man sie aus dem Verkehr ziehen. Das sei der Hintergrund für den Stopp.
Züge der Ammertalbahn müssen auf Umwegen in die Werkstatt nach Ulm
Die verschlissenen Fahrzeuge müssen jetzt in die Werkstatt nach Ulm. Das wird nur über Umwege gehen. Schon jetzt ist deshalb klar: Auf der Ammertalbahn zwischen Tübingen und Herrenberg wird bis mindestens Ende der Sommerferien kein Zug mehr fahren. Am Mittwochabend fuhren Notbusse. Inzwischen fahren Busse im Halbstundentakt - "ungefähr zu den Zeiten des Zuges", sagt Organisator Gerhard Schnaitmann. Die Kapazitäten seien aber relativ eng.
Ein Bus ist kein Zug. Das ist ganz klar. Aber man kann jetzt ein Grundangebot bieten. Fahrplantabellen gibt es noch keine. Die werden jetzt eben generiert. Das ist ja alles hopplahopp.
Fahrplan für Schienenersatzverkehr soll ab Wochenende gelten
Ab dem Wochenende soll es Schienenersatzverkehr (SEV) mit festen Abfahrtszeiten geben. Auf SWR-Nachfrage soll der SEV-Plan am Samstag um 4.40 Uhr in Kraft treten.
Zuletzt gab es immer wieder viele Ausfälle auf der Ammertalbahn. Mal fehlten Loks, mal Personal. Mal funktionierte die Umstellung auf einen neuen Fahrplan nicht. Oft gab es Verspätungen - zum Ärger der Pendlerinnen und Pendler auf der Strecke.