Ein Krankenpfleger soll am Zollernalb Klinikum in Albstadt und Balingen mehrere Frauen sexuell missbraucht und zum Teil vergewaltigt haben. Seit Ende Mai wird dem Mann am Landgericht Hechingen der Prozess gemacht. Zwei Übergriffe hat er schon gestanden. Doch es könnten auch deutlich mehr sein.
Staatsanwaltschaft bestätigt: Neun weitere Fälle angezeigt
Mittlerweile verfolgt die Staatsanwaltschaft Hechingen neun Taten, für die der Krankenpfleger verantwortlich sein könnte. Denn nachdem über den Prozess berichtet wurde, haben sich weitere mögliche Opfer gemeldet, andere wurden ermittelt - über tausende Fotos und Videos, die der Pfleger auf seinem Handy hatte. Sie zeigen laut Landgericht Hechingen teilweise nackte Frauenkörper und auch Missbrauchssituationen. Die Ermittlungen laufen laut Staatsanwaltschaft noch. Es ist also möglich, dass es noch mehr Betroffene gibt.
Erste Anzeige deutlich früher als bisher öffentlich
Ein Fall vom Dezember 2024 zum Beispiel geriet erneut ins Visier der Ermittler: Eine Frau hat damals Anzeige gegen einen unbekannten Täter wegen des Verdachts des versuchten sexuellen Übergriffs im Zollernalb Klinikum erstattet - also mehr als ein halbes Jahr vor den Taten, um die es aktuell am Landgericht geht. Die Angaben der Frau waren laut Staatsanwaltschaft "von einigen Unstimmigkeiten geprägt" und die von ihr abgegebene "Personenbeschreibung traf darüber hinaus nicht auf den nun angeklagten Krankenpfleger zu". Er sei in der fraglichen Nacht aber im Dienst gewesen.
Klinikchefs : Wir wussten nichts
Hätte die Klinikleitung also schon viel früher von möglichen sexuellen Übergriffen auf Patientinnen wissen können? Und vor allem: Hätte sie handeln müssen, um weitere Taten zu verhindern? In einem Gespräch mit dem SWR waren die Klinikchefs sichtlich bewegt. Der vorsitzende Geschäftsführer Gerhard Hinger und der kaufmännische Geschäftsführer Manfred Heinzler betonten beide, sie hätten nichts von möglichen Missbrauchsfällen gewusst, die vor den jetzt am Gericht verhandelten Taten stattgefunden haben. Man hätte sonst sofort und konsequent gehandelt.
Nach Bekanntwerden der Taten, um die es jetzt vor Gericht geht, hat die Klinik den 37-jährigen Krankenpfleger nach eigenen Angaben sofort freigestellt und der betroffenen Patientin zur Anzeige geraten.
Polizei ermittelte in der Notaufnahme
Fest steht indes: Die Polizei hat schon nach der Anzeige im Dezember 2024 in der Klinik ermittelt. Die Staatsanwaltschaft hat auf SWR-Anfrage bestätigt, dass die Polizei "unmittelbar nach Anzeigeerstattung" in der Zentralen Notaufnahme war und dort ermittelt hat. "In diesem Zusammenhang wurde durch die Polizei auch der Tatvorwurf genannt", so die Staatsanwaltschaft. Ob die Information über den mutmaßlichen Missbrauch an die Klinikleitung weitergegeben wurde, kann die Staatsanwaltschaft nicht beurteilen.
Klinikleiter räumt Missstände zum Tatzeitpunkt ein
Die Klinikgeschäftsführung räumte im Gespräch Missstände im Krankenhaus ein: "Ja, die Situation in der Notaufnahme war nicht so, wie sie hätte sein sollen“. Unter anderem seien der Klinikleitung erst spät Auffälligkeiten am Medikamentenschrank in der Notaufnahme gemeldet worden. Dass der jetzt angeklagte Krankenpfleger nachts alleine für die Beobachtungsstation zuständig war, sei hingegen normal. Mittlerweile hat das Zollernalb Klinikum die Notfallversorgung neu strukturiert. Das hängt laut Klinikleitung aber nicht mit den aktuellen Missbrauchsvorwürfen zusammen.
Der Prozess am Landgericht Hechingen geht kommende Woche weiter. Das Urteil ist für Mitte Juli geplant.