An Karfreitag und Karsamstag läuten nach katholischer Tradition keine Glocken. Der Tag ist im christlichen Kalender ein Tag der Trauer. In Hechingen-Boll (Zollernalbkreis) bleibt es trotzdem nicht ganz still: Hier hat das "Rätschen" Tradition. Kinder und Jugendliche klettern dreimal am Tag mit ihren Eltern in den Kirchturm der St. Nikolauskirche und machen möglichst viel Lärm.
Das Geklapper der hölzernen "Rätschen" soll das Glockengeläut um um 6, 12 und 18 Uhr ersetzen. Jeweils für fünf Minuten kurbeln die Kinder an den Rätschen - die kann man sich vorstellen wie große Holzboxen mit Brettern, sagt Hanna Höllwarth. Sie hat das "Rätschen" als Ministrantin organisiert und wieder zum Leben erweckt, nachdem es in der Corona-Zeit aussetzen musste.
Dreht man an der Kurbel, bringt man die Holzstäbe zum Klackern. "Uns hört so der ganze Ort", sagt eines der Erstkommunionkinder. Dass man durch die Schlitze des Turms bis nach Hechingen gucken kann, findet eine andere besonders schön.
Jahrhundertealte Tradition zu Ostern
Die Tradition soll es schon seit dem 6. Jahrhundert geben, sagt Kommunionhelferin Tanja Höllwarth aus Boll. Sie gehört zu der Gruppe von rund 20 Kindern und Erwachsenen, die am Karfreitag auf den Kirchturm steigen. Früher diente das "Rätschen" als sichere Orientierung für die Uhrzeit, sagt Höllwarth. Außerdem zeigte es an, wann ein Gottesdienst stattfand. Es gebe aber auch noch eine andere Erzählung: Durch den Krach sollte Böses vertrieben werden. Wann und durch wen das "Rätschen" tatsächlich nach Hechingen-Boll kam, wisse man nicht.
Auch in Bisingen wird "gerätscht"
Der Brauch sei in der Region recht einzigartig: In Bisingen-Steinhofen werde zwar noch gerätscht, sagt Höllwarth. Allerdings ziehen die Kinder dort mit kleinen Rätschen durch den Ort. In Hechingen sei der Brauch irgendwann eingeschlafen.
Ob sich schon mal jemand über den Lärm an den Kartagen beschwert hat? Im Gegenteil, sagt Ortsvorsteherin Meta Staudt. Viele würden sich freuen und Jahr für Jahr auf das "Rätschen" warten. Schade sei nur, dass man das Geklapper am Ortsrand nicht mehr höre.