Die Streuobstsaison ist in diesem Jahr rund um Tübingen, Mössingen und entlang des Albtraufs besonders gut ausgefallen. Das zeigt sich an den Annahmestellen. Rund ein Drittel mehr als im vergangenen Jahr haben die Besitzer von Apfel-, Birnen- oder Zwetschgenbäumen in diesem Jahr geerntet, so Maike Schünemann vom Verein Schwäbisches Streuobstparadies. Ausreichend Regen und eine optimale Blüte haben dazu beigetragen, außerdem gab es kein Problem mit Frost.
Das viele saftige Obst ist Grund zur Freude, stellt Streuobstwiesenbesitzer aber auch vor eine Geduldsprobe. Denn die Schlangen vor den Annahmestellen waren in den vergangenen Tagen besonders lang. Menschen, die Streuobst abgeben wollten, tummelten sich etwa in Mössingen oder Gomaringen-Stockach (beide Kreis Tübingen) schon vor Öffnung an den Annahmestellen. Auf Fotos und Videos sind Autoschlangen von mehreren Hundert Metern zu sehen. Auch Traktoren und vollbeladene Anhänger mit Streuobst reihten sich ein. In Nehren bei der "Mostkutsche" sind die Termine zur Abgabe bis Ende Oktober ausgebucht.
"Ausnahmezustand" an der Obst-Annahmestelle in Gomaringen-Stockach
In Gomaringen-Stockach hätten die Leute fast alle Verständnis für das lange Warten gehabt, sagt Günter Letz, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Gomaringen. Er spricht von einem "Ausnahmezustand" und sagt, die Annahmestelle sei in diesem Jahr überrannt worden. Vergangene Woche hätten Streuobstwiesenbesitzer an einem Tag 97, 4 Tonnen Äpfel abgegeben - das sei ein Rekord. Die meisten Menschen kämen zu zweit, wechselten sich mit dem Nachrücken der Fahrzeuge ab, während sich die andere Person im "Wirtschäftle" mit roter Wurst und Getränken stärke.
Streuobstwiesen in Mössingen: Lohnt sich das Engagement noch?
Weniger begeistert war Horst Hirning aus Mössingen, der vergangenen Samstag kehrtmachte, als er die lange Schlange vor der Annahmestelle in Mössingen sah. Vier Stunden hätte er warten müssen, schätzte der Streuobstwiesenbesitzer. Er gab seine Äpfel deshalb erst am Montagmorgen ab. Auch da sei er nicht der erste in der Schlange gewesen, die Annahme sei dann aber schnell gegangen.
Die Kritik des Stücklesbesitzers: Wer will das traditionelle Hobby in Zukunft noch machen, bei den Preisen, der zeitintensiven Pflege, bei den Wartezeiten? Immer weniger Menschen würden in ihrer Freizeit gerne Bäume schneiden, die Gefahr: Das Obst bleibe liegen. Der Preis für einhundert Kilo Äpfel liegt bei etwa 16 Euro - das lohne sich kaum. Zudem hätten zwei Mostereien in Mössingen in den vergangenen Jahren zugemacht.
Warten an Annahmestellen gehört dazu
Hans Wener, Vorsitzender im Obstgartenverein Mössingen und Mitglied im Netzwerk Streuobst, nimmt die Obstannehmer in Schutz. "Diese Mengen an Obst in diesem Jahr sprengen alle Grenzen", sagt er. Trotz der großen Mengen seien die Preise akzeptabel, im Steinlachtal gebe es verschiedene Annahmestellen. Was besser sein könnte, seien die Zeiträume, in denen das Obst angeliefert werden kann, findet er. Aber: Es ist ein Saisongeschäft, die notwendige Infrastruktur sei maximal drei Monate notwendig.
Wener versteht aber auch die Obstabgeber: Es sei frustrierend, in der langen Schlange zu stehen und nach stundenlanger Wartezeit für ein paar Euro das Obst loszuwerden. Allerdings: Nächstes Jahr dürfte die Ernte geringer ausfallen, denn auf ein gutes folge in der Regel ein weniger gutes Jahr. Das Warten an der Abgabestelle gehöre dazu. Die meisten Menschen seien darauf eingestellt und nähmen es gelassen.
Gute Stimmung bei Obst-Annahmestelle Gomaringen
Auch in Gomaringen war am sonnigen Samstag viel los. Einige Streuobstwiesenbesitzerinnen und -besitzer hatten Glück: Sie konnten ihr Obst schon vorher abgeben. Bis zur Öffnung der Annahmestelle um 13 Uhr kamen schon 15 Tonnen Äpfel zusammen. Die Stimmung war gut, für manche war die Fahrt zur Annahmestelle ein kleiner Familienausflug. Für den Samstag rechnete die Annahmestelle mit rund 60 Tonnen Streuobst von heimischen Wiesen.
So verlief die Obstannahme in Gomaringen: