Im Botanischen Garten der Uni Tübingen fängt ein Forschungsteam Singvögel mit Netzen, um sie zu beringen und zu untersuchen. So will es herausfinden, wie verschiedene Singvogelarten in Baden‑Württemberg mit Klimaveränderungen umgehen.
So funktioniert das Fangen und Beringen
Frühmorgens beginnt das Team von Forscher Nils Anthes mit der Arbeit. Die Gruppe hat im Botanischen Garten zwischen Bäumen und Sträuchern spezielle Fangnetze gespannt. Dort fliegen Vögel hinein - und werden wenig später von den Forschenden abgesammelt. Den Tieren passiere dabei nichts, sagt Anthes. Alle Beteiligten würden so arbeiten, dass der Stress für die Vögel so gering wie möglich bleibe.
Beim ersten Rundgang findet die Gruppe 20 Exemplare. Einige flattern aufgeregt, andere verhalten sich ruhiger. Ganz vorsichtig befreit Forscher Anthes einen kleinen schwarz-weißen Vogel. Es ist ein Halsbandschnäpper - der Lieblingsvogel des Wissenschaftlers. Zum ersten Mal kann er das Tier aus der Nähe betrachten. Der kleine, seltene Vogel brütet in Streuobstwiesen und kommt rund um Tübingen vor.
Das ist wirklich ein echtes Highlight. Und ein Qualitätsmerkmal für die tollen Streuobstwiesen hier in der Region.
Das Team aus Freiwilligen - von Bachelorstudierenden bis zur Doktorandin - bestimmt die Vogelart, misst und wiegt die Tiere. Mit einem kleinen Ring versehen, werden sie wieder freigelassen. Die Ringe sind einmalig und ermöglichen es, einzelne Vögel wiederzuerkennen und über Jahre zu beobachten.
Das verraten die Daten über das Leben der Vögel
Die individuelle Beringung macht etwa sichtbar, welche Vögel in den Folgejahren in den Botanischen Garten zurückkehren. Daraus berechnet das Team eine Kennzahl dafür, wie gut die Tiere die Reise in ihre Winterquartiere überstehen.
Die Daten sollen aber auch Auskunft geben, ob sich die Vögel vermehren. Ändert sich etwa der Anteil der Jungvögel über die Jahre, lässt sich erkennen, ob die Bedingungen für die Brut schlechter werden. Mit diesem Wissen können dann Bedingungen geschaffen werden, die den Vögeln helfen: zum Beispiel dabei, dass ihre Brutzeit erfolgreicher wird.
Gewinner und Verlierer unter den Singvögeln
Eine wichtige Rolle beim Überleben der Arten spielt laut Anthes die Klimakrise. Die Ringdrossel beispielsweise leide unter der Erwärmung. Sie ist an kühlere Bedingungen angepasst und brütet in Bergregionen. Sie und andere Vogelarten, die zum Beispiel im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb brüten, können jetzt kaum mehr in die Höhe ausweichen.
Andere Vögel profitieren von den Klimaveränderungen. Dazu zählen unter anderem der Bienenfresser und die Zaunammer. Beide kommen ursprünglich eher aus mediterranen, wärmeren Gebieten und werden jetzt auch in Baden-Württemberg häufiger.
Lehrlabor im Freien: Studierende lernen Artenschutz
Für Anthes ist das Beringungsprogramm ein ideales Lehrprojekt. Studierende sind direkt beteiligt, übernehmen Messungen und helfen bei der Datenerfassung. Die Arbeit folgt aktuellen wissenschaftlichen Standards, liefert auswertbare Daten - und macht Forschung für die Studierenden somit unmittelbar erlebbar.
Den Studierenden macht ihre Arbeit sichtlich Freude. Luca Sperrfechter etwa hat bei dem Projekt schon oft mitgeholfen. Hier hat er gelernt, wie man die Tiere hält, ohne ihnen wehzutun. Er fühlt sich den Vögeln bei der Arbeit nahe und kann zu ihrem Schutz beitragen. "Das fühlt sich gut an", sagt er.