Zehn Monate auf Bewährung. So lautet die Entscheidung des Amtsgerichts Ulm gegen einen Mann, der vor knapp einem Jahr ein achtjähriges Mädchen in Blaustein-Ehrenstein (Alb-Donau-Kreis) mit dem Auto auf dem Gehweg erfasst hatte. Das Kind war noch am Unfallort gestorben. Eine Hauptverhandlung hat es nicht gegeben, die gerichtliche Entscheidung Ende Juni erging schriftlich. Für die Hinterbliebenen ist das nicht nachvollziehbar. Deshalb haben sie sich an den SWR gewandt, um von ihrem Schicksal zu erzählen. Sie haben ausdrücklich darum gebeten, den Familiennamen und den Vornamen des verstorbenen Mädchens zu nennen.
Es bleibt für uns unverständlich, warum ein tödlicher Unfall dieser Tragweite nicht vor Gericht verhandelt wurde.
Familie des Mädchens erfährt von Gerichtsentscheidung aus den Medien
Familie Rasho sitzt im Wohnzimmer ihrer kleinen Wohnung in Ulm-Wiblingen. Vor wenigen Tagen haben die Eltern und die drei Geschwister der kleinen Lana aus den Medien von der Gerichtsentscheidung erfahren. Diese Entscheidung können sie nicht verstehen: "Es bleibt für uns unverständlich, warum ein tödlicher Unfall dieser Tragweite nicht vor Gericht verhandelt wurde", sagt Yousef. Der älteste Sohn der Rashos war noch vor den Sanitätern an der Unglücksstelle. Er kann die Bilder nicht vergessen.
Autofahrer verliert Kontrolle über Fahrzeug Tödlicher Unfall in Blaustein: Auto erfasst Kind auf Gehweg
Ein 85-jähriger Autofahrer hat in Blaustein (Alb-Donau-Kreis) mit seinem Wagen ein Kind auf einem Gehweg erfasst. Die Achtjährige starb noch an der Unfallstelle.
Auf einer Anrichte brennen Kerzen. Fotos und Zeichnungen zeigen die Familienjüngste. "Sie war noch ein kleines Kind, sie hatte große Träume" erinnert sich Yousef an seine kleine Schwester. Immer wieder bricht seine Stimme. "Ihr Leben wurde durch einen schweren Fehler am Steuer ausgelöscht." Seither kommt Familie Rasho nicht zur Ruhe. "Wir fühlen uns immer noch wie am ersten Tag: Verloren, keine Hoffnung", beschreibt Yousef. Von einem Gerichtsprozess hatte sich die Familie Antworten erhofft. "Um zu verstehen, was an dem Tag passiert ist."
Staatsanwaltschaft: Hauptverhandlung habe keine weitere Aufklärung versprochen
Das Ulmer Amtsgericht hatte auf Antrag der Ulmer Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl gegen den 85-jährigen Angeklagten erlassen. Der hatte die schriftliche Entscheidung akzeptiert: Eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten und einen höheren vierstelligen Geldbetrag zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung. Zu einer Hauptverhandlung ist es daher nicht gekommen. Die Entscheidung ist rechtskräftig.
Warum sich die Staatsanwaltschaft für einen Strafbefehl und nicht für eine mündliche Verhandlung entschieden hat, erklärt Oberstaatsanwalt Michael Bischofberger dem SWR so: "Die Staatsanwaltschaft wählt einen Strafbefehl und keine Anklageschrift wenn ein bestimmtes Strafmaß nur zu erwarten ist und wenn man sich von einer Hauptverhandlung keine weitere Aufklärung versprechen kann."
Unfallfahrer verweigerte bis zuletzt die Aussage
Der Beschuldigte habe über seinen Verteidiger gesagt, er werde keine Angaben machen. Er könne sich auch nicht mehr erinnern und bedaure, was passiert ist, zutiefst. "Eine weitere Aufklärung war da nicht zu erwarten", so Bischofberger weiter. Auch das Abschrecken von Nachahmern sei in diesem Fall durch eine Verhandlung nicht gegeben.
Eine weitere Aufklärung war da nicht zu erwarten.
Wenige Wochen nach dem Unfall hat die Familie Blaustein verlassen. Zu nah der Unfallort am damaligen Zuhause. Vor zehn Jahren war die kurdische Familie aus Syrien geflohen, erzählt Yousef: "Um Sicherheit zu haben und in Deutschland für unsere Ziele und Träume zu kämpfen." Heute steht der 20-Jährige vor dem Abschluss seiner Ausbildung zum Industriemechaniker. In seinem Betrieb habe man großes Verständnis für seine Trauer, sagt er.
Achtjährige auf Gehweg erfasst Getötetes Mädchen in Blaustein: Bewährungsstrafe für Unfallfahrer
Fast ein Jahr nach einem tödlichen Unfall in Blaustein ist der Autofahrer zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der 85-Jährige hat den Strafbefehl akzeptiert.
Fragen zur Ursache des Unfalls in Blaustein weiter offen
Als großer Bruder sieht sich Yousef in der Verantwortung, die Familie zusammenzuhalten. Und als Sprachrohr für die Anliegen der Rashos. Von der Justiz fühlt er sich im Stich gelassen. Nach dem Unglück habe er oft nicht gewusst, an wen er sich wenden kann, um an Informationen zu gelangen.
Unsere Fragen bleiben unbeantwortet. Unsere Schmerzen unbearbeitet.
Gerichtlich ist der Fall jetzt abgeschlossen. In der Wiblinger Wohnung jedoch kreisen die Gedanken weiter: Warum ist der 85-Jährige mit seinem Auto auf den Gehweg geraten, auf dem die Erstklässlerin neben ihrer Mutter herging? Eine Frage, die vorerst unbeantwortet bleibt. Die Erschöpfung ist den Rashos deutlich anzusehen. Trotzdem will die Familie weiter kämpfen.