Seit fünf Jahren arbeiten in Baden-Württemberg Polizeirabbiner. Die Idee ging seinerzeit von Michael Blume aus, dem Antisemitismus-Beauftragten der baden-württembergischen Landesregierung. Ihm war wichtig, dass die Polizei mit Juden spricht – und nicht über sie. Es geht um ein neues Verständnis für das Judentum, vermittelt quasi aus erster Hand. Einer der beiden Polizeirabbiner des Landes ist der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik.
Ich glaube mittlerweile, jeder junge Polizeibeamte in Baden-Württemberg hat zumindest eine Grundkenntnis, und ein Verständnis, was jüdisches Leben betrifft.
Es geht um Fälle wie diesen, erzählt Trebnik: Ein gläubiger Jude ist am Samstag auf der Straße unterwegs und wird Zeuge einer Straftat. Die Polizei kommt und die Beamten fragen den Juden nach seinem Ausweis. Dieser antwortet, dass er an einem Samstag - dem Schabbat - eigentlich gar nichts mit sich trägt.
Polizeirabbiner klären über jüdische Regeln auf
Der Polizeibeamte bleibt gelassen. Ihm reicht es in dem Fall, wenn der Mann seinen Namen nennt. Denn er weiß: Dass der Mann keine Papiere dabei hat, hat einen religiösen Hintergrund.
Dass Polizeibeamte so verständnisvoll reagieren, wie der Rabbiner Shneur Trebnik es beschreibt, hat ein Stück weit mit der Ausbildung der Polizeianwärter zu tun. Dies ist eine der Hauptaufgaben der Polizeirabbiner: junge angehende Polizistinnen und Polizisten über Regeln und Gepflogenheiten des Judentums zu informieren. Dazu lädt er sie regelmäßig in die Synagoge ein.
"Ich glaube mittlerweile, jeder junge Polizeibeamte in Baden-Württemberg hat zumindest eine Grundkenntnis, Verständnis, was jüdisches Leben betrifft", meint Trebnik. Es geht darum zu vermitteln, dass jüdisches Leben "ganz normal zu Deutschland, zu Baden-Württemberg" gehört.
Polizeirabbiner haben rund 6.000 angehende Polizistinnen und Polizisten geschult
Das ist Shneur Trebnik besonders wichtig in seiner Arbeit: Normalität zu vermitteln, statt Sonderrolle. Insgesamt haben die beiden Polizeirabbiner in Baden-Württemberg in den fünf Jahren etwa 6.000 Polizistinnen und Polizisten in Ausbildung geschult, teilte das Innenministerium dem SWR mit. "Da geht's allerdings nicht primär darum, als Rabbiner oder als Seelsorger da zu sein, sondern vielmehr als ein Brückenbauer", so Trebnik.
Der Rabbiner will vor allem Verständnis für jüdisches Leben, Denken und Handeln schaffen, "damit es wenig antisemitische Vorfälle innerhalb der Polizei, aber auch außerhalb der Polizei geben wird".
Shneur Trebnik betont, dass jüdisches Leben längst wieder zum Alltag in Deutschland gehört. Aber die Bedrohung herunterspielen will er trotzdem nicht. 2021 wurde auf die Ulmer Synagoge ein Brandanschlag verübt – und direkt neben Ulm, in Langenau, gab es antisemitische Hetzparolen im Zusammenhang mit Pro-Palästina-Demonstrationen.
Hier wird Trebnik deutlich: Die Pro-Palästina-Demos haben seiner Meinung nach oftmals weniger mit Solidarität zu Palästina zu tun, sondern seien "sehr, sehr oft anti-jüdisch".
Doch die Antwort darauf zeigt: Der Polizeirabbiner ist eben doch auch ein Seelsorger. Die Angriffe auf das Judentum weltweit, so Trebnik, hätten zu aktiver Solidarität geführt: "Viele Leute haben es begriffen, dass man die Dunkelheit und die Bosheit nur mit Licht, mit Gutem und mit Göttlichkeit bekämpfen kann. Unser Licht auf der Welt zu stärken, das ist unsere beste Antwort."