Ein ungewöhnliches Projekt zur Landtagswahl in Baden-Württemberg nimmt langsam Form an: Schülerinnen und Schüler aus Ulm, Ehingen und Stuttgart werden zu Wahlbeobachtern. Angeleitet von Jana Bürgers. Die Ulmerin ist seit mehr als 20 Jahren für die OSZE bei Wahlen in vielen Ländern unterwegs und will mit ihrem Wissen Erstwählern Einblicke in diesen Teil des demokratischen Miteinanders bieten.
Eine Wahl mit Hindernissen: Das Gummibärchenreferendum
Der Start ins Projekt begann appetitlich: mit einem Gummibärchenreferendum. Am Anna-Essinger-Gymnasium in Ulm konnten die Schülerinnen und Schüler der Politik AG entscheiden, ob Gummibärchen gegessen werden dürfen oder nicht. Lockend lag die Tüte auf dem Pult. Die Abstimmung lief per Wahl: Mit Wahlzetteln, einer Wahlkabine in einem kleinen Raum neben dem Klassenzimmer, einer Auszählung am Ende.
Doch Jana Bürgers hatte Fehler ins Ringen um die Gummibärchen eingebaut. So wurden manche Schüler im Wahllokal einfach weggeschickt. Dort hing auch Werbung - dafür, keine Gummibärchen zu essen. Manche der Schülerinnen und Schüler warfen zwei Zettel ein. Am Ende fiel das Referendum gegen das Gummibärchen essen aus. Zurück blieben erstaunte Schülerinnen und Schüler.
"Ich hoffe, dass es verständlich und am eigenen Leib spürbar wird, wie wichtig Wahlen sein können, auch wenn es in diesem Fall nur um Gummibärchen geht", erklärte Wahlbeobachterin Bürgers. Wenn die Entscheidung nicht unabhängig ist, gibt es keine Gummibärchen, obwohl vielleicht viele welche gewollt hätten.
Ich hoffe, dass es verständlich und am eigenen Leib spürbar wird, wie wichtig Wahlen sein können.
Die Ulmerin will den Schülerinnen und Schülern in dem Projekt zeigen, dass zu Wahlen viel mehr gehört, als sonntags ein Kreuzchen zu machen. Es sei langer Prozess, an dem viele Akteurinnen und Akteure beteiligt sind, so Bürgers. Diesen Prozess können die Teilnehmer des Projekts "Wahlwatching" vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg genauer kennenlernen.
Wahlwatching: Kurzzeit- und Langzeitbeobachtung
Wie bei echten Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachtern können sich die Schüler aussuchen, ob sie kurz oder lang dabei sein wollen. Kurz bedeutet: Die jungen Beobachtenden besuchen am Wahlsonntag fünf unterschiedliche Wahllokale. Dort beobachten sie die Stimmabgabe und am Ende auch die Auszählung.
Lang bedeutet: Ab Januar bis zur Wahl führen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit vielen gesellschaftlichen Gruppen Interviews. Das fängt bei Parteien und Kandidaten an, umfasst aber auch gesellschaftliche Gruppen, Vereine und Institutionen, Medien und Verwaltung. Sie alle können befragt werden, um zu erfahren, ob und wie sie am Wahlprozess teilhaben.
Das Ziel: Kritisches Beobachten und Einblicke in Wahlabläufe
Die Teilnehmenden sollen so selbst erkennen und kritisch hinterfragen, wie Wahlen ablaufen. Was braucht es für allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahlen, wer nimmt teil und wie wird berichtet? In der Politik-AG am Anna-Essinger-Gymnasium in Ulm beginnt auf jeden Fall schon nach dem Gummibärchenreferendum eine lebhafte Diskussion. Werbung im Wahllokal - na klar, das geht nicht. Wähler einfach wegschicken? Auch nicht.
In der Politik AG wollen auf jeden Fall einige mitmachen - und haben auch gleich Ideen, was sie interessiert. Vielleicht mit Wirtschaftsunternehmen sprechen, sagt ein Schüler, um zu erfahren, was für sie Politik und Wahlen bedeuten. Und mit der Linkspartei sprechen, sagt eine Schülerin, das würde sie sehr interessieren.
Jana Bürgers war an einigen Schulen unterwegs, sie wollte vor allem Erstwähler für ihr Projekt gewinnen. Das ist gelungen, es haben sich inzwischen 100 Teilnehmende von Schulen aus Ulm, Stuttgart und Ehingen gemeldet. Die Einführung und das Interviewtraining sind inzwischen gelaufen. Nach den Weihnachtsferien geht es für die Langzeitteams los.