Ob Hemden, Shirts oder Bettwäsche - jeder hat Baumwolle im Schrank. Häufig sind solche Waren nicht besonders langlebig und werden schnell mal ausrangiert. Das Textilunternehmen Otto aus Dietenheim (Alb-Donau-Kreis) macht das anders. In der Spinnerei in Balzheim wird Alttextilien in gewisser Weise "neues Leben eingehaucht".
Hier entsteht nämlich aus deren aufbereiteten Baumwollfasern ein Recycling-Garn. Daraus können dann neue Produkte wie Handtücher gewebt werden. Dieses Verfahren wurde zusammen mit Augsburger Forschern unter dem Projektnamen "Eco Yarn" entwickelt und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert.
Mit Recycling-Garn Ökobilanz verbessern
Im Werk der Firma Otto in Balzheim liegt ein süßlicher Duft in der Luft: "Die Baumwolle hat so einen schönen, strohigen, vanilligen Geruch. Ich finde, das ist ein unheimlich spannendes, faszinierendes Produkt", schwärmt Geschäftsführer Andreas Merkel, der das Unternehmen in vierter Generation führt.
Hier beschäftigt man sich schon länger mit der Thematik der Wiederverwendbarkeit von Alttextilien. Denn der Rohstoff Baumwolle habe keine so gute Ökobilanz, wie man vermuten möchte, weil die Pflanze sehr viel Wasser brauche, um zu gedeihen, erzählt Merkel. In einem wissenschaftlichen Vortrag sei die Rede von bis zu 20.000 Liter Wasser pro Kilogramm Baumwolle gewesen. Zudem würde ein großer Teil der angebauten Baumwolle künstlich bewässert: "Da dachte ich: Hoppla, was können wir tun?" So sei langsam der Gedanke gereift, recycelte Materialien für die Herstellung von Baumwollgarn zu verwenden, erinnert sich der Fachmann.
Aus Alt mach Neu: Baumwollgarn aus ausgemusterten Bettlaken?
Riesige Ballen an Baumwolle werden in der Spinnerei im Zeitlupentempo über ein ebenerdiges Fließband bewegt: "Hier wird die Rohbaumwolle vorgelegt, das sind ja Ballen von 200 Kilogramm. Die Ursprungswolle hat noch Reste von Schalen und Laubteilchen, die müssen wir erstmals ausreinigen", erklärt der Fachmann. Später sollen diese zusammen mit den recycelten Baumwollfasern, etwa von ausrangierten Bettlaken, T-Shirts oder Handtüchern, zu einem Öko-Garn versponnen werden, so Merkel.
Woher die recycelten Baumwollfasern kommen
Als Material für das neue Recycling-Garn dient hauptsächlich sogenannte "Mietware" aus Baumwolle. Dazu gehören etwa auch Handtücher oder Kleidung, die Hotels oder Krankenhäuser bei Firmen für den alltäglichen Gebrauch mieten. Meist Ware, die dann nach Abnutzung ausrangiert wird und im Müll landet: "Unser Ziel war es in diesem neuen Projekt, Textilien nach ihrer Nutzungsdauer wieder nutzbar zu machen."
Dazu würden die Altmaterialen von Spezialfirmen zunächst mechanisch recycelt - also zerrissen und bis auf ihre Einzelfasern zerlegt und dann aufbereitet, bevor sie neu versponnen werden können, erklärt Merkel. Er schüttet einen solchen Baumwollfaserhaufen auf einen Tisch, der mal ein T-Shirt war und nun wie der Inhalt eines Staubsaugerbeutels aussieht: "Sowas kommt hier im Ballen an und wird dann zusammen mit neuer Baumwolle zu einem Faden versponnen."
Das Recycling-Baumwollgarn bestehe zu 30 Prozent aus sogenannten Post-Consumer-Recyclingfasern, die restlichen 70 Prozent seien neue Baumwolle.
Auch ausgemusterte T-Shirts bekommen "neues Leben"
In einer großen Halle der Spinnerei der Firma Otto laufen wir vorbei an hunderten von Garnspindeln, die später an die Kundschaft wie Frottierwebereien geliefert werden. Aus Öko-Garn können zum Beispiel neue Handtücher gewebt werden. Ob sich diese von herkömmlichen Handtüchern unterscheiden? Andreas Merkel breitet ein großes weißes oder besser gesagt fast weißes Handtuch aus: "In der Optik etwas unruhig. Man sieht hier auch mal eine blaue Faser im Weiß", so Merkel.
Insgesamt wirke das recycelte Material auch rustikaler und grober in der Faser: "Das würde normalerweise so mancher Kunde reklamieren", sagt Andreas Merkel. Das sei ein bisschen so wie beim Öko-Obst - dies sei zwar einwandfrei, aber auch nicht immer makellos, weil dies eben in der Natur des Produkts liege.
Bei Recycling-Garn "muss die Kundschaft umdenken"
Im Moment sei der Anteil von Öko-Garnen an der Gesamtproduktion noch überschaubar, erzählt Andreas Merkel. Er habe aber die Vision, dass sich dies mittelfristig deutlich ändere. Allerdings müsse dazu ein Umdenken beim Verbraucher und in der Politik stattfinden: "Wir bräuchten dann auch neue Qualitätsstandards, sonst wird es schwierig mit der Umsetzung."
Zudem bedeute die erhöhte Staubentwicklung bei der Verarbeitung der recycelten Fasern, die kürzer sind als die neuer Baumwolle, einen gewissen Mehraufwand, um die Räumlichkeiten und Maschinen sauber zu halten. Dafür nutze man mit dem neuen Verfahren "wertvolle Ressourcen", betont der Unternehmer. Im Grunde liege das Baumwollfeld somit vor der Haustür.