Er kann einfach nicht aufhören: Der Ulmer Schuhmachermeister Georg Jitaru hat schon längst mehr als 70 Berufsjahre auf dem Buckel und doch arbeitet er immer weiter. Täglich steht er in seinem Geschäft mit der Werkstatt am unteren Eselsberg in Ulm. Er liebt seine Kunden und sie lieben ihn.
Eigentlich müsste er nicht mehr arbeiten. Er bezieht ohnehin eine Rente. "Ich schaffe nicht für Geld", sagt der 92-Jährige. "Ich mache es aus Liebe zu meinem Beruf. Ich kann nicht zuhause bleiben." Seine 71-jährige Partnerin Emilia, die seit gut 20 Jahren mit ihm zusammenlebt, ergänzt: "Zuhause ist es ihm langweilig. Ohne Arbeit stirbt er."
Für Georg und Emilia ist die Werkstatt ihr zweites Zuhause geworden
Georg und Emilia stammen beide aus Rumänien. Nach dem Tod von Georgs erster Frau lernten sie sich in seinem Schuhmachergeschäft kennen. Emilia war Kundin. Inzwischen ist sie in der Werkstatt auch seine Gehilfin, zieht am Innenfutter und Leder eines Stiefels, der weiter gemacht werden soll. Georg schaut genau hin und urteilt: "Gut so. Mach weiter so. Nur diese Naht hier muss noch weg."
Während der Meister an den Sohlen von Sportschuhen schleift, erzählt Emilia: "Er ist sehr pingelig. Es ist gar nicht so leicht, mit so einem Chef zu arbeiten." Schließlich kennt Jitaru das Schuhmacherhandwerk seit einer Ewigkeit, auf jeden Fall seit mehr als 80 Jahren.
Denn schon als Kind musste Georg in der Schuhmacherwerkstatt seines Vaters in Rumänien helfen. Er erinnert sich, dass andere Jungs damals oft im Sommer zum Baden oder im Winter zum Skilaufen gingen. "Ich wollte auch gehen. Aber mein Vater sagte: Wir haben zu tun. Du bleibst da."
Dennoch hat diese Zeit seine Liebe zum Handwerk geweckt, zu Schuhen, Leder, Klebstoffen und Nähmaschine. In Suceava in Rumänien arbeitete er dann 24 Jahre lang in einer Schuhfabrik, wurde dort auch Schuhdesigner. 1977 kam er nach Ulm, wo es damals 30 Schuhmachermeister in der Innung gab. Heute sind es noch drei.
Der 92-Jährige fährt jeden Morgen im Schlafzimmer Fahrrad
Trotz seines betagten Alters ist Georg Jitaru erstaunlich fit. Jeden Morgen macht er noch vor dem Frühstück erstmal Frühsport auf dem Hometrainer. Er geht ohne Stock oder Rollator, arbeitet an der Nähmaschine ohne Brille. Kein Ärger, immer zufrieden sein, kein Schnaps - das sei sein Rezept, warum es ihm so gut gehe.
Viele seiner Stammkunden kommen seit 45 Jahren oder länger. Karl-Heinz Schneider zum Beispiel hat schon oft ramponierte Stöckelschuhe seiner Frau gebracht. "Herr Jitaru ist ein Künstler. Der kriegt alles hin, was man bringt", schwärmt Schneider. Aus Neu-Ulm kommt immer wieder mal Erna Bukvic angefahren. "Ich dachte, ich muss diese Schuhe wegschmeißen", berichtet sie beim Abholen. "Aber er hat sie perfekt repariert und gerettet. Ich bin super glücklich."
Nicht zuletzt das Lob der Kunden spornt ihn an, weiter zu machen. Noch acht Jahre, dann gehe er in Rente, erzählt Jitaru jedem gerne, und fragt lächelnd: "Sie kommen doch zu meinem Hundertsten?" Man mag ihm wünschen, dass er noch viele Schuhe reparieren kann und sein Traum vom 100. Geburtstag in der Schuhmacherwerkstatt wahr wird. Schließlich ist sein Beruf sein Leben.