Laut einer repräsentativen Studie der Uniklinik Ulm und UNICEF Deutschland hält jeder Sechste das "Anschreien" für eine angebrachte Erziehungsmaßnahme. Forschende der Uniklinik in Ulm geben Einblick in die Einstellung zu emotionaler Bestrafung von Kindern. Eltern denken und handeln teilweise nach Ansicht der Forschenden sehr widersprüchlich.
Emotionale Strafen in der Erziehung
Auf den ersten Blick wirkt in der Studie alles klar: Fast drei Viertel der Befragten lehnen emotionale Strafen in der Erziehung grundsätzlich ab. Doch dann zeigt sich ein Widerspruch: Denn einzelne Formen der emotionalen Bestrafung werden von den Befragten akzeptiert.
Das Einsperren ins Zimmer hält fast jeder Zehnte für gerechtfertigt, beim Anschweigen ist es jeder Zwölfte. Auch das Isolieren von Familie und Freunden, das Bloßstellen des Kindes oder das Auslassen einer Mahlzeit finden fünf Prozent der Befragten okay.
Wenn wir konkret fragen, dann gibt es doch einen gewissen Prozentsatz von Eltern, die angeben, das zu machen und das auch für gerechtfertigt halten.
Erziehung: Was ist Richtig oder Falsch?
Die Kluft zwischen der generellen Ablehnung von psychischer Gewalt und der Akzeptanz einzelner Bestrafungen ist groß. Grund ist, dass diese Methoden von den Befragten teils gar nicht als psychische Gewalt erkannt werden, so Jörg Fegert, Leiter der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie: "Wenn wir konkret fragen, dann gibt es doch einen gewissen Prozentsatz von Eltern, die angeben, das zu machen und das auch für gerechtfertigt halten."
Für emotionale Misshandlung wird zwischen zwei Beschreibungen unterschieden, so Fegert. Entweder einmalige, extrem demütigende Ereignisse oder das regelrechte Mobben des eigenen Kindes. Wenn es über einen längeren Zeitraum an allem Schuld ist, und das Kind es den Eltern nie Recht machen kann.
Jedoch sei es wichtig, hier zu differenzieren, sagt Fegert. "Wenn Eltern halt mal schlecht drauf sind, im Stress, an der Kasse, und sagen 'Mensch jetzt mach doch nicht wieder so einen Mist, du hältst mich überall auf', dann ist das pädagogisch nicht besonders wertvoll. Das wäre von mir aber noch nicht in der Kategorie Misshandlung."
Befragte haben oft selbst emotionale Gewalt erlebt
Besonders Menschen, die selbst emotionale Gewalt erlebt haben, neigen laut der Studie auch in der Erziehung ihrer eigenen Kinder dazu. Ähnlich sei es bei körperlicher Gewalt. Auch hier spielt vor allem die Einstellung eine große Rolle. Die Befragten, die der Meinung sind, Gewalt hätte ihnen selbst nicht geschadet, seien oft auch nicht gewillt, es bei ihren Kindern anders zu machen, so Fegert.
"Das betrifft Männer nach wie vor mehr als Frauen. Sehr viele Frauen, die mit solchen Belastungen aufgewachsen sind, denken fürs eigene Kind um und wollen es anders machen." Bei Männern hingegen sei die Tendenz dazu geringer. "Da haben wir vielleicht auch für die Prävention eine Adressatengruppe, die wir besonders in den Blick nehmen müssen."
Forderungen: Vernachlässigung als Gewaltform ins Gesetzbuch
Die Prävention ist eine der Maßnahmen, die laut Studie für den Schutz von Kindern notwendig ist. Ein weiteres Ziel, zu dem auch die Studie bereits beigetragen hat, ist die Datenerhebung zur Gewalt in der Erziehung. Es müsse aber noch mehr getan werden, um das Ausmaß überhaupt zu erkennen.
Vor 25 Jahren wurde das Recht auf eine Kindheit ohne Gewalt im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) gesetzlich verankert. In der Studie wird deutlich: die Gesellschaftliche Akzeptanz und die Anwendung körperlicher Strafen ist so gering wie noch nie.
Diesen Begriff müsse der gewaltfreien Erziehung müsse man jetzt im Gesetz noch erweitern, heißt es in der Studie. Bisher umfasse der vor allem körperliche und emotionale Gewalt. Die Verfasser der Studie fordern, auch die Vernachlässigung als Form der Gewalt ins Gesetzbuch aufzunehmen.