Geschwister treffen sich nach fast 60 Jahren

Verlorenen Bruder gefunden: Ulmerin lüftet lang gehütetes Familiengeheimnis

Eine WhatsApp-Nachricht nach dem Tod der Mutter verrät ein lang gehütetes Familiengeheimnis: Heidi Nushöhr aus Ulm erfährt, dass sie einen Bruder hat. Sie macht sich auf die Suche.

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Von Autor/in Jannik Volz

Als Heidi Nushöhr aus Ulm vor drei Jahren ihre Mutter verliert, glaubt sie, deren Lebensgeschichte sei auserzählt. Doch sieben Tage nach dem Tod kommt eine WhatsApp ihres Onkels aus Australien. Sie stellt ihr Leben auf den Kopf. "Es gibt einen blonden Jungen in den USA", schreibt er. Zuerst hat die "Südwest Presse" berichtet.

Dahinter steckt ein Familiengeheimnis: Ihre Mutter hatte 1956 einen Sohn zur Adoption freigegeben. Heidi hat einen Bruder, von dessen Existenz sie nie erfahren hat. Ihre Geschichte erzählt sie im SWR-Interview.

Verschollener Bruder: Die Spur führt ins Landratsamt

Heidi beschreibt den Moment der Nachricht als etwas, das sich fast schon angekündigt hatte: "Vielleicht ahnte ich so etwas schon mein ganzes Leben lang." Statt lange zu zweifeln, reagiert sie sofort. Innerhalb einer halben Stunde schreibt sie zurück: Sie wird ihren verschollenen Bruder suchen.

Ihr erster Schritt führt sie aufs Landratsamt. Sie will wissen, ob das Familiengeheimnis wirklich stimmt. Dort erfährt sie: Ja, es gab einen Sohn, der zur Adoption freigegeben wurde. Detaillierte Informationen über den verschollenen Bruder bekommt sie aber nicht.

Die 58-jährige bohrt aber weiter. Sie wendet sich an eine bekannte Fernsehsendung, die Familien zusammenführt, und reicht alle Unterlagen bei RTL ein. Mehrfach hat sie Kontakt zur Redaktion, doch über lange Zeit passiert nichts. Wie weit die Suche ist, erfährt sie nicht. Also schaltet sie zusätzlich eine auf Personensuche spezialisierte Organisation ein: Family International in Frankfurt.

Der verlorene Bruder: Adoption von einer amerikanischen Familie

Die Organisation holt sich die notwendigen Informationen aus der Adoptionsakte beim Landratsamt. So wird klar: Der Bruder wurde in Deutschland von einer amerikanischen Familie adoptiert. Später zieht die Familie in die USA.

Trotz der späten Offenlegung dieses Familiengeheimnisses empfindet Heidi keine Wut oder Enttäuschung gegenüber ihrer Mutter. "Nein", sagt sie deutlich. "Es ist ja ihre Lebensgeschichte." 1956, eine alleinstehende Frau mit kleinem Kind - das war "eine ganz andere Situation" als heute. Die Entscheidung zur Adoption sei Teil dieser Lebensumstände gewesen. Dass ihre Mutter nie von dem Sohn erzählt hat, bleibt für sie schmerzlich, aber verständlich.

Wichtiger ist für Heidi etwas anderes: "Familie ist ja sowas Wichtiges." Sie möchte ihrem Bruder sagen, wer sie sind, wer in Ulm lebt, welche Geschichte hinter der Familie steht. Gleichzeitig will sie erfahren, wie sein Leben verlaufen ist. Sie weiß, dass es auch anders kommen könnte. Etwa, dass er nicht mehr lebt oder keinen Kontakt möchte. Die Möglichkeit einer Enttäuschung ist ihr während der Suche bewusst. Doch sie hält unbeirrt an ihrer Hoffnung fest.

Heidi und Bruder John stehen vor dem großen "ulm"-Aufsteller in der Ulmer Innenstadt.
Im Juli hat John seine Schwester Heidi in Ulm besucht und seine "neue" Familie kennengelernt. Privat

Entscheidende Nachricht: Bruder John wird gefunden

Im November vergangenes Jahr, mehr als zweieinhalb Jahre später, kommt die Nachricht: ihr Bruder John Runer wurde im Bundesstaat Ohio gefunden. Für Heidi ist es ein überwältigender Moment: "Richtige Freude natürlich, weil ich dann wusste, jetzt gibt es bald ein Gesicht und eine Stimme." Zum ersten Mal hat der verschollene Bruder einen Namen, einen Ort, eine reale Existenz jenseits der Akten.

Die Organisation unterstützt sie auch bei einem sensiblen nächsten Schritt: dem ersten Brief. Heidi setzt sich hin und schreibt einen handschriftlichen Brief an John. Weil sie seine Adresse nicht kennt, schickt sie ihn an Family International. Von dort wird er weitergeleitet.

Im Brief erzählt sie von sich und stellt viele Fragen: Wie seine Kindheit war, wie er lebt, welcher Beruf, ob er verheiratet ist, ob er Kinder und Enkelkinder hat. Sie will die Lücke von fast sechs Jahrzehnten zumindest ansatzweise füllen.

Die Antwort kommt am 23. Dezember, einem besonderen Tag: Es ist Heidis Geburtstag. An diesem Tag erreicht sie die erste E-Mail ihres Bruders. "Meine liebe Schwester, ich gratuliere dir zu deinem Geburtstag“, schreibt John. Für Heidi ist klar: "Das ist das schönste Geschenk, was man bekommen kann. Der Bruder, den man so lange gesucht hat, der einem zum Geburtstag gratuliert."

Ankunft in Deutschland: Drei Wochen Familienzeit in Ulm

Nach dem ersten schriftlichen Austausch intensivieren die beiden den Kontakt. Sie schreiben regelmäßig Nachrichten, telefonieren und tauschen hunderte Fotos aus. Als John schließlich seine Reise nach Deutschland plant, fühlen sie sich längst nicht mehr wie Fremde.

Im Juni landet John in Deutschland. Auf dem Weg zum Flughafen ist Heidi aufgeregt, aber voller Vorfreude. Als er durch die Tür kommt, drückt sie sofort auf den Auslöser der Kamera: "Natürlich den ersten Blick festgehalten", erzählt sie. John bleibt drei Wochen bei ihr in Ulm. "Eine ganz wunderschöne Zeit", fasst Heidi diese ersten Wochen gemeinsam zusammen.

Ein besonders emotionaler Schritt ist der gemeinsame Besuch am Grab der Mutter. John hat sie nie kennengelernt. In seinen Adoptionsunterlagen steht ihr Name. Doch die reale Person dahinter bleibt ihm Jahrzehnte verborgen, bis Heidi ihm die letzte Ruhestätte zeigt.

"Sehr emotional", beschreibt Heidi den Augenblick. Sie denkt in diesem Moment auch an das, was nicht mehr möglich ist: "Das wäre schön gewesen, wenn sie ihn so kennengelernt hätte", sagt sie über den Bruder, den sie als "Herzensmensch“ erlebt.

Heidi aus Ulm und ihr Bruder John sitzen an einem Tisch in einem Restaurant oin der Ulmer Innenstadt.
Zu Besuch in Ulm: Heidi und John in einem Restaurant in der Innenstadt. Privat

Neue Familie in den USA: Drei Söhne, vier Enkel und viel Kontakt

Die Beziehung zwischen Heidi und ihrem Bruder beschreibt sie heute als "fantastisch". Sie ist geprägt von Vertrauen, engem Kontakt und viel gemeinsamem Humor.

John lebt mit seiner Ehefrau Mary in den USA. Er hat drei Söhne und ist vierfacher Großvater. Heidi hat bereits Kontakt zu den Angehörigen aufgenommen: "Ganz liebenswerte Menschen", sagt sie. In den Adoptionsunterlagen wussten John und seine Familie, dass es in Deutschland eine Mutter und Verwandte gibt - aber niemand hatte damit gerechnet, dass tatsächlich eines Tages Kontakt entsteht.

Für die nahe Zukunft ist der nächste Schritt klar: John und Mary haben Heidi in die USA eingeladen, und sie möchte noch in diesem Jahr hinfliegen. Der Weg von Ulm über den Atlantik wird damit Teil des neuen Familienalltags. Beide haben die Mutter verloren, sagt Heidi Nushöhr. Aber sie haben einander gewonnen: als Bruder und Schwester, die sich spät, aber nicht zu spät, kennenlernen.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Jannik Volz
SWR-Aktuell Redakteur Jannik Volz

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