Trotz Schule packen sie ehrenamtlich mit an. Immer mehr Schülerinnen und Schüler engagieren sich in gemeinnützigen Einrichtungen - etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Seniorenheim oder bei der Hausaufgabenhilfe in der Flüchtlingsunterkunft. Und zwar im Rahmen des sogenannten Aktiven Schuljahrs, initiiert und begleitet vom Verein "engagiert in ulm". Matti, Alex und Lucia aus Ulm helfen einmal wöchentlich in einem Soli-Café.
Ehrenamt trotz Schule: Warum Matti, Alex und Lucia mit anpacken
Im Café Blau in der Ulmer Weststadt - Matti, 15, macht gerade Cappuccino und grinst zufrieden. Jede Woche kommt er nach der Schule ins Soli-Café des Stadtteilvereins, um hier ehrenamtlich zu helfen: "Die Arbeit macht sehr viel Spaß, muss ich sagen. Die ganzen Leute sitzen zu sehen, wie sie sich freuen über ihren Kuchen." Ihn mache das glücklich.
Ich finde, das macht einfach glücklich, wenn man andere Leute glücklich sehen kann.
Auch Lucia und Alex, beide 14, sind seit diesem Schuljahr abwechselnd mit Matti dabei und haben sich bewusst fürs Ehrenamt neben der Schule entschieden: "Hier im Café sammelt man super Erfahrungen, die man vielleicht sonst nirgendwo bekommt, auch für später", meint Alex. Und Lucia findet: "Wenn es etwas Gutes für mich und die Gemeinschaft ist, dann kann man es auch wirklich in der Freizeit machen." Alle drei Gymnasiasten vom Schubart-Gymnasium in Ulm sind erst seit einigen Wochen beim "Aktiven Schuljahr" dabei und überrascht, wie gut es für sie läuft.
Was ist das Aktive Schuljahr?
"Das Aktive Schuljahr bietet Schülerinnen und Schülern ab der 8. Klasse die Möglichkeit, sich ein Schuljahr lang ehrenamtlich zu engagieren, mindestens 50 Stunden in einer gemeinnützigen Organisation. Das sind etwa zwei Stunden pro Woche oder auch blockweise in den Ferien. "Das Engagement sollte aber außerhalb der regulären Schulzeit stattfinden", erklärt Maike Munz vom Verein "engagiert in ulm". Dabei sei das "Aktive Schuljahr" sowohl von der Anzahl der Stunden und der Bandbreite der Tätigkeiten nicht mit anderen ähnlichen Angeboten für Jugendliche vergleichbar. Man habe sich bei der Idee an die bayerische Initiative "Durchstarter FSSJ" angelehnt und tausche sich aus.
Wenn es etwas Gutes für mich und die Gemeinschaft ist, dann kann man es auch wirklich in der Freizeit machen.
Aktuell könnten die Schülerinnen und Schüler aus 170 Engagement-Angeboten rund um Ulm auswählen. Viele gemeinnützige Einrichtungen seien auf Ehrenamtliche angewiesen. Mitmachen können Jugendliche aller weiterführenden Schulen, sagt Maike Munz, die das Projekt leitet. Wer schon ein Ehrenamt hat, könne sich damit auch dem "Aktiven Schuljahr" anschließen.
Warum sich Ehrenamt lohnt: "Kein Geld, aber Benefits"
Vor allem aber geht es um erste Erfahrungen in der Berufswelt und die persönliche Entwicklung der jungen Leute, so Munz. Die Jugendlichen würden an ihren Herausforderungen im Ehrenamt "wachsen". Es gebe zwar kein Geld für die geleisteten Arbeitsstunden, aber einige Benefits, darunter Workshops zu Themen wie Zivilcourage oder 'Wie setze ich meine Stimme wirkungsvoll ein, ergänzt die Diplom-Sozialarbeiterin. Dies seien Themen, die für die Jugendlichen in ihrem Engagement fürs Ehrenamt, aber auch in ihrem weiteren Leben hilfreich sein könnten.
Zudem gebe es während des "Aktiven Schuljahrs" viel Austausch untereinander, auch bei gemeinsamen Treffen der Jugendlichen. Anerkennung für ihr Engagement gibt es außerdem über die FREIWILLIGENCARD mit Ermäßigungen und Gutscheinen für Kultur-, Freizeit- und Fortbildungsangebote. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Aktiven Schuljahrs" bekommen auch ein Zertifikat mit einer Beurteilung der jeweiligen Einrichtungen. Das kann laut Maike Munz später beim beruflichen Werdegang nützlich sein.
Hausaufgabenhilfe - Natalie hilft geflüchteten Kindern
Auch die Achtklässlerin Natalie vom Kepler-Gymnasium in Ulm engagiert sich neben der Schule ehrenamtlich. Jeden Dienstag kommt sie für eine Stunde in eine Ulmer Flüchtlingsunterkunft, um Kindern und Jugendlichen nach der Schule bei den Hausaufgaben zu helfen: "Weil ich’s vor allem wichtig finde, Kindern zu helfen, die mit der Sprache nicht so gut zurechtkommen. Wir haben ja ziemlich viele Unklarheiten in der deutschen Sprache, mit den ganzen Artikeln und so. Und ich weiß selber aus meiner Grundschule, dass es mir geholfen hat, wenn mir jemand mal alles beigebracht hat”, erzählt die 13-Jährige.
Weil ich’s vor allem wichtig finde, Kindern zu helfen, die mit der Sprache nicht so gut zurechtkommen.
Auch in Mathe und Englisch ist Natalie fit. Eine Berufsfachschülerin, die mit der Familie in der Flüchtlingsunterkunft lebt, ist darüber besonders froh: "Man bekommt hier Unterstützung, das ist sehr gut. Ich komme immer zur Hausaufgabenhilfe." Auch die kleineren Geschwister, die noch in der Grundschule sind, profitieren davon, so die junge Frau.
Aber auch Natalie selbst bringt ihr Ehrenamt für Geflüchtete etwas: "Man lernt selbst auch noch was dazu, so über andere Religionen. Wir sind auch Freunde geworden."
Junge Ehrenamtliche sind "wertvolle Hilfe"
"Für uns ist das eine wertvolle Hilfe, wenn sich Schülerinnen wie Natalie bei uns ehrenamtlich engagieren", sagt Sarah Schmid vom Jugendamt der Stadt Ulm. Sie akquiriert Ehrenamtliche und begleitet auch Natalie bei ihrer Aufgabe. Vor allem, wenn die jungen Ehrenamtlichen im ähnlichen Alter seien, wie die Hilfesuchenden, funktioniere die Hausaufgabenhilfe sehr gut.
Andrea Brückmann, hauswirtschaftliche Leiterin im Soli-Café Blau in Ulm, ist heilfroh, dass immer wieder Schülerinnen und Schüler wie Matti, Lucia und Alex das ehrenamtliche Team unterstützen: "Wir sind ein Café für Menschen mit kleinem Geldbeutel." Und mit einer eigenen Lebensgeschichte. Die jungen Leute seien eine Bereicherung: "Manche gehen direkt auf alle zu, bedienen die Gäste und haben gar keine Scheu. Das ist jetzt das dritte Jahr, wo ich dieses 'Aktive Schuljahr' habe."
Freiwilliges Engagement zusätzlich zur Schule
Matti, Lucia und Alex wollen auf jeden Fall am Ball bleiben und die 50 freiwilligen Stunden in diesem Schuljahr leisten - auch, um davon für die Zukunft etwas mitzunehmen, da sind sich die Neuntklässler einig. Etwa für einen späteren Nebenjob, wenn sie mal studieren oder, um sich in der Berufswelt professioneller bewegen zu können. Auch Natalie will sich weiter ehrenamtlich engagieren: "Man kann immer wieder neuen Leuten helfen. Und wir haben auch ziemlich viel Spaß. Es gibt immer was zu lachen."