In politisch aufgeheizten Zeiten

Wie gelingt ein friedliches Weihnachtsfest? 5 Tipps von Experten aus BW

Gründe zu streiten, gibt es viele. Ideen, wie man trotzdem besinnlich als Familie feiert, sind daher gefragt. Warum Nörgler einen Rauschebart tragen sollten und wie wir an Weihnachten mit dem Smartphone umgehen sollten.

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Stand

Von Autor/in Ruben Moratz

An Heiligabend in die Kirche oder nicht? Weihnachtsgans oder dieses Mal vegan? Geschenke vor oder nach dem Essen? Und wer räumt danach eigentlich die Küche auf? Überhaupt: Muss eigentlich immer der Fernseher laufen? Die Feiertage bergen viel Konfliktpotenzial. Und wenn dann noch Politik zur Sprache kommt, ist die Stimmung schnell im Keller. Dabei weiß doch jeder, dass Onkel Herbert was gegen Flüchtlinge hat und dass Tochter Emily ihren Eltern den Flug auf die Balearen immer noch übelnimmt, weil er so klimaschädlich ist. Gerade die großen Fragen unserer Zeit entzweien nicht selten auch Familien: Die Kriege in Nahost und in der Ukraine, der Klimawandel, die Migrationspolitik, die Aufarbeitung der Corona-Pandemie.

Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Februar sehen 82 Prozent der Menschen hierzulande die Gesellschaft als gespalten an. Mehr als die Hälfte meint, dass Diskussionen über politische Fragen heute weniger sachlich und respektvoll geführt werden als früher. Wie kann es in dieser Ausgangslage gelingen, ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern? Wie gelingt es, unterschiedliche Menschen mit oft grundverschiedenen Ansichten an einen Tisch zu bringen - ohne Streit?

Tipp 1: Themen ausklammern und Gemeinsames suchen

Für Michael Wehner, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg, gehört es zu Weihnachten dazu, auch mal über Politik zu diskutieren. Er befürwortet es, wenn Menschen selbstbewusst ihre Meinung vertreten und begründen. Aber: Es sei weise, wenn man auch erkennen kann, wann eine Diskussion keinen Sinn mehr ergibt: "Es kann auch hilfreich sein, bestimmte Themen einfach auszuklammern unterm Weihnachtsbaum." Stattdessen empfiehlt Wehner, zunächst das Gemeinsame zu betonen und die Person, mit der man redet, wertzuschätzen. Die Begegnung mit Menschen, die ganz anders ticken als man selbst, sei auch etwas Wertvolles.

Aber was, wenn mein Gegenüber gar nicht mit Argumenten erreichbar ist? Wehner: "Dann ist das Ende des Gesprächs und eben letztendlich auch das Ende der Gemeinschaft festzustellen." Man habe auch das Recht, den Raum oder die Situation zu verlassen, wenn rote Linien überschritten werden. Solche Menschen seien aber eindeutig in der Minderheit, weiß der Politikwissenschaftler. Nur etwa acht bis zehn Prozent der Menschen hätten ein unerschütterliches Weltbild und somit eine kompromisslose Haltung. "Das ist die hoffnungsvolle Botschaft: Mehr als 90 Prozent sind zugänglich für Gespräche."

Tipp 2: Zuhören und sich selbst in Frage stellen

Aber wie gelingen Gespräche mit Andersdenkenden ganz konkret? Die Antwort von Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen: Indem man anerkennt, dass der andere auch Recht haben könnte. "Es lohnt sich, die Ruhebank eigener, fester Wahrheiten und Gewissheiten zu verlassen", so Pörksen. Wer es schafft, die Welt mit den Augen eines Anderen zu sehen, habe die Chance auf eine bereichernde Horizonterweiterung. Die Grundlage dafür: Das Zuhören. "Zuhören ist sicher nicht alles, aber ohne das wirkliche Zuhören ist alles nichts. Dann gibt es kein wirkliches Gespräch, keinen echten Austausch." Pörksen nennt das Zuhören die wichtigste Kommunikationstugend überhaupt.

Denn erst, wenn wir den Anderen wirklich begreifen, sehen wir womöglich, welche Traurigkeit sich hinter seiner Wut verbirgt, welche Interessen hinter seiner Position stecken.

Tipp 3: Konflikte mit Humor lösen

Bevor Diskussionen eskalieren oder einer den Raum verlässt, gibt es noch den Ausweg: Humor. Thomas Ferraz Nagl, systemischer Berater und Supervisor aus Böblingen, macht diesen Vorschlag: Man könne zum Beispiel vereinbaren, dass jeder, der etwas zu kritisieren hat, dabei einen Weihnachtsmannbart tragen müsse. "Am Ende des Abends sitzen dann alle mit Bärten da, das wäre ein großer Spaß", so Nagl. So könne man subtil ausdrücken: Wir hören dich und dein Anliegen, aber heute Abend brauchen wir etwas anderes als dieses Thema.

Tipp 4: Ansprüche runterschrauben

Die Ansprüche an die Weihnachtsfeier im Familienkreis sind hoch. Durch mediale Vorbilder in Filmen oder auf Social Media haben viele Menschen konkrete Vorstellungen, wie die Feiertage abzulaufen und auszusehen haben: mit viel Glanz, Gemütlichkeit und Genuss. "Das führt natürlich zu extremem Stress", sagt Thomas Ferraz Nagl. Es sei deshalb wichtig, die Ansprüche auf ein Normalmaß herunterzuschrauben. Als Familie könne man auch mal fünf gerade sein lassen, so Nagl: "Wir sind eine Familie, wir kennen uns. Das muss nicht hyperperfekt sein. Und es macht uns als Familie vielleicht auch aus, dass wir eben nicht perfekt sind." Und so dürfe dann auch das Fest aussehen.

Tipp 5: Handy-Zeit und Handy-freie Zeit planen

Im Alltag ist das Smartphone unser dauernder Begleiter. Gerade in sozialen Netzwerken verbringen Menschen oft mehr Zeit als sie eigentlich wollen. Sabine Trepte, Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim, empfiehlt: Für die Weihnachtstage kann man sich einen konkreten Plan machen, wie lange und in welchen Situationen man das Smartphone nutzen möchte.

Genauso wie wir uns schon häufig Wochen vorher überlegen, welche Verwandten wir wann besuchen und mit wem wir ein Glas Wein trinken gehen, so können wir uns auch mit dem Handy verabreden und sagen: Es gibt bestimmte Tage, da passt es einfach nicht rein.

Ist ein ideales Weihnachten für mich eigentlich ein Handy-freies Fest? Dann kann man sich das auch vornehmen. Oder man plant ganz bewusst ein paar Stunden Handy-Zeit ein, die man dann auch genießt - und danach nicht bereut. Abends, vor dem Schlafengehen, kann dann Tagesbilanz gezogen werden: Habe ich das eingehalten, was ich mir vorgenommen habe? War mein Vorhaben vielleicht gar nicht realistisch? Sollte ich meinen Plan für den nächsten Tag verändern? Medienpsychologin Trepte rät jedenfalls zur Barmherzigkeit, auch wenn man die selbstgesteckten Ziele verfehlt: "Einfach nett mit sich selbst sein und großzügig. Es ist ja Weihnachten."

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Ruben Moratz
SWR-Redakteur Ruben Moratz aus der Redaktion Landespolitik Baden-Württemberg

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