Johannes Scherle fährt immer noch gern Auto. Auch wenn es inzwischen ein kleineres Modell ist, seit er den Arbeitgeber gewechselt hat. Vor rund einem Jahr hatte er seinen Job bei Bosch verloren. Jetzt hat er beruflich mit Autos nichts mehr zu tun.
Seit wenigen Wochen hat er einen neuen Job: Beim Rüstungsunternehmen Thales in Ditzingen. Der Gedanke hat ihn anfangs befremdet. "Man muss sich erstmal ein bisschen reinfinden, weil es beim Thema Rüstung viele Vorbehalte gibt. Es geht mir aber so, dass sich mein Bild gewandelt hat. Es ist eine wichtige Branche für Sicherheit, gerade in Europa." Thales stellt in Ditzingen etwa radarbasierten Überwachungs- und Cyberabwehrsysteme her.
Die Angst, keine Arbeit mehr zu finden, war groß - größer als die Zweifel. Denn vor einigen Monaten kam sein Sohn Levi zur Welt. "Es hat uns sehr erleichtert, dass das Thema Job einigermaßen gesichert ist. Jetzt, wo das Baby da ist."
Transformation bedeutet, dass man aus der Komfortzone raus muss.
Scherle programmiert - wie früher. Nur, dass sein Code heute nicht mehr ein Auto intelligenter macht, sondern ein Verteidigungssystem stabiler. Mehr darf er nicht verraten. Aber: Er ist jetzt spezialisierter, hat sogar eine höhere Stellung als zuvor bei Bosch. Für ihn ein Schritt Richtung sichere Zukunft.
Rüstungskonzern Thales: 20 Prozent der Mitarbeiter aus Automobilbranche
"Bei Bosch hat man uns vermittelt, dass es in der Autoindustrie keine Zukunft geben wird. Man muss sich umschauen. Deshalb kann ich alle nur ermutigen, offen zu sein für neues." Klar sei das für ältere Menschen schwerer als für jüngere. Transformation bedeute eben, dass man aus seiner Komfortzone raus müsse. Ein Weg, den viele gehen: Beim Rüstungskonzern Thales stammen inzwischen rund 20 Prozent der Belegschaft aus der Autobranche.
Fachkräfte müssen sich umorientieren
Der deutsche Industriestandort wandelt sich - und mit ihm die Karrieren seiner Fachkräfte. Das macht sich auch in Baden-Württemberg bemerkbar. Neben der boomenden Rüstungsindustrie gibt es auch viele Projekte rund um Künstliche Intelligenz und Robotik im Land. Aktuell entsteht in Heilbronn für mehrere Milliarden Euro der KI-Innovationspark IPAI.
Nach SWR-Informationen dürften die Baukosten vermutlich bei rund drei Milliarden Euro liegen. Hauptinvestor ist die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, Geld kommt auch vom Land und der Dieter-Schwarz-Stiftung. Den Spatenstich machte die Politik-Prominenz Mitte Oktober im Beisein von Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (beide CDU).
Die Landesministerin hofft, dass neben solchen Bauprojekten auch Neuerungen aus Berlin der Wirtschaft im Land helfen werden. In der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" verwies sie auf die geplante Steuersenkung fürs produzierende Gewerbe. "Aber es muss schneller voran gehen", forderte Hoffmeister-Kraut. Angesichts der Qualifikationen der Menschen im Land habe sie aber Hoffnung für die Zukunft im Land.
Diese Einschätzung teilt auch Hanno Kempermann, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Neben Technik- und Rüstungsindustrie seien auch Luft- und Raumfahrt, Erneuerbare Energien und Medizintechnik auf dem Vormarsch in Baden-Württemberg. "Diese Unternehmen müssen sich frei entfalten können, um die positiven Seiten des Strukturwandels zu forcieren", so Kempermann. Der Mix aus erfolgreichen Bestandsunternehmen, sogenannten Hidden Champions, könnte mit weiteren gezielten Gründerinitiativen oder Innovationsparks wie dem IPAI in Heilbronn sehr vielversprechend für Baden-Württemberg sein.
Medizin-Branche: Jeder dritte Mitarbeiter aus Autoindustrie
Einer dieser Hidden Champions, die stark wachsen, ist die Firma Erbe Elektromedizin aus Tübingen. Bei dem stark wachsenden Unternehmen werden pro Jahr 200 Leute angestellt - rund jeder dritte Mitarbeiter stammt aus der Automobilbranche. Und das hat seine Gründe. "Unsere Produkte müssen immer kleiner und intelligenter werden", sagt Vizepräsident Sven Kettner, "die Ingenieure aus der Automobilindustrie bringen dafür enormes Know-how mit."
Doch nicht jeder Bewerber schafft den Sprung. "Der eine kann es, der andere kann es nicht", sagt Kettner. Wichtig sei auch hier, flexibel zu sein. Die Arbeitsprozesse würden hier viel strenger reglementiert als in der Autoindustrie, vieles sei kleinteiliger, müsse dokumentiert werden. Um die Transformation in zukunftssichere und innovative Jobs besser zu gestalten, wünscht sich der Vizepräsident von Erbe Elektromedizin für Baden-Württemberg mehr Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik: "Da müssen die Beteiligten mehr zusammenarbeiten: Politik, Wirtschaft, alte und neue Arbeitgeber. Da müssen Foren gebildet werden, Informationsprogramme gestartet werden. Da kann man noch mehr tun." Nur wenn die Entlassenen aus der Automobilbranche wüssten, was sie erwarte, könne das Potential von jedem einzelnen genutzt werden.