Die Polizeimeldungen zu Autokorsos, die auf Straßen und Autobahnen in und um Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gefährlich werden können, häufen sich in den vergangenen Monaten. Oft handelt es sich um Hochzeitskorsos. Was erlaubt ist, welche Gefahren lauern und welche Strafen es gibt: die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Autokorsos im Verkehr gibt es hier im FAQ.
- Polizeieinsätze wegen gefährlicher Autokorsos in RLP
- Warum Autokorsos so gefährlich sind
- Mit diesen Strafen müssen Teilnehmende von Autokorsos rechnen
- Was ist der Ursprung der Hochzeitskorsos?
Diese Hochzeitskorsos machten in RLP Schlagzeilen
Gleich auf drei Autobahnen rund um Mainz verursachte eine Hochzeitsgesellschaft Anfang Januar 2026 brenzlige Situationen. Von der A643 am Dreieck Mainz kommend, fahren die Hochzeitsgäste über die A60 auf die A63 in Richtung Saulheim (Kreis Alzey-Worms). Dabei sind sie so langsam unterwegs, dass mehrere unbeteiligte Autofahrende gezwungen sind, zu bremsen. An einer Stelle bleibt der Hochzeitskorso nach Polizeiangaben sogar komplett auf der Autobahn stehen.
Am Wochenende 18./19. April unterband die Polizei einen Hochzeitskorso auf der A63 bei Nieder-Olm (Kreis Mainz-Bingen). Korsoteilnehmer hatten den Verkehr offenbar massiv behindert. Und zuletzt störten am 31. Mai gleich zwei Autokorsos den Verkehr auf der A60 in Mainz. Die Vorfälle reihen sich in eine lange Liste ein. Auch in Baden-Württemberg gibt es immer wieder Zwischenfälle mit Autokorsos.
Weiter Debatte nach erneutem Vorfall auf Autobahn in BW Wenn der Autokorso zur Hochzeitsfeier aus dem Ruder läuft
Für viele gehört der Autokorso zur Hochzeit oder dem Sieg der eigenen Mannschaft im Fußball dazu. Doch in den vergangenen Jahren musste die Polizei oft einschreiten. Was ist Tradition - und was nicht?
Darum sind Autokorsos auf Autobahnen so gefährlich
Autokorsos sind insbesondere im Zusammenhang mit Hochzeiten und sportlichen Großereignissen, etwa Fußballspielen, zu beobachten. Gefährlich könne es werden, wenn Autofahrer und Autofahrerinnen beispielsweise die gesamte Fahrbahnbreite für sich beanspruchten, so Pressesprecher Matthias Bockius vom rheinland-pfälzischen Innenministerium.
Ebenso gefährlich sei es, wenn Mitfahrende sich während der Fahrt aus den Autos lehnten oder aus den Wagen heraus Schüsse abgäben, etwa mit Schreckschusswaffen.
Ein solches Verhalten gefährde auch andere Verkehrsteilnehmende, so Bockius. Auf Bundesautobahnen würden diese Gefahren durch die dort zulässigen höheren Geschwindigkeiten zusätzlich verschärft, sodass es im Falle von Unfällen regelmäßig zu besonders schweren Folgen kommen könne.
Große Gefahr drohe, wenn langsame Fahrzeuge eines Korsos alle Fahrspuren blockierten und der nachfolgende Verkehr dies zu spät bemerke. Manchmal werde auch eine Spur freigelassen. Dies wiederum lade andere Verkehrsteilnehmende zu gefährlichen Überholmanövern ein.
Unbeteiligten Verkehrsteilnehmenden wird empfohlen, ausreichenden Sicherheitsabstand zu halten und bei gefährlichen Situationen die örtlich zuständige Polizei zu informieren.
Welche Strafen erwarten Beteiligte von Autokorsos?
Tobias Hinderks von der SWR-Rechtsredaktion erklärt, dass die Teilnahme an Autokorsos häufig nicht strafbar ist. Eine strafbare Nötigung sei zwar möglich, aber nur, wenn andere Verkehrsteilnehmende spürbar beeinträchtigt würden, so Tobias Hinderks. Die Beeinträchtigung müsse dabei eine sogenannte "Erheblichkeitsschwelle" überschreiten, um sanktioniert werden zu können.
Natürlich müssten sich die Teilnehmende eines Autokorsos an alle Regeln der Straßenverkehrsordnung (StVO) halten. Die StVO verbietet unter anderem, innerhalb von geschlossenen Ortschaften unnütz hin- und herzufahren. Außerdem dürfen Autofahrten andere Menschen nicht mehr als notwendig mit Lärm belästigen.
Bei Verstößen sieht das Gesetz Bußgelder zwischen 5 und 1.000 Euro vor. Häufig verhängten Behörden eine Geldstrafe von 80 Euro, so Hinderks. Ob ein solches Bußgeld ausgesprochen werde, könnten die Behörden im Einzelfall entscheiden. Gerade bei Autokorsos nach großen Fußballspielen werde häufig darauf verzichtet.
Sind Autokorsos bei Hochzeiten eine türkische Tradition?
Bei einer Erhebung in Baden-Württemberg im Jahr 2022 stellte die Polizei bei mehr als der Hälfte der Hochzeitskorsos eine türkische Nationalität der Teilnehmenden fest. Eine Hochzeitsplanerin aus dem Nachbarland, die auf türkische Hochzeiten spezialisiert ist, sieht Autokorsos kritisch. Wenn festlich und mit teuren Autos zum Fest gefahren werde, dann diene das oft vor allem der Inszenierung für soziale Medien, so Aylin Bektas.
Laut Migrationsforschern haben Hochzeitskorsos ihren Ursprung in türkischen Traditionen, die durch Gastarbeiter in den 1960er Jahren nach Deutschland gelangten. Sie dienten ursprünglich dazu, die Hochzeit lautstark bekannt zu machen, böse Geister zu vertreiben und Aufmerksamkeit zu erregen.
Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien in Essen erläutert: "Freude und Schmerz sollen mit möglichst vielen Menschen geteilt werden. Und je mehr Menschen bei solchen Anlässen vertreten sind, desto größer ist der soziale Status."
Die Migrationsforscherin Gülistan Gürbey von der Freien Universität Berlin macht die Beobachtung: "Auch andere Bevölkerungsgruppen, darunter auch Deutsche, übernehmen diese Form des Feierns zunehmend, sie kopieren es, weil es schlichtweg Aufmerksamkeit erzeugt und Spaß macht."
Leute, die in dieser Art den Verkehr gefährden, kann man eher als Chaoten abspeichern. Da geht es darum, dass junge Männer ihre Grenzen austesten möchten.
Gürbey weiter: "Und je mehr Wohlstand und Konsum zunehmen, desto größer werden diese Autos. Die Autos werden dann zum Statussymbol aufgewertet: Man will zeigen, was man hat. Dabei sind viele Autos nur für den großen Tag gemietet."
Das Blockieren von Autobahnen oder Verkehrsknotenpunkten ist nach übereinstimmender Sicht der Experten aber neu und in der Türkei unbekannt. "Das hat mit Tradition in keiner Weise etwas zu tun", betont Caner Aver. "Leute, die in dieser Art den Verkehr gefährden, kann man eher als Chaoten abspeichern. Da geht es darum, dass junge Männer ihre Grenzen austesten möchten."