Die 15-Jährige Tabea fackelt beim "SWR Demokratieforum" nicht lange. Zum Thema "Widerspruch erwünscht! Schülerinnen und Schüler diskutieren Demokratie" will sie gleich zu Beginn von Moderator und Publizist Michel Friedman wissen, wie man mit Menschen umgehen soll, die die Menschenwürde anderer verletzen. Der antwortet mit Nachdruck: "Stellen Sie sie, streiten Sie mit ihnen, machen Sie deutlich, dass Sie das anders sehen."
Die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze von der Universität Trier ergänzt, wie wichtig es sei, klare Grenzen in der Gesellschaft und besonders in Schulen zu setzen - Grenzen des Sagbaren, die nicht verschoben werden dürfen. Auch dann nicht, wenn es Bestrebungen gibt, das zu tun.
"Nie aufgeben" als Grundsatz
"Der erste hat es am schwierigsten, aber wir alle haben die Erfahrung gemacht: Der zweite und der dritte stehen dann auch auf", ermutigt Friedman und schiebt nach: "Nie aufgeben." Diese Haltung zieht sich durch den gesamten Abend, in dessen Rahmen Schüler und Schülerinnen ihre Erfahrungen und Fragen einbringen - live vor Publikum.
Social Media - Für die Menschenwürde ein Minenfeld
Zunächst bleibt die Diskussion bei der Frage nach der unantastbaren Menschenwürde - konkret im Fall von Beleidigungen auf Social Media. "Die Debatte hat im Online-Bereich natürlich Grenzen", so Heinze. "Im persönlichen Gespräch funktioniert Austausch durch Nachfragen: Moment, was meinst du damit?" Sie warnt davor, dass Debatten mit einem "rassistischen Mob" oft sinnlos seien, man müsse "rote Linien" setzen.
Die 14-jährige Mirja fragt dazu: "Impuls-Rassismus oder mutwillig - wie unterscheide ich?“ Friedman reflektiert philosophisch: "Wir alle haben Vorurteile. Im Affekt kommt Verinnerlichtes raus. Erschrecken Sie, reflektieren Sie: Was habe ich da gesagt? Das ist der aufklärerische Prozess." Heinze unterstreicht: "Motive spielen keine Rolle. Stopp sagen, neugierig bleiben, aber Position vertreten."
Und welche Rolle spielt Social Media bei der politischen Meinungsbildung? Die 18-jährige Emma berichtet, wie soziale Netzwerke zur Verstärkung extremer und festgefahrener Positionen führen können. Wie kann da ein offener Dialog stattfinden? Friedman weist darauf hin, dass der offene Streit um Argumente, nicht Meinungen, entscheidend sei, um Populisten die Grundlage zu entziehen, denn diese "wollen uns die Argumente wegnehmen."
Normalisierung rechtsextremer Positionen entgegentreten
Ein zentrales Thema ist an diesem Abend auch die Normalisierung extremistischer Positionen in der Gesellschaft, vor allem in Bezug auf die AfD. Die 17-jährige Melissa fragt Heinze: "Führt Radikalisierung zu mehr Angriffen auf die Menschenwürde?" Die Expertin erläutert, dass nicht die reine Zahl der Parteimitglieder wächst, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz und das Gefühl, dass solche Parteien "normal" seien: "Rechtsextremismus wächst nicht numerisch, sondern wird normalisiert."
Parteien, Medien und Zivilgesellschaft spielen eine entscheidende Rolle darin, ob rechte Stimmen salonfähig werden.
Junge Menschen wüchsen, stellt sie fest, in einem Kontext auf, in dem die AfD "wie jede andere Partei wirkt." Parteien, Medien und Zivilgesellschaft seien entscheidend, Engagement - von Workshops bis Fridays for Future - kontere die gegenwärtige Entwicklung.
Politische Gewalt und Lokalpolitik
Die Brisanz politischer Gewalt wird deutlich, als der 19-jähriger Alexander eine Angst vieler Menschen anspricht: Die, sich politisch zu engagieren, denn es gebe "immer mehr Angriffe auf Politiker." Er fragt, ob das die Demokratie einschränke.
Heinze bestätigt aus empirischer Sicht: "Deutschland ist Ausreißer: Gewalt steigt, besonders in Ostdeutschland. Lokalpolitiker meiden Stadträte wegen Anfeindungen." Und Friedman warnt: "In Ländern wie Ungarn wurden Pressefreiheit und Minderheitenschutz abgeschafft, und das darf nicht passieren. Wenn Politiker und Bürger bedroht werden, müssen wir zusammenstehen und Schutz bieten."
Tun Sie sich das an.
Was auch passieren müsse: Eine konkrete Auseinandersetzung mit den Umständen, zum Beispiel der Gründungsveranstaltung der neuen AfD-Jugendorganisation. "Und wenn Sie sich das angehört haben, müssen Sie sich nur die Frage stellen: Will ich, dass solche Leute, die so sprechen, so denken, über das Schicksal in Deutschland und mein zukünftiges Schicksal bestimmen? Ich bin mir sicher, die Antwort fällt klar aus. Aber tun Sie sich das an."
Abtreibungsdebatte: Verbot würde Menschenwürde von Frauen verletzen
Auch kontroverse gesellschaftliche Fragen werden gestellt, so bringt die 15-jährige Julia ein Tabu-Thema ein: "Wie vereinbart sich die Abtreibungsdebatte mit der Menschenwürde?" Friedman betont, wie wichtig die Selbstbestimmung der Frauen sei und spricht sich gegen rigide gesetzliche Verbote aus, die seiner Meinung nach die Menschenwürde der Frau verletzen.
Jeder, der mitmacht, stärkt uns alle.
Zum Abschluss ruft Friedman dazu auf, Demokratie mit Leidenschaft und Optimismus zu leben: "Demokratie muss mit strahlenden Augen erklärt werden. Fröhlich repräsentieren, motivieren - ein Mitstreiter mehr sind zwei Siege." Heinze würdigt die Vielfalt der "Partizipation in allen Formen - das sind Puzzleteile gegen die Normalisierung extremistischer Ansichten."
Das Forum endet hoffnungsvoll: Junge Stimmen fordern nicht nur Antworten, sondern setzen sie für eine widerstandsfähige Demokratie um - in sozialen Medien, in der Schule, aber auch ganz besonders auf der lokalen politischen Ebene, wo sich oft entscheidet, wie demokratische Kultur praktisch gelebt wird.