In Rheinland-Pfalz engagieren sich noch mehr Menschen als im Bundesdurchschnitt: Hier hat mehr als jeder dritte über 14 Jahren ein Ehrenamt.
Auch Judith hat eines dieser vielen Ehrenämter. Sie arbeitet in einem ambulanten Hospizdienst als "Zeitschenkerin". In den vergangenen vier Jahren hat sie sechs Menschen begleitet. Das heißt: Sie pflegt nicht, sie behandelt nicht, sie therapiert nicht. Sie verbringt aber sehr viel Zeit mit sterbenskranken Menschen und ihren Angehörigen.
Manchmal bedeute das auch einfach nur: da zu sein und gar nichts zu tun, erzählt Judith: "Ich bin dann da. Und solange die Person weint, sitze ich da - und das ist okay." Auch eine Fähigkeit, die Judith hat: Leid einfach hinnehmen und aushalten zu können, ohne gleich trösten zu wollen.
Ganz leicht fällt das auch ihr nicht immer. Etwa, als eine junge Frau, die Judith lange begleitet hat, sehr plötzlich starb. "Wir hatten zuvor eine richtig gute Zeit gehabt, wir haben uns richtig gut verstanden", sagt Judith. Als die junge Frau dann starb, "das hat mich überrascht und mehr berührt, als ich gedacht hatte", erzählt Judith. "Da habe ich schon einen Monat einfach getrauert."
Oder, als eine ihrer Begleitungen - so nennt Judith, die Menschen, denen sie ihre Zeit schenkt - sie nicht mehr gehen lassen wollte - aus Angst vor Einsamkeit. "Das war dann so ein Moment, wo ich merkte, es wird schwieriger für mich. Aber nie so, dass es mich belastet, ich nicht mehr schlafen kann."
Ich verzichte auf Vollzeit, weil ich sage, mir ist das Ehrenamt so wichtig, dass ich dem Raum einräumen will.
Inzwischen hat sich Judith einen Tag in der Woche für ihr Ehrenamt freigeschaufelt. Nicht nur, weil es anderen hilft, sondern weil es sie selbst "erdet", wie sie sagt. "Ich verzichte dann jetzt auf Vollzeit, weil ich sage, mir ist das Ehrenamt so wichtig, dass ich dem Raum einräumen will."
Wertschätzung statt Geld
Zeit ist und bleibt ein wichtiger Faktor beim Ehrenamt. Das sagt auch Geethan. Er war viele Jahre als Jugendleiter in der Kirche tätig - ehrenamtlich. Mit den Anforderungen seines Studiums wurde das zunehmend schwieriger. Derzeit pausiert er vom Ehrenamt.
Ob die ehrenamtliche Arbeit von der Gesellschaft generell genug gewürdigt oder gewertschätzt wird, da ist sich Geethan nicht sicher. Gerade im sozialen Bereich fehle oft noch die Sichtbarkeit im Ehrenamt, sagt er.
Wenn du ehrenamtlich dabei bist, dann ist das für dich ein Herzensthema.
Wichtig für ihn: "Wenn du ehrenamtlich dabei bist, dann ist das für dich ein Herzensthema". Egal, ob ehrenamtliche Tätigkeit von der Gesellschaft genug wertgeschätzt wird oder nicht. Von den Jugendlichen, die damals seine Hilfe in Anspruch genommen haben, habe er sich wertgeschätzt gefühlt. "Ich glaube, manchmal braucht es Menschen, die etwas tun, nicht für das Geld, sondern für den Menschen selbst".
Freiwillige gesucht oder doch eher billige Arbeitskraft?
Geld ist auch beim Ehrenamt immer wieder ein Faktor. Schätzt man ehrenamtliche Tätigkeit und deren Wert, kommt man auf 75 Milliarden Euro im Jahr. Geld, das sich der Staat, Institutionen und Einrichtungen sparen.
Wenn von heute auf morgen alle Ehrenamtlichen in Deutschland aufhören würden, würde das komplette Sozialsystem zusammenbrechen.
Diese Erfahrung macht auch Katharina. Sie ist Leiterin im Ehrenamtsbüro in Mainz und unterstützt Menschen bei der Suche nach einem passenden Ehrenamt. Wenn sich Vereine bei ihr melden, die Stellen für Ehrenamtliche anbieten, müsse man genau hinschauen: "Ist das wirklich noch ein Engagement - oder wird hier eine billige Arbeitskraft gesucht?" Mitunter gebe es da noch Klärungsbedarf.
"Gerade im sozialen Bereich ist es so, dass Stellen gekürzt werden. Und dann denken einige, ach komm, wir schreiben mal ein Ehrenamt aus," erzählt sie. Und: Würden von heute auf morgen alle Ehrenamtlichen in Deutschland aufhören, würde das komplette Sozialsystem zusammenbrechen, zitiert sie aus einer Studie.
Internationaler Tag des Ehrenamts Ehrenamtliche - Was ohne sie alles fehlen würde
Wenn es keine Ehrenamtlichen gäbe, hätte das massive Folgen für Feuerwehr, Katastrophenschutz und mehr. Wir zeigen, wo sie überall aktiv sind.
Engagement als Teil der Dorfgemeinschaft - Beispiel Vendersheim
Klassisches Betätigungsfeld für viele Freiwillige: Die Feuerwehr: In Rheinland-Pfalz sind etwa 54.500 Menschen ehrenamtlich bei der Feuerwehr aktiv.
Viele, auch weil sie die Gemeinschaft dort schätzen. "Wo kriegt man den besten Anschluss im Ort? Über die Feuerwehr!" Das sagt Christian. Er ist mit der Familie nach Vendersheim in Rheinhessen gezogen. Als das Haus fertig saniert war, und wieder freie Zeit zur Verfügung stand, gings zur Feuerwehr. Wer sich hier nicht ehrenamtlich engagiere, habe es im Ort schwieriger: "Es ist definitiv okay. Aber man muss auch sagen, der Anschluss nicht ganz so einfach, wie wenn man sich eben engagiert."
Teil einer Gemeinschaft zu sein - auch das spielt beim Ehrenamt mit. Gemeinderat, Gesangsverein, Weinfest - gerade in einer Dorfgemeinschaft gehe es nicht ohne Ehrenamtliche. "Viele Dinge würden auf der Strecke bleiben, die einfach nicht gemacht werden können, weil die finanziellen Mittel nicht da sind", sagt Horst. Auch er ist einer von vielen Ehrenamtlichen aus Vendersheim.