Die Wärme aus dem Boden

Zwei Jahre kalte Nahwärme in Rech: Das Modell für die Wärmewende im Ahrtal?

Nach der Flutkatastrophe 2021 mussten viele Gemeinden im Ahrtal die Wärmeversorgung neu denken. Der Ort Rech setzt nun auf sogenannte kalte Nahwärme aus Erdwärme.

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Von Autor/in Lea Vassiliadis

Im Weinort Rech im Kreis Ahrweiler wird Wärme anders erzeugt als in vielen anderen Orten. Statt heißem Wasser aus einer zentralen Heizanlage zirkuliert hier eine wenige Grad warme Sole durch Leitungen im Boden. Die eigentliche Wärme entsteht erst in den Häusern - durch Wärmepumpen. Das Konzept nennt sich "kalte Nahwärme". Zwei Jahre nach dem Start ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz.

Wärme aus dem Boden statt aus dem Heizkessel

Unter einem Park- und Spielplatz im Ort versteckt sich ein zentraler Teil der Anlage: ein sogenanntes Sondenfeld mit 20 Bohrungen, die bis zu 150 Meter tief in die Erde reichen. Dort wird die Wärme aus dem Boden gewonnen.

Projektleiter Nik Kozisek zeigt Rohre des kalten Nahwärmenetzes in Rech. Sie werden im Boden verlegt und transportieren Sole aus den Erdwärmesonden zu den angeschlossenen Häusern.
Projektleiter Nik Kozisek vor noch nicht verbauten Rohren für das kalte Nahwärmenetz in Rech. Durch sie zirkuliert später eine wenige Grad warme Sole, die Haushalte über Wärmepumpen mit Wärme versorgt.

Während oben Autos parken oder Kinder spielen, liefern die Erdwärmesonden tief im Boden Energie für das Wärmenetz. Aktuell sind rund 56 Haushalte an das Netz angeschlossen. Langfristig sollen es deutlich mehr werden: Bis 2035 sollen etwa 100 Haushalte im Ort über das System versorgt werden.

Was genau ist kalte Nahwärme?

Kalte Nahwärme ist ein Wärmesystem, das sich Erdwärme oder Geothermie bedient, um emissionsfrei Wärme an Haushalte zu transportieren, erklärt Projektleiter Nik Kozisek von der Wiederaufbau- und Projektentwicklungsgesellschaft Zukunft Mittelahr.

Durch ein Leitungsnetz zirkuliert eine Sole mit Temperaturen von etwa acht bis zehn Grad. In den Häusern heben Wärmepumpen diese Temperatur auf das gewünschte Niveau zum Heizen an. Weil die Temperatur im Netz relativ niedrig ist, entstehen deutlich geringere Energieverluste als bei klassischen Fernwärmesystemen mit heißem Wasser.

Hohe Effizienz der Wärmepumpen

Wie effizient das System arbeitet, zeigt laut Kozisek die sogenannte Arbeitszahl der Wärmepumpen. "Wir stecken eine Kilowattstunde Strom in die Wärmepumpe und bekommen fünf oder sechs Kilowattstunden Wärme wieder heraus", sagt er.

Im Vergleich zu Öl- oder Gasheizungen könnten Haushalte dadurch bis zu 30 oder 40 Prozent Heizkosten sparen. Gleichzeitig mache sich der Ort unabhängiger von fossilen Energieträgern.

Lehren aus der Flutkatastrophe

Der Aufbau des Systems steht auch im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021. Damals wurden viele Heizungen zerstört, insbesondere Ölheizungen sorgten für zusätzliche Schäden durch ausgelaufenes Heizöl. Für die Verantwortlichen war der Wiederaufbau deshalb auch eine Chance für neue Lösungen.

Sonnenschein, Erdhaufen und Baustelle: In Rech wächst beim Wiederaufbau nach der Flut auch das kalte Nahwärmenetz.
Erde, Rohre und neue Infrastruktur: Beim Wiederaufbau nach der Flut entsteht in Rech auch neue Energie-Infrastruktur. Das kalte Nahwärmenetz versorgt im Ort bereits seit zwei Jahren rund 56 Haushalte.

"Wir haben die Katastrophe gehabt - die lässt sich nicht umkehren", sagt Kozisek. "Also haben wir versucht, gewisse Dinge neu zu denken und so umzusetzen, dass man in 40 oder 50 Jahren sagen kann: Das haben sie nach der Flut gut gemacht."

Das Ziel sei es laut dem Projektleiter gewesen, nicht einfach alte Strukturen wieder aufzubauen, sondern eine langfristig nachhaltige Infrastruktur zu schaffen. Insgesamt liegen die Bau- und Planungskosten für das Projekt in Rech nach Angaben der Projektleitung Zukunft Mittelahr bei rund 4,2 Millionen Euro. Ein Teil davon wurde über Förderprogramme von Land und Bund finanziert.

Vorbild für andere Gemeinden an der Ahr

Das Projekt stößt inzwischen auch außerhalb von Rech auf Interesse. Kommunen aus der Region und darüber hinaus fragen nach den Erfahrungen der Verantwortlichen. "Wir haben mittlerweile eine sehr starke Nachfrage nach unserer Expertise", sagt Kozisek. Viele Kommunen würden erst nach und nach erkennen, wie gut sich das System umsetzen und betreiben lasse.

Aktuelle Bauarbeiten für den weiteren Ausbau des Netzes in den Straßen von Rech
Ziel ist es laut Projektleitung langfristig, mehr als 80 Prozent der Haushalte in Rech über das kalte Nahwärmenetz zu versorgen.

Auch im Ahrtal selbst hat das Modell bereits Anhänger gefunden. In der Ortsgemeinde Liers ist am 25.02.2026 der Spatenstich für ein eigenes kaltes Nahwärmenetz erfolgt. Die Gemeinden tauschen sich eng aus. Liers habe bei seinem Projekt auch von den Erfahrungen aus Rech profitiert, sagt Kozisek.

Beitrag zur Wärmewende

Für den Projektleiter ist das System nicht nur ein lokales Infrastrukturprojekt, sondern Teil einer größeren Entwicklung. "Für uns ist wichtig, dass möglichst viele Kommunen diesem Beispiel folgen", sagt er. Kalte Nahwärme könne ein wichtiger Baustein für die Wärmewende sein - besonders in kleineren Gemeinden.

Dass ein kleines Dorf im Ahrtal damit bundesweit Aufmerksamkeit bekommt, erfüllt ihn mit Stolz. "Wenn wir aus unserer kleinen Gemeinschaft in Rech heraus einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können, dann ist das schon etwas Besonderes."

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Lea Vassiliadis
Foto von Multimediareporterin Lea Vassiliadis

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