Ute Erve aus Neuwied spricht schnell und kann nicht lange ruhig sitzen bleiben. Die fast 70-Jährige hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Diagnose bekam sie allerdings erst vor 25 Jahren als ihre beiden Kinder getestet wurden.
ADHS-Diagnose als Erleichterung
Für Ute Erve wurde mit der Diagnose schlagartig einiges klar, denn schon als Kind hatte sie bestimmte Symptome, die mit ADHS zusammenhängen können. Dazu gehören beispielsweise Depressionen und den sogenannten Hyperfocus, also die Fähigkeit, sich auf eine Sache besonders gut konzentrieren zu können und dabei alles andere auszublenden. "Ich habe nie wieder so ein Gefühlschaos gehabt, erstmal war ich zu Tode betrübt, weil ich mich geärgert habe, dass ich die Diagnose erst so spät bekommen habe, dann hab ich mich riesig gefreut, weil ich endlich wusste, was mit mir los ist", sagt Erve.
Medizin ADHS bei Erwachsenen – Oft unerkannt, aber gut behandelbar
Impulsiv, unruhig, schnell unkonzentriert – lange dachte man, ADHS betrifft Kinder. Aber auch Erwachsene bekommen die Diagnose, Frauen oft sehr spät. Viele reagieren erleichtert.
Psychologin: ADHS ist keine Modeerscheinung
Experten gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent der Erwachsenen in Deutschland ADHS haben. Eine Modeerscheinung sei das aber nicht, sagt Psychologin Stephanie Shirazi aus Neuwied. Sie beschäftigt sich seit Jahren damit. ADSH habe es schon immer gegeben, nur durch die sozialen Medien werde seit einigen Jahren mehr darüber gesprochen, sagt Shirazi.
Unstehte Berufslaufbahn ist typisch für Erwachsene mit ADHS
Gerade bei Erwachsenen sei eine umfassende Analyse wichtig. "Typisch für jemanden mit ADHS ist zum Beispiel eine etwas unstehte Berufslaufbahn mit vielen Abzweigungen. Oder jemand, der nicht nur ein Hobby hat, sondern viele anfängt und dann irgendwann die Lust verliert und zum nächsten springt", sagt Stephanie Shirazi.
ADHS ist keine Krankheit, sondern ein gewaltiges Potential.
Für die Psychologin ist ADHS aber keine Krankheit, sondern ein gewaltiges Potential, denn die Menschen mit ADHS seien die kreativen Köpfe, die Projekte anstoßen. "Fertig bringen können sie dann die anderen. Die Gesellschaft braucht also beide Seiten, die sich ergänzen. Ohne eine der beiden kann eine Gesellschaft nicht bestehen," sagt Shirazi.
Nach Ansicht der Expertin brauchen auch nur diejenigen eine Diagnose, die unter den Symptomen leiden. Doch das gestaltet sich schwierig, denn viele Therapeuten nehmen keine Patienten mehr auf, die Wartelisten sind extrem lang. Shirazi beispielsweise kann in diesem Jahr keine neuen Klienten mehr aufnehmen.
Gleichgesinnte können helfen eigene Stärken zu sehen
Eine erste Anlaufstelle könne aber auch ein Selbsthilfeverein sein, wie "Juvemus" zum Beispiel, sagt Ute Erve. Sie ist die Zweite Vorsitzende und ihr tut der Austausch mit Gleichgesinnten gut, sagt sie: "Man sieht das Positive und man entdeckt an sich wieder die Stärken und sieht nicht immer nur die Schwächen. Denn viele betreiben viel Aufwand, um ihre vemeintlichen Schwächen zu verstecken."
Ute Erve: "ADHS ist meine Stärke."
Ute Erve sieht ADHS mittlerweile auch als eine große Stärke an. "Die Gesellschaft muss noch lernen zu akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist und vor allem gut so wie er ist. Ohne ADHS wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Vielleicht hätte ich keine Kinder bekommen, oder wäre nicht verheiratet. Ich bin glücklich, so wie ich bin", sagt Erve.