Glaube, Zweifel, Verantwortung

Der Bischof von Speyer hat Geburtstag: 6,5 Fragen zum 65sten

Zum 65. Geburtstag spricht Bischof Karl-Heinz Wiesemann offen über Älterwerden, Glaubensfragen – und die dunklen Stunden in seinem Amt.

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Von Autor/in Thilo Eickhoff

"Eine gute Predigt darf vor allem nicht zu lang sein", sagt der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Wir nehmen ihn beim Wort und straffen die Liturgie, wo es nur geht: keine langen Lesungen, kein Weihrauch, gesungen wird auch nicht. Stattdessen: 6,5 Fragen zum 65sten Geburtstag.

Der Bischof von Speyer hat Geburtstag: Karl-Heinz Wiesemann wird 65 Jahre alt
Das Bischofshaus in Speyer picture alliance / dpa | Uwe Anspach

SWR Aktuell: Mit 65 gehen andere in Rente, Bischöfen steht das erst mit 75 zu. Augen auf bei der Berufswahl?

Karl-Heinz Wiesemann: (lacht) Ja, tatsächlich. Und ich stehe noch mitten im Amt und habe meine Aufgabe, eine Lebensaufgabe: Christus zu verkünden und den Glauben mit anderen zu teilen. Also geht es in meinem Fall weniger um einen Beruf als vielmehr um eine Berufung. Dennoch ist der 65. Geburtstag ein Anlass, innezuhalten und zurückzublicken: Wie hat sich mein Leben verändert? Wie hat sich die Welt verändert, in der wir leben?

Mich beschäftigt, in was für einer Gesellschaft ich aufgewachsen bin, als Vertreter der Babyboomer-Generation, die eine freiheitlich-demokratische Republik schaffen und erhalten wollte. "Nie wieder Krieg" – das steckt in mir drin. Und wenn ich heute in die Gesellschaft schaue, mit zahlreichen Kriegen und Tendenzen, sich wieder auseinanderzudividieren – weg auch vom europäischen Gedanken – das macht mir Sorgen.

SWR Aktuell: Was gibt Ihnen Hoffnung in solchen Momenten?

Karl-Heinz Wiesemann: All die Menschen, die sich positiv engagieren. Das muss man einfach auch sehen: Wie viele Menschen sich für ein gutes Miteinander engagieren. Wir lassen uns manchmal zu sehr von dem Negativen, das wir sehen und erleben, leiten. Für mich sind die Menschen, die etwas Positives bewegen wollen und sich nicht einschüchtern lassen, wie Lichtblicke. Ich habe das Glück, dass ich in meinem Amt fast jeden Tag solchen Menschen begegne.

SWR Aktuell: Wir bleiben bei der Rückschau: Sie sind seit 2008 Bischof von Speyer: Was waren die Höhepunkte dieser Zeit?

Karl-Heinz Wiesemann: Höhepunkte gab es viele. Ein besonderer Moment war für mich ein Gottesdienst in der Klosterkirche in Otterberg im Jahr 2017, anlässlich des 500-jährigen Reformationsgedenkens. Diese Kirche wird sowohl von evangelischer als auch katholischer Seite genutzt. In diesem Gottesdienst haben wir – das Bistum Speyer und die Evangelische Kirche der Pfalz – gemeinsam unserer Geschichte gedacht und uns vergeben, was wir einander angetan haben. Diese große, alte Kirche war bis obenhin gefüllt. Bis zur Tür standen die Menschen – manche mit Tränen in den Augen. Das hat mich sehr, sehr berührt.

Man darf sich den negativen Gefühlen nicht hingeben: Die Sonne geht jeden Tag aufs Neue auf!

SWR Aktuell: Ich fürchte, die Tiefpunkte können wir Ihnen nicht ersparen, wenn wir schon beim Bilanzieren sind...

Karl-Heinz Wiesemann: Das ist auch ganz richtig so. Der Tiefpunkt war für mich persönlich die Auseinandersetzung mit dem Missbrauch in der katholischen Kirche. Dieses Thema bewegt mich zutiefst und fordert mich heraus. So sehr, dass ich vor fünf Jahren eine Auszeit genommen habe, um mich mit Unterstützung von außen damit auseinanderzusetzen.

In einer Klinik hat man mir sehr geholfen; nicht nur das professionelle Personal, sondern auch die Menschen, die mit mir dort waren, denen teilweise Schlimmes widerfahren ist. Dieser Perspektivwechsel war wichtig. Ich habe gelernt, mit Ohnmachtserfahrungen umzugehen, Hilfe anzunehmen und mich auf das Positive, auf das Schöne in der Welt zu konzentrieren. Man darf sich den negativen Gefühlen nicht hingeben: Die Sonne geht jeden Tag aufs Neue auf und man hat jeden Tag die Chance, Kraft aus diesem Licht zu schöpfen.

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SWR Aktuell: Wie sehen die kommenden zehn Jahre aus?

Karl-Heinz Wiesemann: Fit bleiben und weiter meinen Dienst tun können – das wäre schön! Ansonsten steht uns eine Strukturreform ins Haus, die die Pfarreien und pastoralen Einheiten in unserem Bistum betrifft. Das ist ein wichtiger Schritt, den ich als Bischof mit aller Kraft mitgestalten werde.

SWR Aktuell: Die katholische Kirche denkt natürlich in wesentlich größeren Zeiträumen als einem läppischen Jahrzehnt. Bitte vervollständigen Sie: Die katholische Kirche wird in tausend Jahren…

Karl-Heinz Wiesemann: ...immer noch den Auftrag haben und erfüllen, der ihr von Jesus Christus gegeben ist: Das Evangelium zu verkünden, Menschen zusammenzubringen und ihnen aus unserem Glauben heraus Hoffnung zu spenden. Dieser Grundauftrag wird sich nie ändern.

Der Bischof von Speyer hat Geburtstag: Karl-Heinz Wiesemann wird 65 Jahre alt
"Der Auftrag ändert sich nie: Das Evangelium zu verkünden, Menschen zusammenzubringen und ihnen aus unserem Glauben heraus Hoffnung zu spenden." Der Bischof von Speyer hat Geburtstag: Karl-Heinz Wiesemann wird 65 Jahre alt.

SWR Aktuell: Zum Schluss die halbe Frage für den gebürtigen Ostwestfalen Karl-Heinz Wiesemann. Nach der Messe: lieber einen halben Liter Herforder Pils oder einen halben Liter Pfälzer Wein?

Karl-Heinz Wiesemann: (lacht) Eindeutig den Wein! Natürlich habe ich als Pfarrer bei den Schützenfesten in Westfalen auch gerne ein Bier getrunken – und das waren schöne Erlebnisse. Aber ich habe schon im Studium in Rom den Wein schätzen gelernt. Er wird mir deshalb immer lieber sein als das Bier.

Natürlich habe ich als Pfarrer bei den Schützenfesten in Westfalen auch gerne ein Bier getrunken...

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Gleichwohl hat er in sich vielen Diskussionen um Grundsätze der katholischen Kirche klar positioniert: So sprach sich Wiesemann für die Zulassung verheirateter Priester in der katholischen Kirche aus und ermöglichte die Segnung von homosexuellen Paaren und wiederverheirateten Geschiedenen in seinem Bistum. Auch begrüßt er die immer drängenderen Rufe in seiner Kirche nach Frauen im Priesteramt. Vor allem will Wiesemann die Aufklärung von sexuellem Missbrauch vorantreiben. Das Ausmaß des Skandals griff ihn an - sieben Monate lang nahm er 2021 krankheitsbedingt eine Auszeit.

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Thilo Eickhoff