Wenn man Menschen vor dem Speyerer Dom zu Papst Leo fragt, dann kommen fast alle ziemlich schnell auf den Streit des "neuen" Papstes mit US-Präsident Trump zu sprechen. Zur Erinnerung: Papst Leo hatte die "sinnlose und unmenschliche Gewalt" im Nahen und Mittleren Osten verurteilt.
Trump fühlte sich offenbar auf den roten Schlips getreten und beschimpfte das Oberhaupt der katholischen Kirche als "eine sehr linksliberale Person". Viele Menschen vor dem Speyerer Dom waren und sind bei diesem Streit klar auf der Seite des Papstes, auch Ben Dick, Tourist aus den USA.
Er sagt: "Ich würde auch gerne mit Trump über ein paar Sachen streiten, wenn ich es könnte." Auch Tara Michaud, die in derselben Reisegruppe wie Ben gerade den Domnapf unter die Lupe nimmt, ist eher im Team Leo als im Team Trump: "Trump kämpft mit jedem, keine Überraschung, dass er auch mit dem Papst kämpft - und in dem Streit lag Leo goldrichtig - aber Trump war dem Papst gegenüber sehr respektlos."
Bischof Wiesemann beeindruckt von der Ruhe des Papstes
Auch der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann spricht in einem Telefoninterview mit dem SWR-Reporter ziemlich schnell den Streit zwischen Leo und dem ehemaligen Baulöwen Trump an. "Das beeindruckt mich schon - diese Ruhe und Gelassenheit, aber auch Klarheit des Papstes", sagt der Bischof.
Und er ergänzt: "Der Papst hat durch seine die tiefen menschlichen Werte betonenden Haltung heraus deutlich gemacht, worauf es eigentlich in unserer Welt ankommt - und auf diesem Hintergrund kann man dann mal auch die Figur vom amerikanischen Präsidenten beurteilen."
Insgesamt stellt der Speyerer Bischof seinem "Chef" in Rom ein gutes Zeugnis aus - nach dem ersten Jahr im Amt. Auch wenn er dem Pontifex keine Schulnote geben möchte: "Mich beeindruckt schon, wie er mit einer gewissen Ruhe doch sozusagen versucht, die ganze Weltkirche zusammenzuhalten und behutsam den Reformkurs von Franziskus weiter zu gehen."
Das Behutsame ist genau das, was Monika Kreiner nicht so gut gefällt am neuen Papst. Sie ist beim Bistum Speyer Referentin für Frauenseelsorge und queersensible Pastoral, das bezeichnet eine Seelsorge, die die Bedürfnisse homosexueller Menschen berücksichtigt.
Kritik: Zu wenig Frauen in Leitungspositionen
Monika Kreiner würde sich mehr Reformen wünschen: "In seiner gesamten Amtszeit hat er bislang nur eine Frau in eine Leitungsfunktion berufen - und genau diese Durchmischung von Frauen und Männern in Leitungsfunktionen, die wäre unbedingt wichtig, dass wirklich Veränderungen vonstattengehen können."
Akzeptanz von homosexuellen Menschen gewünscht
Auch im Umgang mit homosexuellen Menschen würde sich Monika Kreiner wünschen, dass sich endlich etwas grundlegend ändert und diese Menschen vollständig akzeptiert werden: "Denn Menschen, die sich hier diskriminiert fühlen seit Jahrzehnten, die warten darauf, dass sich endlich auch in der katholischen Lehre etwas ändert, dass es endlich nicht mehr heißt gelebte Homosexualität ist Sünde"
So stehe es nach wie vor im Katechismus, sagt Monika Kreiner: "Und leider zeichnet sich ab, dass Papst Leo hier wie sein Vorgänger Franziskus keine Änderungen in der kirchlichen Lehre vornehmen will."
Auch Vertreterin des Katholikenrates wünscht sich vom Papst schnellere Reformen
Gaby Kemper ist im Vorstandsteam des Katholikenrates des Bistums Speyer, der etwa 60 Mitglieder hat und die Laien vertritt. Im ersten Jahr von Papst Leo hat Gaby Kemper das klare Bekenntnis zu Frieden und Gerechtigkeit gefallen.
Aber auch sie wünscht sich Reformen in ihrer Kirche. Zu Papst Leo sagt sie: "Ich würde mir mehr Klarheit in seiner Kommunikation wünschen - sein Kurs ist nicht klar. Also, wo soll die Reise hingehen? Er wirkt manchmal bedächtig, vor allem, wenn es um die Reformen geht."
Zum Schluss nochmal eine Stimme der amerikanischen Reisegruppe vor dem Speyerer Dom. Der US-Tourist und Baseball-Fan Ben Dick hat noch einen Wunsch, den er mit einem Augenzwinkern äußert: "Ich bin etwas enttäuscht, dass Leo ein Fan der Chicago White Sox ist, denn ich bin ein Fan der Chicago Cubs".
"Wenn wir ihn dazu bringen könnten, daran zu arbeiten - das wäre klasse", sagt er mit seiner verspiegelten Sonnebrille in der sich der Speyerer Dom in seiner ganzen göttlichen Pracht zeigt.