Drei bis vier Anrufe aus ganz Deutschland gehen pro Monat bei Dr. Christel Werner in der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz ein. Seit ein paar Jahren betreut sie dort eine eigene Anlaufstelle für Patienten, die bei Arztbesuchen sexuelle Übergriffe erlebt haben. Zwar gibt es auch Männer und non-binäre Personen, die unangenehme Situationen erleben, doch der weit überwiegende Teil betrifft Frauen.
Anzügliche Bemerkungen und Untersuchungen an unpassenden Stellen
Die Palette reicht von anzüglichen Bemerkungen, beispielsweise über den Brustumfang der Patientinnen, bis hin zu Berührungen an Stellen, die für das eigentliche Gesundheitsproblem gar nicht untersucht werden müssen.
Prozess um sexuellen Missbrauch Freispruch für Bad Kreuznacher Arzt - "Im Zweifel für den Angeklagten"
Ein Arzt ist vom Amtsgericht Bad Kreuznach vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen worden. Der ursprüngliche Vorwurf: Er habe sich an einer Patientin vergriffen.
Manche Frauen erleben, dass Ärzte sie ohne ersichtlichen Grund auffordern, sich komplett nackt auszuziehen, dass sie Fotos von ihnen machen oder sie nach ihrer Telefonnummer fragen.
Betroffene nach sexuellen Übergriffen sehr verunsichert
Die meisten Betroffenen seien nach solchen Vorfällen völlig verunsichert, sagt Werner, und hinterfragten erst einmal ihre eigene Wahrnehmung. Habe ich das eben wirklich erlebt? Habe ich etwas überinterpretiert? War diese Berührung vielleicht doch notwendig für die Untersuchung?
Oft dauere es Wochen, bis die Patientinnen sich durchringen und jemandem von dem Erlebten erzählen. Denn das Verhältnis Arzt-Patientin sei eben ein sehr besonderes, sagt Werner.
Das ist keine Beziehung auf Augenhöhe. Die Patientin bringt Vertrauen ein, das missbraucht wird.
Es sei ein Vertrauens- und außerdem ein Abhängigkeitsverhältnis. Daraus ergebe sich eine große Hemmschwelle. Denn schließlich seien die Betroffenen ja zum Arzt gegangen, um Hilfe zu bekommen. Doch genau dies werde dann ausgenutzt. Die Vorstellung, das öffentlich machen zu müssen, schrecke viele ab.
Ein weiteres Problem sei, dass es oft keine Zeugen gebe. Die Patientinnen fragen sich, ob ihnen überhaupt geglaubt würde. Einige Frauen haben auch Sorge, dass andere von den Vorwürfen hören und sie nie wieder einen Arzt finden.
Frauen können Beschwerde gegen den Arzt einreichen
Die erste Hilfestellung, die Christel Werner den Betroffenen bieten kann, ist deshalb Klarheit. Das Erlebnis mit ihnen zu besprechen und sie - in den meisten Fällen - darin zu bestärken, dass ihre Wahrnehmung sie nicht getrogen hat und dass der Arzt sich tatsächlich unangemessen verhalten hat.
Die größte Hilfestellung ist oft Klarheit, die Frauen darin zu bestärken, dass ihre Wahrnehmung ok ist.
Dann könne man gemeinsam überlegen, welche Schritte als nächstes möglich sind. Den meisten Frauen sei es vor allem wichtig, dass der betreffende Arzt gestoppt wird, dass keine anderen Frauen ähnliche Erfahrungen machen müssen. Dafür können sie bei der zuständigen Bezirksärztekammer eine Beschwerde über den Arzt einreichen oder ihn offiziell bei der Polizei anzeigen.
Frauennotruf Mainz appelliert an Betroffene: Erlebtes öffentlich machen
Auch beim Frauennotruf Mainz melden sich immer mal wieder Frauen, die sexuelle Übergriffe in Arztpraxen oder Krankenhäusern erlebt haben. Viele hätten Angst vor weiteren Schritten, weil sie es nicht beweisen können, bestätigt auch Annette Diehl vom Frauennotruf die Hemmschwelle vieler Betroffener. Außerdem sei es nach wie vor eine Art Tabubruch, einen Arzt mit Missbrauch in Verbindung zu bringen.
Dennoch appellieren sowohl Landesärztekammer als auch Frauennotruf an alle Betroffenen: Macht euer Erlebnis öffentlich. Zeigt den Tätern ganz klar: Das geht gar nicht. Das sei für die eigene Seelen-Hygiene wichtig, aber auch, um andere Opfer zu ermutigen, sich jemandem anzuvertrauen. Und schließlich könnten so weitere Übergriffe verhindert werden.
Kostenlos und vertraulich Gewalt an Frauen - Neues Hilfsangebot in Mainz und Worms
Wer körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hat, bekommt in Zukunft mehr Unterstützung. In Mainz wurde das Angebot "Vertrauliche Hilfe nach Gewalt" vorgestellt.
Ärzte nicht mehr "Götter in Weiß" wie früher
Und es gibt auch gute Nachrichten. Die Situation verändert sich, sagt Christel Werner. Ärzte seien heute nicht mehr die unantastbaren "Götter in Weiß" wie früher. Auch die #MeToo-Bewegung habe da einiges angestoßen. Ein Beleg dafür ist eben auch die Einrichtung ihrer Ombudsstelle bei der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz.