"Hallo zusammen zu unserem Treffen", sagt Ramona und fragt Dominik, welches Buch er heute dabei hat. Dominik holt ein Buch aus seiner Tasche, hält es vor seine Brust und sagt: "Ich hab' einen Klassiker dabei. Ein Buch von Jane Austen, das will ich heute lesen, das kenne ich noch nicht."
Gemeinsam still lesen auf dem Sofa
Katrin und Ramona zeigen auch noch ihre Bücher und dann machen es sich die drei auf dem Sofa bequem und beginnen zu lesen. Anderthalb Stunden sitzen sie schweigend zusammen. Lachen oder Seufzen ist erlaubt - aber nicht reden.
Der Mainzer Silent Book Club ist heute im Second-Hand-Buchladen "Buchstabensalon" in Mainz-Bretzenheim zu Gast. Ausnahmsweise sind sie nur zu viert. Während sie lesen, stöbern Kunden in den Regalen des Buchladens und gehen an die Kasse. Die drei lassen sich davon nicht ablenken und sind in ihre Bücher vertieft.
Silent Book Club trifft sich einmal im Monat
"Normalerweise kommen 20 bis 25 Leute zu den Treffen", sagt Ramona. Sie hat den Mainzer Silent Book Club im August 2024 gegründet. "Ich bin wieder nach Mainz zurückgezogen und wollte Leute kennenlernen", erzählt die 33-Jährige.
Einmal im Monat organisiert sie die Treffen in Büchereien, Cafés oder im Sommer am Rhein. Über Instagram teilt sie mit, wo die Treffen stattfinden. Die Idee stammt übrigens von zwei Frauen aus San Francisco. Sie haben sich 2012 zum Lesen verabredet. Inzwischen gibt es weltweit in 60 Ländern etwa 2.000 Silent Book Clubs.
Gemeinsames Lesen verbindet
Ramonas Rechnung ist aufgegangen: "Ich habe viele liebe Menschen kennengelernt, mit denen ich mich auch außerhalb des Silent Book Clubs treffe", sagt sie. Dominik Biller ist zum Beispiel ein guter Freund von ihr geworden.
Der 39-Jährige kommt extra aus Bad Kreuznach zu jedem Treffen nach Mainz. "Ich arbeite im Büro, das ist nicht so spannend. Wenn ich lese, flüchte ich mich in andere Welten und erlebe aufregende Dinge", sagt Dominik.
Aber alleine zu Hause lesen, das mag er nicht so gerne. "Da fühle ich mich oft einsam. Ich genieße es, wenn wir alle zusammen in unseren Büchern schmökern. Das gibt ein Gefühl von Gemeinschaft", schwärmt Dominik.
Räuspern und Lachen sind erlaubt
"Ich genieße auch die Gemeinschaft", lacht Ramona. Am Anfang sei es aber komisch gewesen, neben jemandem zu sitzen, der auch liest. "Ich habe mir Sorgen gemacht, ob er mein Schlucken oder Atmen hört", schmunzelt sie. Das sei aber vorbei.
Katrin Marlene Vierheller stört das auch nicht. Die 34-Jährige liebt die Gemeinschaft im Silent Book Club. "Wenn ich mich nach einer halben Stunde nicht mehr konzentrieren kann, sehe ich die anderen, wie sie lesen und kann plötzlich auch wieder weiterlesen. Man liest einfach mehr", erklärt sie.
Jedes Buch in der Leserunde ist wertvoll
Nach anderthalb Stunden ist die Lesezeit vorbei. Dann wird über die Bücher diskutiert. "Aber niemals abwertend", sagt Ramona. Darauf achte sie sehr.
"Ich hatte am Anfang Angst, dass Leute kommen, die sehr versnobt sind und den anderen erklären, dass ihre Bücher Schrott sind oder minderwertig. Das ist aber nie passiert", erzählt Ramona. Im Silent Book Club darf jeder alles lesen, außer es ist menschenverachtend. Da würde sie einschreiten.
Silent Book Club ist mehr als nur eine Lesegemeinschaft
"Die Gespräche danach gehen aber weit über die Bücher hinaus", meint Dominik. Alle Club-Mitglieder reden über alles, was sie bewegt. Daraus sind Freundschaften entstanden. Und das ist, was Dominik am meisten am Silent Book Club schätzt.
Das ist der größte Gewinn des Silent Book Clubs, dass ich Freunde gefunden habe.
Das merkt man auch heute wieder. Nach der Diskussion über die Bücher ist noch lange nicht alles vorbei. "Kommt ihr noch mit in die Stadt einen Kaffee trinken?" fragt Ramona. Katrin und Dominik sagen sofort ja, packen ihre Bücher ein und verlassen zusammen den Silent Book Club in Mainz.