"Hitler hätte euch besser vergast" ist nur eine der vielen schier unaussprechlichen Beleidigungen, die sich eine Schülerin von ihrer Mitschülerin wiederholt anhören muss. Die Familie wendet sich an die Lehrkräfte, doch die Unterstützung bleibt aus. Die Tochter solle die Äußerungen einfach ignorieren. Irgendwann wird es dem Mädchen zu viel und sie wird handgreiflich. Die Schule stellt sie nun als Täterin dar, nicht länger als Opfer. Es ist eines von vielen Beispielen aus dem aktuellen Jahresbericht über Antiziganismus in Rheinland-Pfalz.
Fallzahlen haben sich in Rheinland-Pfalz fast verdoppelt
100 Vorfälle sind 2025 bei der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) offiziell registriert worden. Das sind 41 Fälle von Diskriminierung, Herabwürdigung, Beleidigung und Gewalt gegenüber Sinti und Roma mehr als noch im Jahr davor. MIA-Vorstand Christian Kling sprach von einer immer feindseligeren Stimmung in der Gesellschaft. Spaltung sei allgegenwärtig.
Hohe Dunkelziffer bei Angriffen auf Sinti und Roma
Kling verwies auch darauf, dass es vermutliche viele nicht gemeldete Angriffe auf Sinti und Roma gibt. Viele Betroffene würden aus Angst vor negativen Konsequenzen nicht zu den Behörden gehen, weil sie öffentlichen Stellen misstrauten. Deshalb zeigen sie nach Angaben des MIA-Vorsitzenden auch strafrechtlich relevante Fälle nicht an. Dennoch rechnet er damit, dass die Zahl der gemeldeten Angriffe weiter steigt.
Der Meldestelle ist es zu verdanken, dass mehr Licht auf die Ereignisse fällt, nicht alles länger im Dunkeln bleibt.
Viele junge Sinti und Roma Opfer von Diskriminierung
Auffällig ist: Etwa ein Viertel dieser Vorfälle richtet sich gegen Minderjährige. Nach Angaben der MIA-Verantwortlichen zeigt das: Diskriminierung beginnt oft schon früh, besonders in der Schule oder in der Freizeit junger Menschen.
Antiziganismus Sinti und Roma in der Schule – Diskriminierung überwinden
Sinti und Roma werden in Deutschland überall diskriminiert; auch in der Schule. Dabei kann mehr Wissen und die Beschäftigung mit der Minderheit helfen, Vorurteile zu überwinden.
Antiziganismus: Land will mehr Aufklärung im Unterricht
Damit Menschen Minderheiten wie Sinti und Roma besser verstehen, will der rheinland-pfälzische Antiziganismusbeauftragte Michael Hartmann das Thema in den Lehrplänen der Schulen fest verankern. Im Unterricht sollen sowohl die Verfolgung als auch die Kultur der Sinti und Roma eine größere Rolle spielen. "Es gibt zu viel Unwissen über die Minderheiten", so Hartmann. Etwa 10.000 Menschen gehören in Rheinland-Pfalz den Sinti und Roma an.
Meldestelle in Rheinland-Pfalz nur eine von sechs bundesweit
Bundesweit wurden im bislang letzten Jahresbericht 2024 insgesamt 1.678 Antiziganismus-Vorfälle gemeldet. Der aktuelle Bericht soll in Kürze vorliegen, kündigte MIA-Geschäftsführer Guillermo Ruiz an. Die Meldestelle in Rheinland-Pfalz gibt es seit 2022. Betroffene können dort telefonisch, online oder persönlich Vorfälle melden.
"Der Meldestelle ist es zu verdanken, dass mehr Licht auf die Ereignisse fällt, nicht alles länger im Dunkeln bleibt", sagte der Antiziganismus-Beauftragte Hartmann. In Deutschland gibt es fünf weitere Meldestellen: in Bayern, Berlin, Hessen, Schleswig-Holstein und Sachsen.