Bis 2040 wird die Zahl der Patientinnen und Patienten mit Demenz in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern um 35 Prozent zunehmen. Das ist das Ergebnis des aktuellen BARMER-Krankenhausreports. Darin wird auch kritisiert, dass die Kliniken im Land nicht ausreichend auf demente Menschen eingestellt seien.
- Warum die Zahl der Menschen mit Demenz steigt
- Was bedeutet ein Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Demenz?
- Wann ist eine Klinik gut auf Menschen mit Demenz eingestellt?
- So läuft die Behandlung von Demenzpatienten in der Vorzeigeklinik in Bad Kreuznach
- Was bedeutet Rooming-in und wird es von der Krankenkasse bezahlt?
Immer mehr Menschen mit Demenz - auch im Krankenhaus
Die Zahl der Krankenhausfälle von Demenzerkrankten aus Rheinland-Pfalz wird vom Jahr 2023 bis zum Jahr 2040 von etwa 54.000 auf rund 73.000 steigen.
Der Grund für den Anstieg von Demenzerkrankungen liegt generell in der demografischen Entwicklung. Die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter und das Risiko an Demenz zu erkranken steigt mit dem Alter. Menschen ab 65 Jahren und vor allem ab 80 Jahren sind besonders häufig von Demenz betroffen.
Rheinland-Pfalz sticht mit einem besonders krassen Anstieg von 35 Prozent mehr Krankenhausfällen mit Demenz bis 2040 hervor. Das ist der größte Zuwachs unter allen Bundesländern. Der Bundesschnitt liegt bei 24,75 Prozent. Die geringste Steigerung wird mit 12 beziehungsweise 16 Prozent für Sachsen und Sachsen-Anhalt vorhergesagt.
Die Unterschiede begründen sich laut BARMER-Landesgeschäftsführerin Dunja Kleis hauptsächlich in der unterschiedlichen Altersstruktur der Bundesländer. So starteten etwa die ostdeutschen Bundesländer von einem viel höheren Ausgangsniveau und hätten "den Peak heute schon überschritten".
Was bedeutet ein Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Demenz?
Die häufigsten Diagnosen bei Menschen, die mit 65 oder mehr Jahren ins Krankenhaus kommen, sind laut Krankenhausreport Herzinsuffizienz und Oberschenkelbruch. Für Menschen mit Demenz sind Behandlung und Reha in Kliniken besonders belastend.
Unter Verweis auf aktuelle Studien schreibt die BARMER: "Die ungewohnte Umgebung, ein unstrukturierter Tagesablauf und fehlende Bezugspersonen können demenztypische Verhaltensauffälligkeiten wie Weglauf-Tendenzen, Unruhe oder aggressive Reaktionen auslösen, beziehungsweise verstärken."
Zudem könnten sich Menschen mit Demenz in unübersichtlichen Krankenhausfluren schlechter zurechtfinden. Außerdem helfe Demenzerkrankten ein fester Tagesablauf, der gut strukturiert ist. Das fehle in Kliniken häufig. Aufgrund dieser Faktoren seien Demenzpatientinnen und -patienten zudem anfälliger für einen Zustand akuter Verwirrtheit (Delir), der lebensgefährlich werden könne.
Die Auswirkungen sind Studien zufolge fatal: Menschen mit Demenz sind länger im Krankenhaus und werden häufiger wieder eingewiesen, als Menschen ohne Demenz. Ihre Behandlungsergebnisse sind deutlich schlechter und die Sterblichkeit, sowohl während des Klinikaufenthaltes als auch im Verlauf des darauffolgenden Jahres, ist höher.
BARMER: Kliniken in RLP nicht gut auf Patienten mit Demenz vorbereitet
Weil diese Risiken für Demenzpatienten bestünden, müsse das große Ziel sein, Krankenhausaufenthalte von Patientinnen und Patienten mit Demenz möglichst zu vermeiden, meint BARMER-Landesgeschäftsführerin Kleis. Als Optionen zählt sie telemedizinische Monitoring-Systeme auf, mit denen gesundheitliche Verschlechterungen frühzeitig erkannt werden können. Durch regelmäßige Bewegung und eine sichere Wohnung könnten Stürze verhindert werden. Auch Assistenzsysteme für Demenzkranke könnten hilfreich sein, so Kleis.
Die aktuellen Strukturen in Kliniken sind oft nicht auf die Bedürfnisse Demenzerkrankter ausgerichtet.
Doch bei aller Prävention müssten die Kliniken im Land aktiver werden und sich auf die steigenden Zahlen an Patientinnen und Patienten mit Demenz einstellen, sagt Kleis. Dazu zählten separate Räume in eigenen Abteilungen für Demenzerkrankte, die wohnlich eingerichtet sind, sowie besonders geschultes Personal, das die Bedürfnisse der Erkrankten samt ihrer geriatrischen Besonderheiten im Blick habe. Wichtig sei zudem, dass Angehörige aktiv eingebunden würden.
Eine so umfassende demenzsensible Ausrichtung gibt es laut BARMER derzeit nur in der Geriatrischen Fachklinik Rheinhessen-Nahe in Bad Kreuznach. Die BARMER beruft sich dabei auf die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Auch wenn andere Kliniken im Land das Thema Demenz ebenfalls auf dem Schirm hätten, konstatiert Kleis: "Die Zahl rheinland-pfälzischer Kliniken mit einem umfassenden Demenzkonzept muss deutlich zulegen, denn die aktuellen Strukturen in Kliniken sind oft nicht auf die Bedürfnisse Demenzerkrankter ausgerichtet."
Kritik an Aussagen zu fehlenden Demenzkonzepten in Krankenhäusern
Auch wenn die DGG nur einem Krankenhaus in Rheinland-Pfalz ein umfassendes Demenzkonzept zuschreibt, zeigt eine stichprobenartige Abfrage des SWR unter Kliniken im Land: Viele Häuser bemühen sich um einen guten Umgang mit Demenzpatientinnen und -patienten. So betont etwa Simon Nagel, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Ludwigshafen, dass es anders also bei Schlaganfallstationen oder onkologischen Zentren kein staatlich anerkanntes ISO-Zertifikat für ein demenzsensibles Krankenhaus gebe. "Das heißt aber nicht, dass die Krankenhäuser nicht vorbereitet sind oder kein Bewusstsein haben für Demenzpatienten."
Dort wo es eine Geriatrie, eine Neurologie oder eine psychiatrische Abteilung gebe, herrsche per se ein großes Bewusstsein, wie man mit Demenzpatienten umzugehen habe. Über seine Klinik sagt Nagel: "Wir haben seit Jahren ein Demenzteam im Haus etabliert, was sich regelmäßig trifft, Konzepte entwickelt, interdisziplinäre Fortbildungen für Mitarbeiter organisiert. Wir haben Konzepte entwickelt, wie man mit Delirpatienten umzugehen hat" - das alles aber ohne offizielles Zertifikat oder Label.
Auch der Blick in den Landeskrankenhausplan 2019-2025 zeigt, dass sich die Krankenhauslandschaft beim Thema Demenz im Umbruch befindet. So sollten vor allem sogenannte gerontpsychiatrische Tageskliniken für die schwerpunktmäßige Behandlung demenziell erkrankter Patientinnen und Patienten ausgebaut werden. Ziel sei es, dass Patienten "eine frühe, leitliniengerechte Diagnostik und spezifische Therapie unter Einbezug ihrer Angehörigen erhalten mit dem Ziel, das größtmögliche Maß an Selbstbestimmung und Lebensqualität zu erhalten."
So arbeitet die geriatrischen Fachklinik Rheinhessen Nahe mit Demenzpatienen und Angehörigen
Auch wenn es viele Kliniken gibt, die sich auf Menschen mit Demenz eingestellt haben, erreicht nur die geriatrische Fachklinik Rheinhessen Nahe in Bad Kreuznach den von der DGG und der BARMER vorgegebenen Goldstandard. Der Ärztliche Direktor der Klinik, Jochen Heckmann, beschreibt das Angebot so: "Mit der Aufnahme durchlaufen die Patientinnen und Patienten ein ganzheitliches Screening, mit dem unter anderem kognitive Einschränkungen oder ein mögliches Delir frühzeitig erkannt werden sollen."
Wird etwa eine Demenz festgestellt, können Erkrankte zusammen mit Angehörigen auf der sogenannten Tandemstation aufgenommen werden. Der gemeinsame Aufenthalt bietet den Demenzpatientinnen und -patienten Sicherheit in einer fremden Umgebung und soll dazu führen, eine dauerhafte Rückkehr in ihr altes Zuhause zu sichern. So werden die Angehörigen in die Therapie eingebunden und im Umgang mit den Betroffenen angeleitet. Sie erhalten ein Schulungsprogramm zum Krankheitsbild, zu rechtlichen und finanziellen Fragestellungen, pflegerischen Maßnahmen und zu den Kommunikationsmöglichkeiten mit den Erkrankten. Die Therapien finden direkt auf der Station statt, um den Patienten unnötige Wege zu ersparen.
Beim Neubau der Akutgeriatrie 2021 wurden die Belange von Menschen mit Demenz mitgedacht. Eine Besonderheit ist Heckmann zufolge etwa, dass sich die Lichtfarbe der Zimmer dem Tageslicht anpasst. Außerdem soll der Boden mit einem speziellen Braunton eine Erdverbundenheit vermitteln. Auch hier gibt es einige Zimmer für Begleitpersonen.
Bastelangebote im Krankenhaus und Reha zuhause
Besonders wichtig seien spezielle Schulungen für alle Mitarbeitenden, erklärt Heckmann. Die Basisschulung enthalte Bausteine zu Depression, Demenz und Delir. "Dazu kommen intensive Schulungen zum Thema Demenz, wo es um den Umgang mit aggressivem Verhalten, Teilnahmslosigkeit oder Hinlauftendenzen [Patienten wollen hin zu etwas laufen, etwa nach Hause, Anm. d. Red.] geht." In Planung seien zudem Alltagsbegleiter im Akutbereich, die Vorlesestunden, gemeinsames Erzählen oder Bastelaktionen in der Gruppe anleiten sollen, um an noch vorhandene Fähigkeiten der dementen Menschen anzuknüpfen.
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die mobile Reha. Ist ein Klinikaufenthalt nicht möglich, weil die Demenz nur das vertraute Umfeld von zuhause zulässt, gibt es ein interdisziplinäres Team, dass die Patientinnen und Patienten in einem gewissen Umkreis zuhause besucht. Dort bietet das Team täglich individuell angepasste Therapien und Beratungen an.
Demenzpatienten in Klinik begleiten: Wird Rooming-in von der Krankenkasse bezahlt?
Demente Angehörige in die Klinik zu begleiten, ist auch in anderen Krankenhäusern möglich, verrät der Ludwigshafener Chefarzt Simon Nagel: Ein Rooming-In sei "bei Notfallpatienten manchmal schwierig, aber auf Anfrage kann so etwas möglich sein, um eben ein Delir als Komplikation von vornherein zu mindern oder sogar zu verhindern."
Die Kosten für die Unterbringung im gleichen Zimmer können sogar von der Krankenkasse übernommen werden. Im Wegweiser Demenz heißt es dazu: "Bescheinigt der Krankenhausarzt, dass eine Begleitung für die Zeit des Aufenthalts aus medizinischen oder therapeutischen Gründen notwendig ist, werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen (§ 11 Absatz 3 SGB V). Eine Hausärztin oder ein Hausarzt kann eine solche Empfehlung auch vorab aussprechen."
Weiter Informationen zur Begleitung von Menschen mit Demenz ins Krankenhaus bietet die Broschüre "Mit Demenz im Krankenhaus" der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und der Deutschen Krankenhausgesellschaft.