Zur Erinnerung: Im August 2024 stürzte in dem Moselort Kröv am späten Abend ein Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ein. In dem Hotel wurden neun Menschen verschüttet. Zwei von ihnen überlebten den Einsturz nicht, die anderen wurden teils schwer verletzt erst nach vielen Stunden geborgen.
Erst vor wenigen Wochen ergab nun ein Gutachten, dass offenbar schon bei der Aufstockung des Gebäudes in den 1980er-Jahren Fehler gemacht wurden. Ermittelt wird nun aber gegen einen Statiker, der nach Auffassung der Staatsanwaltschaft die Einsturzgefahr hätte erkennen müssen. Der beim Einsturz verstorbene Hotelbesitzer hatte nämlich Risse in der Wand entdeckt und extra den Statiker hinzugezogen.
Viele Baufehler bei Altbausanierung in den 1980er Jahren
In den 1980er-Jahren, als das Hotel in Kröv renoviert und ausgebaut wurde, begann ein regelrechter Boom auf alte Wohnhäuser. Für eine ganze Generation wurde es quasi zu einem Lebenstraum, ein altes Haus zu renovieren und möglichst viel zu erhalten. Welche Baumaterialien dafür geeignet sind, darüber wusste man allerdings wenig – wie sich nach Jahrzehnten herausstellt.
"98 Prozent meiner Bauobjekte wurden spätestens in den 1980ern saniert. Und der größte Teil meiner Arbeit besteht darin, die daraus entstandenen Schäden wieder zurückzubauen", erzählt Zimmerermeister Niklas Broos, der sich auf die Restaurierung von Fachwerkhäusern spezialisiert hat.
Sanierungsfehler können sich nach Jahrzehnten rächen
Viele Fehler seien damals gemacht worden, sagt Broos. Baustoffe und Techniken, die heute undenkbar seien, seien damals noch Lehrmeinung gewesen, zum Beispiel die Verwendung von Kunststoffen oder bituminösen Spachtelmassen, um Risse zu schließen. Die guten Handwerkstechniken wie der Lehmbau oder der Kalkputz seien nach und nach von der Industrie verdrängt worden.
Zum Schaden der Gebäude, wie man heute weiß. Denn alles, was verhindert, dass Feuchtigkeit aus dem Holz oder dem Mauerwerk verdunstet, kann langfristig der Standfestigkeit des Gebäudes schaden. Das kann eine wasserundurchlässige Holzfarbe sein, wodurch Feuchtigkeit im Holz nicht austrocknen kann. Oder Zement- und Gipsputz auf dem Mauerwerk, der verhindert, dass Feuchtigkeit austreten und die Wand trocknen kann. Manchmal erst nach Jahrzehnten stellt sich dann heraus, dass Balken verfault oder durch Pilze zerstört sind. Je nachdem, welcher Teil der Holzkonstruktion betroffen ist, kann das Haus sogar einstürzen.
Eigentümer alter Gebäude in der Verantwortung Nach Hoteleinsturz in Kröv: Ingenieur appelliert an Besitzer, mehr zu kontrollieren
Der Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Prüfingenieure ruft Besitzer von alten Häusern zu regelmäßigen Gebäudekontrollen auf. So könnten beispielsweise Risse entdeckt werden.
Energetische Sanierung von Altbauten kann Problem verschlimmern
Bei alten Gebäuden sei es normal, dass irgendwann mal Feuchtigkeit eingedrungen ist, sagt Frank Rinn, Ingenieur und Sachverständiger für Holzkonstruktionen aus Heidelberg. Daher könne es an alten Balken immer kleine Stellen mit Pilzbefall geben. Das sei solange kein Problem, wie das Holz trocken liege. "Wenn man das Haus aber thermisch ertüchtigt, wird die Gebäudehülle dichter und Wasserdampf kann nicht mehr so schnell aus dem Gebäude heraus verschwinden", erklärt Rinn. Und Feuchtigkeit und Wärme sei die perfekte Pilzzuchtanlage. "Die Schäden können so massiv sein", warnt er, "dass sie - und das haben wir immer wieder - zum Einsturz von Konstruktionen führen können."
Altbauten sollten regelmäßig begutachtet werden
Was können Hausbesitzer tun? Vor allem, wenn man ein altes Haus kauft, das bereits energetisch saniert ist - man kann ja nicht in die Wand oder den isolierten Dachstuhl schauen. Veränderungen im Haus aufmerksam beobachten, rät der Sachverständige Rinn. Ein Riss in der Wand, eine verzogene Balkon - oder Terrassentür, die sich nur schwer schließen lässt, könnten erste Hinweise sein, dass etwas nicht stimmt.
"Dann sollte man einen Bausachverständigen fragen: Haben die Risse etwas zu sagen. Und der sollte dann entsprechende Fachleute hinzuziehen." Es sei heute in der Regel so kompliziert, dass man keinen Baufachmann finde, der alle Fragen abdecken könne.
Regelmäßige Kontrolle von Wohnhäusern keine Pflicht
Verantwortlich für die Standfestigkeit von Gebäuden sind die Hausbesitzer, betont Martin Hofmann, Vorsitzender der Vereinigung der Prüfingenieure für Baustatik in Rheinland-Pfalz e.V.. Es gebe zwar die Pflicht für die Sicherheit des Gebäudes zu sorgen, aber regelmäßige Kontrollen seien nicht vorgeschrieben. "Mit dem Auto muss man regelmäßig zum TÜV. Keiner denkt darüber nach. Es ist einfach so", konstatiert Hofmann. "Man könnte darüber nachdenken auch für Gebäude eine Kontrolle, alle fünf oder zehn Jahre, zur Pflicht zu machen."
Rinn empfiehlt auf jeden Fall, beim kleinsten Verdacht, Fachleute hinzuzuziehen. "Das kostet zwar ein bisschen was", gibt Rinn zu, "aber wenn ich dann anschließend durch ein entsprechendes Gutachten ruhiger schlafen kann, ist es das auf jeden Fall wert."