Sie ist eine der häufigsten Todesursachen - obwohl viele Fälle vermeidbar wären. Die Zahlen sind in Deutschland und in Rheinland-Pfalz seit Jahren unverändert hoch. Ein Problem ist die Früherkennung - denn wenn die Sepsis erstmal ausbricht, muss es sehr schnell gehen.
So wie bei dem einjährigen Alas, der vor einigen Wochen in die Mainzer Unimedizin kam. Es war knapp - ein paar Stunden später und er hätte nicht überlebt. Was zunächst eher wie eine Grippe aussah, entpuppte sich als Streptokokken-Infektion, die den ganzen Körper befallen hatte.
Der kleine Junge kam an einem Montagmorgen in die Notaufnahme, erinnert sich die behandelnde Ärztin. "Er war in einem kritischen Zustand, es war ein Notfall", sagt Kinderintensivärztin Annika Wessel. Das Team der Kinderintensivstation kämpft um das Leben des Kindes, bekommt die Sepsis mit einer gezielten Therapie, auch mit Antibiotika, schließlich in den Griff.
Das Grundproblem bei einer Sepsis ist, sie überhaupt zu erkennen. Und bei Kindern sei das nochmal schwieriger, sagt Annika Wessel. "Die Anzeichen bei Kindern sind viel subtiler als im Erwachsenenalter, weil die Kinder natürlich von sich aus nicht unbedingt sagen, dass es ihnen schlecht geht, dass sie ein schlechtes Gefühl haben."
Im Fall des kleinen Alas haben die Eltern alles richtig gemacht, sagt Kinderärztin Annika Wessel. Ihnen war zwar nicht klar, dass es um eine Sepsis ging. Aber sie merkten deutlich, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmte, dass es ihm immer schlechter ging. Und auch der Kinderarzt habe sofort reagiert und die Familie in die Notaufnahme geschickt. Im Grunde müsse jeder Kinderarzt in der Lage sein, eine Sepsis zu erkennen, so Wessel. Das sei in der Regel auch so. Aber mit Blick auf ländliche Gebiete, wo vielleicht kein Kinderarzt zur Verfügung stehe, "muss im Endeffekt jeder Allgemeinmediziner darin geschult sein, kritisch kranke Kinder zu erkennen und eine Sepsis auch in der ersten Stunde zu behandeln".
Die Kinderintensivärztin rät Eltern, gerade bei kleinen Kindern auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen und keine Zeit zu verlieren. "Wenn ein Kind nicht mehr reagiert, wenn es müde, nicht mehr ansprechbar und schlapp ist, sich nicht mehr von alleine bewegt, wenn die Atmung auffällig ist, dann ist es auf jeden Fall kritisch krank."
Wenn Eltern sagen, das Kind ist so krank, das habe ich noch nicht gesehen, dann muss es ärztlich vorgestellt werden.
Amputation nach einer Sepsis
Ortswechsel nach Ludwigshafen. Hier wird Michael Grossard nach einer schweren Sepsis behandelt. Er hatte Glück, hat überlebt. Aber die Keime hätten den 59-Jährigen fast getötet. Erst war die Lunge entzündet, dann der ganze Körper. Grossard lag zehn Tage im Koma, brauchte starke Medikamente. Die retteten seine lebenswichtigen Organe - allerdings um einen hohen Preis. Durch Medikamente, die den Kreislauf unterstützen, wird zugleich die Durchblutung in der Peripherie, also in Armen und Beinen, vermindert, erklärt Gregor Reiter, Leiter der Septischen Chirurgie an der BG Klinik Ludwigshafen. "So kommt es dann zu diesen schwarzen Füßen, schwarzen Händen, also dem Absterben von Gewebe." Über die abgestorbene Haut hätten schnell neue Bakterien eindringen können, deswegen wurden die Zehen und Teile des vorderen Fußes amputiert.
Michael Grossard klagt nicht über den Verlust, mit Hilfe spezieller Stützschuhe kann er laufen. Er ist froh, die Sepsis überhaupt überlebt zu haben.
Zehntausende Menschen jährlich sterben an Sepsis
Jedes Jahr sterben zehntausende Menschen in deutschen Krankenhäusern an einer Sepsis - deutlich mehr als im internationalen Vergleich. Schaut man auf die jährlichen Sepsis-Todesfälle je 100.000 Einwohner, so sind es in Finnland 142 Menschen, in der Schweiz 162, die an einer Sepsis versterben, in Schweden 172, in Dänemark 190, in Deutschland 247 Tote. Seit Jahren sind die Zahlen bei uns unverändert hoch.
Wir haben da, würde ich schon sagen, noch große Defizite, also was die Diagnostik angeht, was das Wissen angeht, was die Therapie angeht.
Das Bundesgesundheitsministerium teilt dazu auf SWR-Anfrage mit, dass man ein Qualitätssicherungsverfahren in die Wege geleitet habe. Dies solle zukünftig "valide Aussagen zur Situation der Sepsis in Deutschland liefern, um weitere mögliche Handlungsfelder identifizieren zu können". Seit mehr als fünf Jahren läuft dieses Verfahren schon. Ab 2026 müssen die Krankenhäuser jetzt erstmal Bericht erstatten, wie sie in Sachen Sepsis aufgestellt sind.
Gregor Reiter geht das deutlich zu langsam. "Wenn wir jetzt erst auf die Ergebnisse der Qualitätssicherung warten, verlieren wir wieder wertvolle Zeit", sagt er. Der Ansatz sei richtig, man müsse besser werden, Ergebnisse vergleichbar machen. Aber "wir müssen aus meiner Sicht schon jetzt ins Handeln kommen".
Auch die Mainzer Kinderintensivärztin Wessel wünscht sich mehr Aufklärung der Bevölkerung und mehr Fortbildung für Mediziner.
Wenn wir eine bessere Früherkennung hätten, wenn wir eine breitere, flächendeckende Ausbildung hätten und dieses Krankheitsbild mehr im Fokus wäre, ähnlich wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle, dann glaube ich schon, dass wir die Mortalitätsraten entsprechend senken könnten.
Damit in Zukunft mehr Fälle so vergleichsweise glimpflich ausgehen wie beim kleinen Alas.