Konzentrationsstörungen und fehlende Sprachkenntnisse

Gesundheitsamt Trier beobachtet: Immer mehr Kindergartenkinder kaum schulreif

Bevor Kinder zur Grundschule kommen, müssen sie einen Test machen. Die Ergebnisse werden immer schlechter. Die Leiterin des Gesundheitsamtes Trier erklärt warum.

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Von Autor/in Andrea Meisberger

Vorschulkinder machen das sogenannte Sozialpädiatrische Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen (SOPESS). Dieses gibt es seit 2009 und wurde für 6-jährige Kinder entwickelt. Zum einen soll mit dem Test auf das Kind individuell geschaut werden. Zum anderen können anhand der Daten auch gesamtgesellschaftliche Trends über Jahre hinweg erkannt werden.

Sabine Becker leitet seit Juli 2023 das Gesundheitsamt in Trier. Sie beobachtet, dass die Kinder bei diesen Untersuchungen immer schlechter abschneiden.

SWR Aktuell: Was wird bei diesen Vorschuluntersuchungen gemacht?

Sabine Becker: Im Einzelnen werden zum Beispiel die selektive Aufmerksamkeit, Zahlen und Mengen, Wissen und Verständnis getestet. Beispielsweise müssen dann kleinere Bilder abgezeichnet werden. Dann wird bewertet, wie genau und detailgetreu diese sind. Die Kinder müssen auch Mengen erfassen.

Auch Sprache und Sprechen wird untersucht. Genau wie die Körperkoordination. Beispielsweise müssen die Kinder hüpfen. Zu dem Test gehört auch noch ein Seh- und Hörtest sowie die körperliche ärztliche Untersuchung. Der Impfstatus wird auch kontrolliert, um eventuelle Impfempfehlungen auszusprechen oder auf Lücken im Pass hinzuweisen.

Sabine Becker ist die Leiterin des Gesundheitsamtes in Trier.
Sabine Becker ist die Leiterin des Gesundheitsamtes in Trier.

SWR Aktuell: Wie haben sich denn die Ergebnisse dieser Untersuchungen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Becker: Wir sehen schon einen Trend. Beispielsweise ist bei kleinen Kindern im Schnitt eine Gewichtszunahme zu erkennen.

Es gibt aber auch ganz allgemeine Entwicklungen, die wir sehen. Wir sehen bei vielen Kindern Konzentrationsstörungen. Eine Untersuchung dauert 20 Minuten. Die Kinder haben da Schwierigkeiten, ruhig auf dem Stuhl sitzen zu bleiben.

Es gibt Schwierigkeiten bei der Stifthaltung.

Ich möchte betonen, dass das unabhängig vom sozioökonomischen Status oder Migrationshintergrund ist. Es gibt aber auch Schwierigkeiten bei der Stifthaltung und den Sprachkenntnissen. Das hat sich alles in den letzten Jahren zum Negativen verändert.

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SWR Aktuell: Wo sehen Sie die Ursachen für diese Defizite?

Becker: Es gibt eine Vielzahl von Ursachen: Ein Grund sind häufig fehlende Sprachkenntnisse. Es ist schwierig, ein Kind zu untersuchen, das kein Wort Deutsch spricht. Dann versteht es die Anweisungen und Anleitungen meistens nicht und es ist sehr schwierig, die Fähigkeiten und Kenntnisse der Kinder einzuordnen. Das ist ein großes Hindernis.

Es kommt auch vor, dass Kinder in der Situation blockieren. Und dass, obwohl sie sonst fit sind. Sie kommen dann mit der Belastungssituation nicht klar und dem zusätzlichen Druck. Das nimmt auch zu, dass wir so in Anführungsstrichen Totalverweigerer haben, die normalerweise ganz anders sind.

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Weitere Ursachen sind, dass in den Elternhäusern teilweise keine Gesellschaftsspiele mehr gespielt werden oder dass nicht mehr vorgelesen wird. Auch die Medien werden zu viel genutzt. Die Kinder haben oft einen vollen Terminkalender, dass die nicht mehr spontan miteinander spielen können und dabei ihre Gruppenkompetenzen erfahren und begreifen können. Das alles sehen wir als ein Potpourri von Ursachen an.

SWR Aktuell: In einigen Kitas fällt die Vorschule weg. Ist das ein Problem?

Becker: In Anbetracht der Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen würde ich sagen, es wäre durchaus noch mal eine Überlegung wert, ob man die Vorschule noch mal einführt. Denn wir sehen kontinuierlich eine Abnahme der Güte der Ergebnisse. Und das gerade in den Kompetenzen, die in den Vorschulen ja auch vermittelt wurden, wie zum Beispiel die Stifthaltung.

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SWR Aktuell: Was können Eltern tun, um diese Defizite auszugleichen?

Becker: Die Eltern können einiges tun. Sie können Vorbildfunktion sein. Sie können selbst ihren eigenen Medienkonsum, wenn sie mit den Kindern zusammen sind, einschränken. Weil die Kinder lernen automatisch, dass jemand immer oder oft ein Handy in der Hand hat und dass das eine gewisse Normalität ist. Außerdem sollte der Terminkalender der Kinder nicht so voll gepackt sein.

Sie können Brettspiele mit ihren Kindern spielen, gemeinsam lesen oder auch vorlesen, gemeinsam Geschichten erzählen oder wenn man unterwegs ist, spielerisch Farben lernen oder Mengen erfassen. Das kann man alles spielerisch lernen.

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