Klar: Beim Stichwort "Overtourism" hat jeder sofort Venedig oder Barcelona im Kopf. Aber auch in Rheinland-Pfalz kann man auf die Idee kommen, dass es ein Zuviel an Tourismus geben kann. "SWR Aktuell 360 Grad" hat sich angeschaut, wie Trier und Traben-Trarbach mit dem Tourismus klarkommen. Hier erstmal ein paar wenige Zahlen, um die Dimension zu erfassen:
Die nackten Fakten zum Tourismus
Trier kommt aktuell auf mindestens 3,5 Millionen Tagesbesucher und 870.000 Übernachtungen pro Jahr. Die Einwohnerzahl ist mit 110.000 überschaubar.
Auch das viel kleinere Moselstädtchen Traben-Trarbach muss sich mit seinen Zahlen nicht verstecken: Im vergangenen Jahr kamen 87.000 Gäste und es gab 220.000 Übernachtungen. Die vielleicht noch wichtigere Zahl: In Traben-Trarbach leben knapp 5.700 Menschen. In Relation zur Einwohnerzahl kann man also durchaus von Massentourismus sprechen.
Unterwegs in Trier und Traben-Trarbach
"SWR Aktuell 360 Grad"-Host Marvin Neumann hat sich auf den Weg in die beiden Moselgemeinden gemacht. Er will herausfinden: Ist das Gefühl von "Overtourism" nur ein rein theoretisches oder ist es genau das, was die Menschen in ihren Heimatorten fühlen?
Wie ist es für die Menschen, die direkt die Kreuzfahrtschiffe auf der Mosel vor der Nase haben oder die sich für ihre täglichen Einkäufe durch Touristen-Trauben in der Innenstadt schieben müssen? Oder gibt es vielleicht sogar gute Gründe, warum man von Touristen, die einen Zwischnstopp einlegen, begeistert sein kann?
Das sagen die Menschen in Trier zu den Urlaubern
Hört man sich in Trier um, wird in Zusammenhang mit Tourismus immer wieder dieser Ort genannt: der Hauptmarkt mit seinem Weinstand mitten im Zentrum.
Mehr Touristen - die können ruhig kommen!
"Der ist wirklich richtig schlimm", sagt Lea Luy mit Blick auf die vielen Menschen, die sich dort oft tummeln. Wobei sie sich nicht sicher ist, ob das wirklich alles Touristen sind oder ob dort nicht auch viele Einheimische den Tag ausklingen lassen. Luy findet es nervig, sich dort durchzwängen zu müssen, sagt aber auch: "Ansonsten geht's!"
Touristen-Trauben am Weinstand am Hauptmarkt in Trier
Marvin hört bei seiner Tour durch Trier immer wieder: Am Hauptmarkt kann es einem zu viel werden - aber mehr kritische Worte bekommt Marvin nicht ins Mikrofon. Im Gegenteil:
Margret Reichenbach, die direkt über dem Hauptmarkt wohnt, sagt: "Mich stört's auf keinen Fall. Manchmal sind viele Gruppen unterwegs, aber die sind ja unten, ich bin oben." Auf die Frage, ob Trier noch mehr Touristen brauche, antwortet sie: "Die können ruhig kommen!"
Ein Problem sieht auch Alexander Brittnacher nicht in den aktuellen Touristenzahlen. Als Gastronom profitiert er von den Gästen, die bei ihm Kaffee trinken oder Eis essen. Aber er meint: "Wir sind weit entfernt von den Problemen, die Venedig hat. Von daher bin ich nicht der Meinung, dass es zu viel ist."
Stadt Trier will Overtourism vorbeugen
Die Stadt hat genau dafür Konzepte erarbeitet: Es soll gar nicht erst so weit kommen, dass zu viele Touristen die Stadt fluten. Zwei Ideen aus dem Konzept: Die Touristenströme sollen gelenkt werden - zum einen über das Jahr hinweg, damit nicht alle nur in der Hauptsaison kommen. Zum anderen regional, damit die Touristen nicht nur in der Trierer Innenstadt unterwegs sind.
Touristen halten Kopf und Geist offen
Abgesehen von klingelnden Kassen bei Händlern, Gastwirten oder Hotelbesitzern gibt es für Phoebe Sade einen ganz anderen Grund, den Tourismus in der Stadt gut zu finden: "Mir gefällt es, dass hier Touristen sind, weil wir sonst hier in Trier ein bisschen eng wären. Es ist schon gut, ein bisschen weit zu denken und die Touristen helfen dabei."
Moselabwärts nach Traben-Trarbach
Wie ist die Stimmung in dem kleinen Moselort? Hier sind schon heute verhältnismäßig viele Touristen unterwegs - und jetzt kam noch ein neuer Anleger für Kreuzfahrtschiffe hinzu.
Neuer Schiffsanleger ist Reizthema
Wir haben 50 Dezibel Lärmbelästigung und Abgasschwaden.
Beim Stadtrundgang zeigt sich schnell: Der Anleger ist ein Reizthema - aber das auch nur punktuell bei den Menschen, die direkt mit Blick auf den Schiffsparkplatz wohnen oder vermieten - so wie Julian Stolte. Er ist Betreiber eines Glamping-Zeltes direkt am Ufer mit schönem Ausblick.
Stolte engagiert sich in der Bürgerinitiative gegen den neuen Schiffsanleger, denn: "Wir sind hier nur 30 Meter Luftlinie entfernt. Wir haben durch die Schiffe eine Lärmbelästigung von 50 Dezibel und die Abgasschwaden ziehen hier durch."
Der Tourismus ist für ihn grundsätzlich kein Problem. Die Kreuzfahrtschiffe schon. Andere können das nachvollziehen, so wie Wolfgang Neuwinger, der sagt: "Der Fluss ist hier das Leben. Aber mit den Kreuzfahrtschiffen ist es hier so wie in Venedig. Die kommen rein wie die Hornissen, laufen einmal durch, essen ein Eis, gehen dann wieder zurück."
Krach vom Anleger für Kreuzfahrtschiffe an der Mosel
Simone Kallfelz, die ein Café betreibt, kann die Bedenken der Anwohner auch nachvollziehen. Bei einem Spaziergang hat sie festgestellt: "Halleluja, wenn der Anleger so laut ist, ist das für die Anlieger ganz schön heftig."
Traben-Trarbach: "Nicht Großstadt, nicht Dorf"
Als Einwohnerin stört sie sich bislang noch nicht am Tourismus, wohnt aber noch nicht sehr lange in Traben-Trarbach. "Es gibt mal Ausreißer, aber nichts wo ich sage, das ist ja furchtbar."
In Traben-Trarbach lässt es sich vielleicht am besten auf diese Formel runterbrechen: "Es ist angenehm viel los - nicht Großstadt, aber eben auch nicht Dorf." Das ist der Eindruck von Julia Garanzka, die sich als Patissière in Traben-Trarbach beworben hat. Für sie ist ganz klar: Wenn sie angenommen wird, würde sie sehr gerne in das kleine Mosel-Städtchen ziehen.