"Du bist zu blöd", "Du bist nicht lieb genug", "Du bist nicht schlank und hübsch genug" - all das sind Sprüche, die Frauen hören, die bei Anne Beckermann in Gerolstein anrufen. Es ist häusliche Gewalt, psychische Gewalt. Aber auch Frauen, die verprügelt werden, melden sich.
"Wir sind in solchen Fällen die Feuerwehr", sagt Beckermann, Vorsitzende des Vereins "Frauen in Not Gerolstein", kurz FIN. "Wir werden angerufen, die Frau sagt: Ich sitze mit meinen Kindern auf dem Spielplatz. Mein Mann hat mich geschlagen. Ich bin abgehauen, ich muss nur weg."
Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen von FIN können die Frauen dann abholen und unterbringen, erzählt Beckermann: "Wir sprechen dann auch von 'Verstecken', weil durch die modernen Medien jeder jeden finden kann. Deshalb ist unser erster Tipp: Handy aus, Sim-Card raus."
Das macht FIN
Deshalb sucht FIN Ehrenamtliche
Das macht FIN
Damit Erfahrung hat der Verein schon seit über 25 Jahren. Wochentags ist ein Telefon in Gerolstein zwischen 10 und 14 Uhr besetzt. Manche Frauen wollen sich einfach aussprechen, erzählt Beckermann, andere brauchen konkrete Beratung.
Hilfe bekommen sie dann nicht nur am Telefon. Die Mitarbeiterinnen von FIN begleiten die Frauen auch zum Arzt, um zum Beispiel Misshandlungen zu dokumentieren. Oder sie gehen mit den Frauen zur Polizei, damit die Schläge angezeigt werden können.
Um den Frauen Sicherheit zu geben und sie zu schützen, arbeiten auch im Verein nur Frauen. Und zwar anonym: "Wir müssen auch schon mal mit Polizeischutz in die Wohnung einer Frau gehen. Um ihre Sachen zu holen. Der Partner, der dabei steht, muss ja nicht wissen, wer ich bin", erklärt Beckermann.
FIN für Polizei und Interventionsstelle wichtig
Nicht nur die Frauen selbst, auch die Polizei wendet sich an FIN. Wenn sie beispielsweise eine Frau aus ihrer Wohnung geholt hat und für sie eine Unterkunft braucht. Und das tut auch die Interventionsstelle Eifel-Mosel der Caritas. Das ist eine Fachstelle, die ebenfalls Frauen bei Gewalt berät.
"FIN ist mein absoluter Notnagel", sagt eine Mitarbeiterin der Interventionsstelle, die auch anonym arbeitet: "Wir haben Frauen, die kein Geld haben, um zum 500 Kilometer entfernten Frauenhaus zu kommen. Da kann ich nicht sagen: Ich finanziere die Taxifahrt für 1.000 Euro."
Denn weder Caritas noch die Polizei haben ein Budget, um Frauen in solchen Fällen auch mit Geld zu unterstützen. FIN hat das schon. Der Verein zahlt Frauen die Fahrt mit Taxi oder Nahverkehr zum Frauenhaus. Einkäufe für Lebensmittel oder Kleidung können ausgelegt werden.
Oder FIN bezahlt auch eine Unterkunft. Als Übergang, wenn der Platz im Frauenhaus erst in einer Woche frei ist. Das Geld stammt aus einem Mitgliedsbeitrag des Vereins. Es gibt aber auch viele Spenden oder mal eine Erbschaft, in der FIN Geld vermacht wird, sagt Beckermann: "Wir können Spenden immer gebrauchen."
Rundumbetreuung für Frauen in Not
Interventionsstelle und Polizei vermitteln etwa zehn Frauen pro Jahr an FIN. Hinzu kommen 20 bis 25, die sich selbst beim Verein melden. Gut 30 Frauen im Jahr zu betreuen, klingt nicht nach viel. Es bleibt aber nicht nur bei Telefonaten.
Die Frauen müssen sich auf uns verlassen können.
Die Frauen werden über Wochen von den Ehrenamtlichen betreut, erklärt die Vorsitzende Beckermann. Weil man nach der Beratung auch bei allen weiteren Schritten unterstütze: "Die Frauen müssen sich auf uns verlassen können."
Wenn eine Frau in eine Übergangsunterkunft kommt, komme es oft vor, dass sie sich einsam fühlt. Dann ruft sie eine Freundin an. Wenn der schlagende Partner dann mit der Freundin spricht, erfährt er ganz schnell, wo die Frau ist. Deshalb besucht Anne Beckermann die Frauen dann täglich, auch das gehört zu dem ehrenamtlichen Job neben ihrem Hauptberuf.
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Gewalt gegen Frauen in allen Schichten
Der Job habe sich zuletzt verändert: Seit es das neue Frauenhaus in der Eifel gibt, das seit Dezember 2024 Frauen aufnimmt, würden sich die Frauen öfter direkt dorthin wenden. Dass sie weniger Anrufe haben, ändert aber nichts daran, dass es in der Vulkaneifel immer noch Gewalt in Beziehungen gibt.
"Was mich erschreckt, ist, dass wir viele junge Frauen zwischen 20 und 30 haben, die geschlagen oder emotional fertig gemacht werden. Ich bin erstaunt, dass das bei den Männern in dem Alter noch so drin ist", sagt Beckermann
Feature | ARD Radiofeature Der autoritäre Mann – Doku über Frauenhass im Netz
Sogenannte Männlichkeitsinfluencer erreichen auf Plattformen wie Youtube und TikTok Millionen junger Männer. Sie propagieren männliche Dominanz und weibliche Unterwürfigkeit, verharmlosen oder glorifizieren Gewalt gegen Frauen. Von Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser
Männer, die in engen sozialen Beziehungen - also als Partner, Sohn, Bruder oder Vater - Gewalt ausüben, kommen in allen Alters- und Gesellschaftsschichten vor. Das sagen FIN und die Interventionsstelle: "Wenn eine Frau mir sagt: Mein Mann findet, ich bin zu blöd, um Einkaufen zu gehen - dann ist das schon Gewalt."
Gewalt nicht immer körperlich
Psychische und emotionale Gewalt dürfe man nicht unterschätzen, weil sie oft eine Vorstufe der körperlichen Gewalt ist, sagt die Mitarbeiterin der Interventionsstelle: "Dazu gehören ständige abwertende Kommentare, dass die Frau wertlos, nutzlos, hässlich sei. Anschreien, den Kontakt mit Freunden und der Familie unterbinden, die Frau vor anderen und den Kindern demütigen oder wertvolle persönliche Dinge zerstören."
Die Interventionsstelle hat im vergangenen Jahr 316 Frauen beraten, die als Selbstmelderinnen oder durch die Polizei kamen: "Es werden von Jahr zu Jahr mehr."
FIN sucht junge Frauen als Ehrenamtliche
Um diesen Frauen weiter helfen zu können, wünscht sich Anne Beckermann, dass ihr Verein FIN noch lange bestehen kann. Doch es fehlen neue Mitarbeiterinnen. Die jetzigen sind seit etwa 20 Jahren dabei und haben in sozialen Berufen gearbeitet.
Sie hatten also schon Ahnung vom Thema und mussten von FIN nur noch darin geschult werden, wie sie mit Frauen am Telefon am besten sprechen. Aber die Gesellschaft habe sich verändert: "Als ich hier angefangen habe, waren ganz viele Frauen vormittags zu Hause und konnten Dienst machen in der Zeit, in der ihre Kinder in der Schule waren."
Genau in der Zeit also, wenn auch Frauen in Not anrufen. Heute seien Frauen aber ganztags berufstätig, die aktuellen Mitarbeiterinnen von FIN sind weit über 60. Deshalb sucht der Verein junge Frauen zur Verstärkung. Die zum Beispiel zwei Tage im Monat frei haben und dann den Telefondienst bei FIN machen können.
Wir sind für alle Frauen da.
"Wir hoffen, dass wir junge Frauen als Mitarbeiterinnen für den Verein finden, die erkennen, dass die Gewalt immer noch da ist und der Verein immer noch gebraucht wird." Dabei geht es nicht nur ums Telefonieren.
Die Vereinsmitglieder verteilen auch Visitenkarten mit der Telefonnummer an öffentlichen Orten, zum Beispiel auch Toiletten. Damit jede Frau, die in der Region Gewalt erfährt, sich an FIN wenden kann: "Wir fragen nicht nach Nationalität, Alter, Beruf oder sonst etwas. Wir sind für alle Frauen da, die sich an uns wenden."