Medizingeschichte

Heroin: Erst "Wundermedikament", dann Droge

Neue Technologien machen uns das Leben meist leichter, manchmal passiert aber das Gegenteil. Ein Beispiel ist Heroin – heute eine illegale Droge, früher ein Hustensaft für Kinder.

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Von Autor/in Nina Kunze

Wir schreiben das Jahr 1897. Wie viele andere Unternehmen zu dieser Zeit sucht die Firma "Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co." - heute bekannt als Bayer AG - mithilfe moderner chemischer Verfahren nach neuen Wirkstoffen für Medikamente.

Ihr Ziel ist es, nebenwirkungsreiche Wirkstoffe besser verträglich zu machen, um sie dann als neue Medikamente zu vermarkten. Mit dieser Absicht entstehen in den Labors der Farbenfabriken zwei Substanzen, deren Handelsnamen noch heute jedem bekannt sind: Aspirin und Heroin.

Heroin gegen Atembeschwerden

Eigentlich sollte Heroin das Schmerzmittel Morphin ersetzen, das diverse Nebenwirkungen aufwies. Um Morphin chemisch zu verändern, fügten Mitarbeitende der Farbenfabriken dem Morphin-Molekül im Labor zwei sogenannte Acetylgruppen hinzu. So entstand Diacetylmorphin – später vertrieben unter dem Markennamen Heroin.

Tatsächlich schien Heroin dem ersten Eindruck nach weniger Nebenwirkungen zu haben – und nicht nur gegen Schmerzen zu helfen:

"Der Begriff, unter dem es eingeführt wurde, hieß dann Atmungssedativum, das heißt, es wurde bei Lungenerkrankungen, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (…) zunächst eingesetzt und galt dann auch als Hustenmittel.", sagt der Internist und Autor Michael de Ridder. Er hat sich mit der Geschichte des Heroins in seiner Doktorarbeit befasst und sein Wissen darüber später in einem Buch veröffentlicht.

Wirkmechanismus noch nicht bekannt

Die scheinbare Überlegenheit von Heroin war allerdings eine gravierende Fehleinschätzung. Ein umfangreiches Zulassungsverfahren für Arzneimittel, wie es heutzutage üblich ist, gab es Ende des 19. Jahrhunderts nicht. Heute weiß man: Heroin wirkt nicht besser, sondern schneller als Morphin. Dank der hinzugefügten Acetylgruppen kommt Heroin schneller im Gehirn an. Für den gleichen Effekt ist also eine geringere Dosis nötig.

Die Farbenfabriken dagegen schrieben die durchschlagende Wirkung ihres Heroins seiner angeblich positiven Wirkung auf die Atmung zu. Die, wie man heute ebenfalls weiß, lediglich damit zu tun hat, dass Heroin – wie Morphin und andere Opiate auch – zu einer „Distanzierung von Schmerz und Unwohlsein“ führt, wie es Michael de Ridder beschreibt:

"Das heißt das Mittel war kein Mittel, was ursächlich auf die Krankheiten wirkte, sondern ein rein symptomatisches Mittel. Und die Kranken, die jetzt von ihren Ärzten das Heroin (…) verordnet bekamen, die waren natürlich sozusagen in einer mentalen Situation, die ihre Symptome und ihre Beschwerden zurücktreten ließen."

Damals jedoch war das genau die Eigenschaft, die Heroin zum Erfolg verhalf. Rasch wurde es bei diversen weiteren Erkrankungen eingesetzt – psychiatrischen wie auch gynäkologischen Erkrankungen, etwa bei Menstruationsbeschwerden.

Chemische Struktur von Heroin
Durch Hinzufügen von zwei sogenannten Acetylgruppen an ein Morphin-Molekül entstand im Labor der Farbenfabrik das Diacetylmorphin. Vebreitet wurde es unter dem Markennamen Heroin.

Auch Kindern wurde Heroin als Medikament verabreicht

So wurde Heroin zunächst zur Allzweckwaffe gegen alle möglichen Beschwerden. Der Unterschied zu Heroin, wie es heute als Droge konsumiert wird: Als Medikament wurde Heroin nicht gespritzt, sondern in Form von Tabletten, Pulver oder Sirup verabreicht - und in deutlich geringeren Mengen. Eine Abhängigkeit entstand deshalb nur selten, wie de Ridder in seinem Buch schreibt. Selbst Kinder bekamen Heroin verabreicht:

"Es gibt einige wenige Arbeiten aus den USA, aber auch aus Deutschland. Da war ein Bonner Kinderarzt, der hieß Runkel, der hat sich sehr damit beschäftigt, auch Kindern bei diesen Keuchhusten-Epidemien beispielsweise, auch bei Säuglingen hat der dieses Mittel angewandt und auch vertreten, dass es sicher sei, und das ist dann den Kindern in Form von (…) Sirup verabreicht worden."

Doch nach der anfänglichen Euphorie kamen immer mehr kritische Stimmen hinzu. Das hohe Abhängigkeitspotenzial von Heroin trat mehr und mehr zum Vorschein, aus dem Medikament wurde immer mehr eine Droge. Dennoch dauerte es Jahrzehnte, bis die Herstellung und Verwendung von Heroin eingeschränkt und in vielen Ländern sogar ganz verboten wurde.

Heute nur in einem Sonderfall als Medikament verwendet

In Deutschland unterliegt Heroin heute dem Betäubungsmittelgesetz. Der einzige medizinische Verwendungszweck ist eine kontrollierte Abgabe, die nur in sehr speziellen Fällen an Opiatabhängige erfolgt, wie Michael de Ridder erklärt. Beispielsweise gelte ein Mindestalter von 23 Jahren, es müssten zwei erfolglos beendete Behandlungen der Opiatabhängigkeit zurückliegen und schwerwiegende somatische und psychische Störungen vorliegen:

"In diesen Fällen, das hat vielfach auch AIDS-Kranke betroffen, ist es möglich, eine kontrollierte Heroinverschreibung zu bekommen von speziell zu dieser Behandlung ermächtigten Ärzten. Das ist sozusagen die letzte Option, um einen Opiatabhängigen gesundheitlich zu stabilisieren."

Übrig bleiben geschätzte 30 Millionen Menschen weltweit, die Heroin und andere Opiate illegal konsumieren – und die bittere Erkenntnis: Wenn in der Medizin etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es das meistens auch.

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