Archivgespräch bei der Bundesbehörde für die Unterlagen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik BStU. Aufgenommen am 10. Februar 2011 in Berlin Lichtenberg. Maximilian Schönherr spricht mit den Ton-Archivarinnen Katri Jurichs und Elke Steinbach. Länge: 38 Minuten.
[ab 1:20]
Maximilian Schönherr: Warum hat die Staatssicherheit und was hat die mitgeschnitten, sagen Sie mal einfach so: von bis?
Katri Jurichs: Die Staatssicherheit hat einmal, um sich selber darzustellen, Tonaufnahmen von ihren Beratungen, von ihren Dienstkonferenzen gemacht, von ihren Festveranstaltungen und von ihren Traditionspflegegebahren.
Zum anderen ist es eine ganz normale Arbeitsweise und Methode des MfS gewesen, eine Frage der Überwachung, wie es in der DDR üblich war, sowohl von Telefongesprächen als auch von Räumen.
Zum anderen sind sehr viele Tonüberlieferungen von Vernehmungen als ein normaler verwaltungstechnischer Vorgang, indem man die Vernehmungen aufgenommen und sie dann später verschriftlicht hat. Ein Teil der Überlieferungen sind sogenannte Gerichtsverhandlungen, also Prozesse, angefangen aus den 50er Jahren bis zum Ende der DDR.
Und eine Aufgabe des MfS war auch die Auswertung von Information jeglicher Art. Und dazu hat man eben auch Medien mitgeschnitten, also Nachrichtensendungen oder auch ganz normale Musiksendungen oder politische Ereignisse, die in den Medien öffentlich dargestellt wurden, sowohl in der DDR als auch in der BRD. Zum Teil haben wir auch Fremdsprachen, also von BBC oder so. Was dann zur Auswertung dieser Informationen führte.
[ab 12:00]
Katri Jurichs: Wir sind hier sehr gut technisch ausgerüstet mit digitalen Rekonstruktionsstudios, sodass wir eigentlich die Hoffnung haben, die Töne zu retten, zu erhalten vor allen Dingen.
Maximilian Schönherr: Wie viele Töne haben Sie denn, wie viele Bänder?
Katri Jurichs: Also wir gehen so von ungefähr von 28.000 Tonträgern mit Aufnahmen aus. Derzeit sind 27.000 Stunden bereits zugänglich, nutzbar, und davon also ein großer Anteil schon digital.
Maximilian Schönherr: Und die 27.000 Stunden, die zu erschließen, das dauert doch mehrere Menschenleben, oder?
Katri Jurichs: Also, es sitzen an der Erschließung der Tonträger sechs Kollegen, Archivare und Archivassistenten dran. Und wir gehen davon aus, dass wir in ca. 5 Jahren mit unserer Erschließung fertig sind. Das heißt aber noch nicht mit der digitalen Sicherung.
Maximilian Schönherr: Bei unseren Gesprächen hier, während wir hier durchgegangen sind, habe ich gemerkt, dass Sie einen Querbezug haben, Sie müssen unendlich viel gehört haben. Haben Sie in die meisten Sachen nur reingehört oder haben Sie die durchgehört, haben Sie sich diesen Stunden der Stille und der umgefallenen Vasen ausgesetzt oder schnappen Sie so Schnappschüsse auf? Und wie kommunizieren Sie das untereinander?
Elke Steinbach: Also mit nur mal Reinhören ist leider nichts. Wenn ich so ein Band auflege, weiß ich nicht immer, was mich erwartet. Ich weiß nicht, in welcher Geschwindigkeit es läuft, insofern weiß ich auch nicht, wie lang dieses Band läuft. Zur Erschließung der Bänder hören wir die Bänder von Anfang bis Ende und auch jede Spurseite.