Die Politik hat bereits zugesagt, Hürden abzubauen: Visa sollen leichter erteilt werden, die Willkommenskultur gestärkt und Austauschprogramme weiter ausgebaut werden. Und der neue Koalitionsvertrag enthält sogar ein 1000 Köpfe Programm für international Forschende. Aber: Wie erfolgsversprechend sind diese Überlegungen?
Viele Wissenschaftler in den USA planen, das Land zu verlassen
Laut einer Umfrage der US-amerikanischen Zeitschrift Nature überlegen 75 Prozent der in den USA tätigen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, das Land zu verlassen. Eine erhöhte Nachfrage nach Stellen, Austauschprogrammen und Stipendien spürt auch der DAAD, bestätigt Vizepräsidentin Muriel Helbig:
"Sowohl bei den Mitgliedshochschulen als auch in dem DAAD Büro in New York. Es ist vor allem ein wachsendes Interesse von internationalen Promovierenden und Postdocs, also tatsächlich den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Übrigens auch nicht nur dem amerikanischen, sondern auch dem internationalen Nachwuchs, der in den USA gerade tätig sind, weil die Bedingungen für diese wirklich sehr, sehr schwierig werden.
Mehr Bewerbungen aus den USA
Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Patrick Cramer, bemerkt, dass sich Bewerbungen aus den USA von internationalen Forschenden verdoppelt und von Menschen mit US-Pass sogar verdreifacht haben. Cramer bedauert die wirklich weitreichenden negativen Auswirkungen der Amtszeit Trumps auf den Wissenschaftsbetrieb, begrüßt jedoch auch: "dass wir vielleicht das ein oder andere Talent gewinnen können für Europa - eine Person, die wir sonst nicht gewinnen könnten."
Auch Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft erklärt als Sprecher für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen: "Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die unterstützend wirken könnten. Da geht es um Visa und wir haben auch Verbesserungsbedarf, was die Willkommenskultur für internationale Kolleginnen und Kollegen in Deutschland angeht. Ich denke jetzt ist der Moment, Programme weiter zu stärken und auszubauen, die es braucht, um diese Rekrutierungsmöglichkeiten auf allen Ebenen zu nutzen.
Auch der Bereich Gesundheit und Medizin ist von den Kürzungen stark betroffen
In der Regel wird angenommen, dass von den finanziellen Kürzungen und Forschungsstopps in den USA vor allem Fachbereiche wie Genderstudies oder die Klima- und Erdsystemforschung betroffen sind. Doch unter die Räder kommen zum Beispiel auch die Gesundheitswissenschaften und die medizinische Forschung. Gerade das NIH- das National Institute of Healtzh wird stark eingedampft. Muriel Helbig, Vizepräsidentin des DAAD, warnt, das gesamte Wissenschaftssystem der USA sei in eine Krise geraten:
"weil es darum geht, dass Fördermöglichkeiten entzogen werden, sowohl beispielsweise die Stipendien für die einzelnen Postdocs oder Promovierenden als auch die Zusatzmittel für Labore oder ähnliches. Die ganze Infrastruktur ist ebenfalls in Bedrängnis geraten. (…) das ist so umfassend, das betrifft nicht nur gezielte einzelne Wissenschaften."
Wie Trumps Politik die Forschung in Baden-Württemberg beeinflusst
Auch Forschungskooperationen sind von den Kürzungen betroffen
Die Kürzungen unter Trump wirken sich auch auf Forschungskooperationen aus. Davon ist zum Beispiel die Uni Heidelberg betroffen. Dort gab es ein Forschungsprojekt zur Entwicklung von Tuberkulose-Schnelltests, das durch USAID, die Amerikanische Bundesbehörde für Entwicklungszusammenarbeit, finanziert wurde. Durch den Förderstopp fehlen dem Projekt nun für die kommenden fünf Jahre jetzt mehrere Millionen Euro. DAAD-Vizepräsidentin Helbig ist gebürtige Amerikanerin und hält es für richtig, nun weitere Austauschprogramme aufzulegen, aber auch US- Wissenschaftssystem vor Ort in dieser Krise zu stützen.
Wovor wir warnen ist, dass wir das als so eine Art Ausverkauf betreiben, dass wir das unter die Überschrift stellen, dass wir eine Abwerbeaktion machen (…) Denn in was für ein Narrativ wir das Ganze stecken und wie wir unseren amerikanischen Kolleginnen und Kollegen gegenüber auftreten, das spielt absolut eine Rolle. Es ist jetzt enorm wichtig, dass wir nicht das Vertrauensverhältnis in unsere Zusammenarbeit zerstören und in das amerikanische Wissenschaftssystem vor Ort.
Deutsche Unis wenig attraktiv für Spitzenforschende aus den USA
Realistisch betrachtet sind die staatlich finanzierten deutschen Universitäten und Hochschulen nicht wirklich attraktiv für Spitzenforschende aus den USA. Denn dort werden nicht nur viel höhere Gehälter bezahlt, sondern auch die Ausstattung der Forschungsbereiche ist deutlich umfassender als bei uns.
Für Spitzenkräfte sind vor allem außeruniversitäre Forschungsorganisationen wie zum Beispiel die Max-Planck-Gesellschaft oder die Helmholtz-Gemeinschaft interessant. Sie können außertariflich bezahlen und viel mehr Forschungsfreiheiten anbieten.
Forschungsasyl ist keine Lösung
Eine Art Forschungsasyl für US-WissenschaftlerInnen einzurichten hält Muriel Helbig für einen falschen Ansatz. Es sei schlicht nicht möglich zu sagen: "Na gut, dann kommt eben zu großen Teilen zu uns nach Europa. Das Wissenschaftssystem in Amerika ist auch viel, viel größer als unseres. Wir könnten das niemals komplett abfangen (…)."
Großteil der auswanderungswilligen Forschenden sind Nachwuchskräfte
Das Gros der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die USA verlassen möchten, sind Nachwuchskräfte – und diese Gruppe klagt in Deutschland ja selbst oft über prekäre Arbeitsbedingungen an den Unis. Dazu Muriel Helbig: "Also unbefristete Stellen im Nachwuchsbereich haben wir nicht, ja oder oder sehr, sehr wenige, daran wird sich auch nicht viel ändern.
Trotzdemn gebe es hier die Möglichkeit Stipendienprogramme aufzulegen. Das sei für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler durchaus interessant. Und Deutschland könne auch durch die gute Infrastruktur an den Hochschulen punkten. Nicht zuletzt sei auch wichtig, dass wir ein stabiles und sicheres Land sind.
"Wir sind schon lange ein beliebtes Zielland für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler."
Doch genauso wichtig sei es, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den USA zu unterstützen. Denn gerade die Menschen, die dort den Wissenschaftsbetrieb trotz Gegenwinds aufrecht erhielten, wünschten sich Unterstützung vor Ort, so Muriel Helbig: "Das halte ich für extrem relevant, denn irgendwann wird sich der Wind auch wieder drehen und irgendwann wird es auch wieder anders sein. Das heißt, es muss unser Anliegen sein, dass wir auch Kraft geben und Kraft senden, um dort vor Ort das Wissenschaftssystem stark zu halten, das können wir auch nur mit amerikanischen Partnerinnen und Partnern direkt vor Ort."