Es ist der 13. Mai 2025 – in Neapel bebt die Erde. Öffentliche Gebäude werden evakuiert, auch Schulen sind betroffen.
"Ich saß im Klassenzimmer als plötzlich alles zu wackeln begann, berichtet", berichtet ein Schüler. "Für einen Moment dachte ich, das Gebäude stürzt ein. So heftig war es. Wir haben die Erschütterungen richtig krass gespürt."
Die Phlegräischen Felder bei Neapel gelten als gefährlichster Vulkan der Welt – fast zwei Millionen Menschen leben im direkten Einzugsbereich.
Immer öfter bebt die Erde
Seit zwei Jahren beobachten Geophysiker und Vulkanologen Bodenhebungen, zunehmende Erdbeben und steigende CO2-Werte – mögliche Vorboten eines Ausbruchs.
Vulkanologe Mauro Di Vito arbeitet seit 30 Jahren am Osservatorio Vesuviano. Von hier aus überwachen er und sein Team ein seismisches Netzwerk.
Im Zusammenhang mit den Phlegräischen Feldern beobachten wir alle Phänomene, die mit dem aktuellen Bradyseismos zusammenhängen.
Das Wort Bradyseismos kennt in Neapel jeder. Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet es "langsame Erschütterung": Durch eine Kammer in der Erde, die sich regelmäßig mit flüssigem Magma füllt, hebt und senkt sich der Boden immer wieder. Spannungen bauen sich auf, die sich in kleineren Erdbeben entladen.
Pozzuoli hebt ab – und die Menschen spüren es
Zu Beginn des Jahrtausends war die Bewegung noch langsam, doch seit August 2023 beschleunigt sie sich. Inzwischen steigt der Boden um etwa zwei Zentimeter pro Monat, gleichzeitig sinkt der Meeresspiegel rund um den Hafen in Pozzuoli.
Salvatore Testa arbeitet seit 30 Jahren als Kaimann im Hafen von Pozzuoli und erlebt die Folgen der Bodenhebungen jeden Tag:
Durch den sinkenden Meeresspiegel sind die Festmacherseile stärker gespannt, das ist gefährlich für uns. Ein Seil könnte plötzlich reißen und jemanden verletzen. Deshalb sind wir immer wachsam, damit wir Passagiere schnell in Sicherheit bringen können.
Auch die Fischerei ist schwieriger geworden: Fischer Catiello sieht neue Riffe, die durch die Bodenhebung entstanden sind. Zum Fischen muss er nun weiter raus aufs Meer: "Früher haben wir direkt vor der Küste gefischt. Heute geht das nicht mehr."
Das Osservatorio Vesuviano befürchtet, dass die nächste Eruption im dicht besiedelten Stadtteil Agnano stattfinden könnte. Schon heute tritt dort an einigen Stellen stechender Schwefelgeruch auf, verursacht durch Fumarolen – heiße Dämpfe und Gase aus dem Vulkaninneren.
Der lästige Gestank ist mit einem unsichtbaren Risiko verbunden: erhöhten CO2-Werten. 5.000 Tonnen Kohlendioxid werden täglich durch die Fumarolen freigesetzt; diese Menge entspricht ungefähr dem gesamten Ausstoß des Autoverkehrs einer Großstadt.
Evakuieren oder bleiben? Keine einfache Entscheidung
Zweimal in der Vergangenheit wurde Pozzuoli evakuiert – 1970 und 1983. Doch der befürchtete Ausbruch des Vulkans blieb in beiden Fällen aus.
Ob die Behörden eine Evakuierung anordnen, richtet sich nach der Einschätzung des Osservatorio Vesuviano. Und das geht nicht von einem unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch aus.
Aktuell gibt es zwar keine direkten Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch – aber mittel- bis langfristig könnte das erneute Anheben des Bodens ein Hinweis auf zukünftige Aktivitäten in den Phlegräischen Feldern sein.
Trotzdem würden Notfallpläne überarbeitet und Evakuierungsübungen durchgeführt, um im Ernstfall schnell und gezielt reagieren zu können, so Mauro Di Vito.
Doch nicht alle Experten teilen diese relativ optimistische Sicht auf die Gefahr.
Sie basiert auf der Annahme, dass wir mithilfe des Überwachungssystems einen Ausbruch mindestens 72 Stunden im Voraus präzise vorhersagen können. Doch das ist ein trügerisches Sicherheitsversprechen, denn es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für eine so lange Vorwarnzeit.
Aktuell steht die Alarmstufe rund um die Phlegräischen Felder auf Gelb. Trotz der Zunahme an seismischen Aktivitäten zögern die Behörden, die Warnstufe auf Orange anzuheben.
Denn das hätte wieder drastische Folgen bis hin zu Evakuierungen.