Interkultureller Begegnungsort „Sukkat Salam“

Hebräisch und Arabisch, Hand in Hand: Jugendtheater in der „Laubhütte des Friedens“

Versöhnliche Stimmen finden in den Diskursen um den Nahostkonflikt wenig Raum. Einen solchen will das Projekt „Sukkat Salam“ bieten – gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus. Junge Menschen verschiedener Herkünfte haben dafür Texte geschrieben.

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Von Autor/in David Kirchgeßner

Was passiert, wenn Menschen einander wirklich begegnen – ohne Schubladendenken und Vorurteile? Diesen Fragen will das Stück „Zwischen Himmeln“ nachgehen. Die Performance handelt von Zugehörigkeit, Identität und Gemeinschaft.

Die Texte haben junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zwischen 15 und 25 Jahren geschrieben. Auch die Dramaturgie wurde von ihnen entwickelt, auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen. Sie sind Teil des Jugendensembles von „Lokstoff!“, einer Gruppe, die für sozialkritisches Theater im öffentlichen Raum bekannt ist.

Da sind Schubladen in den Schubladen in den Schubladen. Und irgendwo bin ich alleine in meiner. Und du in deiner. Und zwischen uns Wände.

Gespielt wird draußen in Stuttgart auf den Stufen vor Unigebäuden und in einer Sukka, einer jüdischen Laubhütte, aufgestellt vom Verein Kubus. In dem interkulturellen Begegnungsort finden außer dem Theaterprojekt auch Aktionen von Initiativen gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus statt.

„Sukkat Salam“: Hebräisch und Arabisch, Hand in Hand

Das Projekt „Sukkat Salam“ ist ein Beispiel, wie moderne Antidiskriminierungsarbeit im öffentlichen Raum gelingen kann. Dahinter steckt der Stuttgarter Verein Kubus. Projektleiterin Meryem Polat sagt: „Wir organisieren den Raum, aber gefüllt wird das Programm dann von lokalen Vereinen oder Einzelpersonen.“

Der Projektname verbindet zwei Welten: Das hebräische Wort „Sukkat“, die jüdische Laubhütte und das arabische „Salam“, Frieden. Die „Laubhütte des Friedens“ also. Dabei wird eine jüdische Sukka an belebten Plätzen in Stuttgart und Umgebung aufgebaut.

Mechanismen der Abwertung und des Ausschlusses

Die Zielgruppe: Vor allem Menschen aus der weißen Mehrheitsgesellschaft, die sonst wenig mit jüdischen oder muslimischen Menschen zu tun haben.

Antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus haben sich nicht erst seit dem Anschlag der Hamas auf Isreal am 7. Oktober 2023 und dem darauf folgenden israelischen Militäreinsatz in Gaza verschärft. Versöhnliche Stimmen im Nahostkonflikt scheinen seitdem aber immer weniger Raum zu bekommen.

Obwohl beide Diskriminierungsformen auf unterschiedlichen historischen und ideologischen Grundlagen beruhen, wirken sie oft wechselseitig aufeinander. Meryem Polat vom Projekt „Sukkat Salam“ betont: „Wir wollen diese zwei Diskriminierungsformen zusammendenken, weil die Mechanismen dieselben sind.“ Beide zielten – auf unterschiedliche Weise – auf Abwertung und Ausschluss ab.

Das zeigt sich unter anderem in rechtsextremen Diskursen oder medialen Zuschreibungen, wie es im Nationalen Rassismus- und Diskriminierungsmonitor heißt: „Empirische Befunde zeigen, dass antisemitische und antimuslimische Einstellungen in Deutschland nicht isoliert, sondern in gegenseitiger Verstärkung auftreten.“

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Streiten erlaubt – aber konstruktiv

Dass das Projekt „Sukkat Salam“ nicht nur den theoretischen Dialog sucht, zeigen Aktionen wie eine Kunstversteigerung zu Gunsten von Opfern rechter Gewalt. Dabei haben Künstler*innen wie der Stuttgarter Maler Carlo Krone und SUPER VIVAZ Werke gestiftet, deren Erlös direkt Betroffenen von rassistisch oder antisemitisch motivierten Straftaten zugutekommt.

Im Portfolio außerdem: Offene Gesprächsrunden, in denen Emotionen und Ängste geäußert werden dürfen, „African Yoga“ und eine Open-Mic-Session.

„Sukkat Salam“ soll Menschen aus ihren vertrauten Kreisen holen. Es geht darum, wieder miteinander zu sprechen – mit Betroffenen statt über sie. Deshalb ist auch das Team bunt aufgestellt und hat oft selbst Erfahrungen mit verschiedenen Diskriminierungsformen gemacht.

Meryem Polat aus dem Projektteam beschreibt das Ziel so: „Wir streiten manchmal auch. Aber wir wollen, dass Menschen auseinander gehen und sagen: Okay, ich hab vielleicht immer noch meine Meinung – aber zumindest sind wir ins Gespräch gekommen.“

Lokstoff Zwischen den Himmeln
Darum geht es für Darstellerin Alina Melappioni Stück „Zwischen Himmeln“: „Zusammenhalt und sich gegenseitig einfach zuzuhören und Verständnis füreinander zu zeigen. Anstatt Leute zu verurteilen.“  SWR

Kooperation mit Lokstoff!

Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erregen dabei die Performances von Lokstoff auf YouTube – wie das Stück „Zwischen Himmeln“ des Jugendensembles. Theatermacherin Kathrin Hildebrand berichtet beispielsweise von vielen Gesprächen mit neugierigen Passantinnen und Passanten während der Proben und nach den Aufführungen.

Die Zusammenarbeit von Kubus und Lokstoff! geht dabei über die Aufführungen von „Zwischen Himmeln“ in der Stuttgarter Laubhütte hinaus. Im Stück „Pass:Worte“ setzt sich das Lokstoff!-Theater eindringlich mit Flucht, Vertreibung und Exil auseinander und erzählt das Schicksal eines von den Taliban bedrohten afghanischen Mannes.

Beim interaktiven Format „Roadshow/Parcours“ machen jugendliche Tandems afghanische und syrische Fluchtbiografien zudem durch eine szenische Lesung für das Publikum hautnah erfahrbar.

Wie geht es weiter mit der „Sukkat Salam“?

Aufgrund der hohen Nachfrage wurde die Standzeit der „Sukkat Salam – Laubhütte des Friedens“ in Stuttgart von sieben auf zehn Tage verlängert. Und die nächsten Aktionen und Standorte in der Region sind schon in Vorbereitung. Weitere interessierte Projektpartner, seien es Vereine oder Einzelpersonen, sind willkommen.

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David Kirchgeßner