Steigende Mieten verschärfen die soziale Ungleichheit in Deutschland – und treiben Millionen Menschen in die Armutsgefährdung. Von Wohnarmut betroffen sind insgesamt 21,2 Prozent der Bevölkerung - das sind 17,5 Millionen Menschen. Das zeigt der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem Armutsbericht. Anders als in klassischen Armutsberechnungen wurden dabei nicht nur Einkommen betrachtet, sondern auch die Wohnkosten.
Das sind 5,4 Millionen mehr Armutsbetroffene als nach der konventionellen Berechnung. "Der Faktor Wohnen schafft einen neuen Markt an Armut", sagt Greta Schabram vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Besonders betroffen seien Menschen mit niedrigen Einkommen, Studierende, Auszubildende, ältere Menschen sowie Beschäftigte in sozialen Berufen.
Wird das Geld für die Miete knapp?
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die ARD-Mitmachaktion #besserwohnen: Ein Drittel der Mietenden sind in Sorge, ob das Geld für die Miete reicht:
#besserwohnen Ein Drittel der Mietenden in Sorge: Wird das Geld für die Miete knapp?
Teilnehmende der ARD-Mitmachaktion #besserwohnen haben Angst, dass die Mietwohnung in Zukunft unbezahlbar werden könnte. Auch einen Umzug können sich viele nicht mehr leisten.
Angst die Wohnung zu verlieren
Auffällig unter den mehr als 800 Beiträgen der #besserwohnen-Mitmachaktion ist vor allem eines: die große Angst vor Kündigung. Eine sehbehinderte Mieterin schildert ihre Lage so:
Da ich sehr schwer sehbehindert bin und nicht mobil gibt es hier keine Arbeit. Deshalb traue ich mich nicht, mich bei der Vermieterin zu beschweren und meine Rechte durchzusetzen. Lieber kalt und schimmelig als Obdachlosigkeit.
Die Angst vor Wohnungslosigkeit wiegt schwerer als der Anspruch auf ein mangelfreies Zuhause. Der Handlungsspielraum ist mitunter faktisch nicht vorhanden. Auch wer sich juristisch wehren könnte, scheitert oft an den Kosten. Ein Paar aus Köln berichtet:
„Wir werden seit Jahren drangsaliert. (...) Heizleistung ist unzureichend, aber der Mietvertrag hat eine Klausel, die eine gerichtliche Entscheidung erfordert. Dazu müssten wir ein Verfahren anstrengen, dazu fehlt uns das Geld.“ Formale Rechte existieren – doch ohne finanzielle Ressourcen bleiben sie häufig Theorie.
Finanzielle Möglichkeiten ohne Spielraum
Der Paritätische fordert daher ein Umdenken in der Wohnungspolitik. Der Markt habe versagt. „Wir müssen anerkennen, dass der Markt das nicht richtet.“ Nötig sei eine Doppelstrategie: mehr Investitionen in sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau sowie stärkere Eingriffe in den Mietmarkt. Instrumente wie die Mietpreisbremse liefen bislang „vielfach ins Leere“, sagt Greta Schabram, Referentin für Sozialforschung, Wohnen und Statistik.
Für Menschen, die keine Möglichkeiten haben, zu sagen, okay, dann zahle ich drei-, vierhundert Euro mehr fürs Wohnen wird Wohnen zunehmend zu einem Faktor, der die Lebenslage deutlich verschlechtert.
Doch selbst gute Einkommen bieten in Ballungsräumen nicht immer Schutz. Eine verbeamtete Lehrerin aus Berlin berichtet #besserwohnen, dass sie mit ihren beiden Teenagern in einer 3-Zimmer-Wohnung lebe. Ihr Schlafzimmer werde als Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer genutzt und sei zudem ein Durchgangszimmer. Eine größere Wohnung sei trotz Vollzeitstelle unbezahlbar.
Familien besonders unter Druck auf dem Wohnungsmarkt
Der Deutscher Familienverband e.V. sieht in der aktuellen Entwicklung eine klare Tendenz: Wohnen werde für Familien zunehmend zum Armutsrisiko. Bezahlbarer und zugleich familiengerechter Wohnraum sei in vielen Regionen knapp, während gleichzeitig die Mietbelastung steige. Schon heute müssten zahlreiche Haushalte einen erheblichen Teil ihres Einkommens für die Miete aufbringen – mit Folgen für Bildung, Freizeit und gesellschaftliche Teilhabe der Kinder.
Hinzu komme, dass es vielerorts an ausreichend großen Wohnungen fehle. Familien lebten häufig auf engem Raum, ohne realistische Aussicht auf Verbesserung. Der Verband warnt zudem vor einem wachsenden "Lock-in-Effekt": Viele Familien blieben in Wohnungen, die ihren Bedürfnissen nicht entsprechen, weil ein Umzug finanziell oder praktisch kaum möglich sei. Wie sich diese strukturellen Probleme im Alltag auswirken, zeigen auch Rückmeldungen aus der #besserwohnen-Community. So berichten Betroffene, dass Kinder bei der Wohnungssuche oft zum Nachteil werden:
„Kinder stellen eine Hürde bei der Wohnungssuche dar, der Umstand kein Großverdiener zu sein genau so.“
ARD Story #besserwohnen – Wie können wir die Mietkrise stoppen?
Doku zum Abschluss der ARD-Mitmachaktion #besserwohnen
Gerade Familien mit mittleren oder niedrigen Einkommen geraten damit in eine Zange zwischen fehlendem Zugang zu gefördertem Wohnraum und hohen Preisen am freien Markt. Wie begrenzt die Handlungsspielräume sind, zeigt auch das Beispiel einer alleinerziehenden Mutter aus Düsseldorf. Mangels Alternativen nahm sie eine Wohnung mit erheblichen Mängeln in Kauf:
„Ich habe mit 2 kleinen Kindern, alleinerziehend keine große Alternative. Darum habe ich mich für diese Wohnung trotz erheblicher ‚Mängel‘ entschieden.“
Solche Berichte machen deutlich: Für viele Familien ist Wohnen kein frei wählbarer Lebensbereich mehr, sondern eine existenzielle Frage – geprägt von Einschränkungen, Kompromissen und wachsendem Druck.
Wenn das Zuhause kein Schutzraum mehr ist
Die Berichte der Betroffenen zeigen: Für viele ist das Zuhause kein Schutzraum mehr, sondern wird zu einem Armutsrisiko. Dabei lägen Lösungen längst auf dem Tisch erklärt der Deutsche Mieterbund – von besserem Schutz vor Mietwucher über strengere Regeln bei Eigenbedarfskündigungen bis hin zum Ausbau kommunalen Wohnraums.
Präsidentin Melanie Weber-Moritz sagt zum Abschluss der ARD-Mitmachaktion #besserwohnen, die Aktion zeige sehr deutlich: "Für viele Haushalte ist bezahlbares Wohnen längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern tägliche Herausforderung."