Mir einzugestehen, dass ich einsam bin, tut wahnsinnig weh. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem ganz entscheidenden Punkt des Lebens gescheitert. Als würde etwas nicht mit mir stimmen. Als wäre ich irgendwie übrig geblieben. Man kann heute alles sein – nur eben nicht einsam. Wir sind ja soziale Wesen und haben hunderte Freunde auf Instagram. Wer da sagt, er sei einsam, klingt weird, wie ein stinkender Aussätziger, der die Grundregeln des Zusammenlebens nicht beherrscht.
EXIT EINSAMKEIT Zusammen gegen die Einsamkeit: Ihr seid nicht allein!
Einsamkeit betrifft viele – besonders junge Menschen. Bei EXIT EINSAMKEIT teilen wir Geschichten und schaffen echte Begegnungen. Mach mit und überwinde Isolation!
Kein Wunder, dass dieses Gefühl am Selbstwert kratzt – und ich tue deswegen auch alles dafür, dass man mir diesen Makel nicht anmerkt. Ich bin nicht das, was man sich unter jemand Einsamen vorstellt. Wenn mich Leute beschreiben, dann sagen sie, ich sei aufgeschlossen, meist positiv, würde viel lachen, könne Smalltalk. Aber sie wissen nicht, dass ich an Wochenenden oft die einzigen Worte mit der Kassiererin aus dem Supermarkt wechsle. Hallo. Mit Karte, bitte! Danke, ich brauche den Zettel nicht. Schönen Tag. Sie überlegen nicht, dass ich nicht alleine in den Urlaub fahre, weil ich das möchte, sondern aus purer Notwendigkeit heraus. Sie denken nicht darüber nach, dass meine vielen Überstunden bei der Arbeit eine Kompensation sind – weil da eben sonst nicht viel ist.
Ich würde mir wünschen, endlich offen darüber zu sprechen. Einmal habe ich das sogar getan. Ich habe meinen Freunden gesagt: Ich bin einsam. Es fühlte sich an wie ein Outing, so wie in den 70ern als Frauen im "Stern" sagten, dass sie abgetrieben hätten. Ich weiß gar nicht mehr, was ich mir davon versprochen hatte. Vielleicht Verständnis. Vielleicht mehr Momente, in denen mich jemand fragt, was ich eigentlich mache und wie es mir geht. Die Reaktionen waren das Gegenteil: Die einen schwiegen verschämt. Manche sagten: Du hast doch uns. Andere wurden sogar richtig sauer, so als ob ich sie angegriffen hätte. Das sind die Momente, in denen ich mich frage, ob ich zu viel von Freunden erwarte – oder ob ich die falschen Freunde habe. Ich glaube, es ist beides.
Wenn ich dann aber lese, wie viele Menschen sich einsam fühlen, dann frage ich mich: Warum sprechen wir nicht mehr darüber? Es muss doch vielen so gehen! Deswegen habe ich mich entschieden, hier Tagebuch zu führen, und Euch mit in das Leben einer Einsamen zu nehmen. Ich will dabei nicht nur "depri" sein, sondern auch mal Skurriles erzählen – und wie ich mit Momenten der Einsamkeit umgehe. Vielleicht findet Ihr Euch darin wieder – fände den Gedanken jedenfalls schön.
Deine Sarah (Name anonymisiert)