Tagebuch-Reihe

Heute Morgen ist Sarah in den Urlaub gefahren

Sarah lacht, reist, arbeitet viel – und fühlt sich trotzdem oft allein. In ihrem Tagebuch spricht sie aus, was viele denken, aber kaum jemand sagt: "Ich bin einsam."

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Heute morgen bin ich mal wieder losgeflogen. Allein in den Urlaub.

Dieses Mal in Skandinavien. Im Vorfeld wurde ich gefragt: Mit wem fliegst Du denn? Meine Antwort: "Mit mir." – "Oh." – "Ja, oh." Oder es kommt ein: „Das ist aber mutig“. Für mich ist das nicht mutig. Für mich ist das Alleinereisen eine pure Notwendigkeit. Ich habe keine Lust auf Balkonien zu versauern, nur weil ich alleinstehend bin und irgendwie nie eine Freundin Zeit hat. Also fliege ich los. Nach Europa, nach Asien, in die ganze Welt. Mit dabei sind aber immer Momente der Einsamkeit.

Es fängt schon bei der Planung an. Ich habe das Gefühl, alleine zu verreisen, ist ein viel größerer Angang. Denn es muss neben den üblichen Sicherheitsaspekten etwas sein, das ich alleine, ja: ertrage. Ich persönlich – und für andere mag das sicher anders sein – kann mich nicht einfach irgendwo in eine Finka absetzen. An einem Ort der Stille kommen bei mir all die Gefühle hoch, die ich sonst erfolgreich wegdrücke. Und Urlaub durchheulen ist nicht so toll - ich weiß, wovon ich rede. Städtetrips und Rundtouren sind für mich besser, einfach weil man viel machen kann. Und trotzdem habe ich jedes Mal das Gefühl, mich innerlich erst aufbauen zu müssen – und das braucht Zeit.

Alleine in Urlaub fahren? Oder doch lieber eine Gruppenreise machen? Bild: iStockJasmina007 Wie fühlt sich Einsamkeit an, wenn man im Urlaub am Meer steht – und niemand da ist, mit dem man reden möchte? Wenn man in der U-Bahn zwischen Menschen sitzt und sich trotzdem unsichtbar fühlt? Unsere Reihe "Sarahs Tagebuch" nimmt dich mit in ihren Alltag. Mehr unter EXIT EINSAMKEIT
Alleine in Urlaub fahren? Oder doch lieber eine Gruppenreise machen? Bild: iStock/Jasmina007

Eine andere Form ist es, in einer Gruppe zu verreisen

Doch auch hier stellt sich die Frage: Schaffe ich das gerade emotional? Mit komplett Fremden? Das muss man schon wollen. Ich habe damit schon solche und solche Erfahrungen gemacht. Sind viele Solo-Traveler dabei, super. Als ich bei meiner letzten Gruppenreise nach Sri Lanka die Gruppe das erste Mal sah, war es ein Schock. Überwiegend Paare und deutlich älter als ich. Auch da ging ich abends erstmal in mein Zimmer und heulte. Weil es so schreiend ungerecht ist. Ist das mein Schicksal - mit fremden Rentnern zu einem deutlich höheren Preis zu verreisen, nur weil ich niemanden habe? Zum Glück erwies sich die Gruppe als sehr nett, weil alle mit allen sprachen und man sich problemlos beim Frühstück und Abendessen dazusetzen konnte. Aber das ist nicht immer so – und nirgends kann man sich dann einsamer fühlen als in so einer Gruppe. Und Hand aufs Herz: Man will ja auch nicht immer mit Wildfremden verreisen.

Ich weiß, was Ihr denkt: Sarah, wieso schnappst Du Dir nicht einfach eine Freundin?

Würde ich ja gerne. Aber die verreisen entweder lieber mit ihren Partnern, haben keine Zeit oder wir wissen einfach, dass wir uns echt mögen, aber keinen Urlaub miteinander machen sollten. Vor einigen Jahren bin ich sogar mit einer Freundin verreist. Was soll ich sagen, zwischen Shopping und Sightseeing zerbrach diese Freundschaft. Weil wir uns nur gestritten haben. Ich habe mich selbst nicht wieder erkannt. Seitdem bin ich mit Freunden nicht mehr verreist. Aus Angst, dass das gleiche nochmal passieren könnte.

Und so sitze ich nun wieder mal allein in meinem Hotelzimmer. Ich habe mich heute tagsüber gut beschäftigt, habe mich durch die Stadt einfach treiben lassen. Oft buche ich vor Ort zusätzlich kleine Touren um Sachen zu sehen, die ich alleine nie finden würde. Meistens geht es mir gut, ich genieße die freie Zeit und erfreue mich an kleinen Begegnungen. Aber ich würde mir wünschen, die Erlebnisse mit jemandem teilen zu können. In echt. Nicht auf Instagram. Momente des „Weißt Du noch“ zu erschaffen. Stattdessen gibt es schlechte Selfies mit mir (der Erfinder des Selfies war bestimmt auch allein unterwegs) oder einfach viele Bilder ohne mich, die außer meinen Eltern nie jemand zu Gesicht bekommt. Die Anekdoten muss ich mir selbst irgendwie bewahren.

Die Herausforderungen kommen aber insbesondere abends

Wenn ich mich den ganzen Tag selbst bespaßt habe, kann ich am Abend meist nicht mehr. So wie jetzt auch. Ich fühle mich, als wäre ein Stöpsel gezogen worden. Wie schön wäre es, wenn da jemand wäre, der dann sagen würde: Komm, wir gehen nochmal los. Die nächste Herausforderung: Essen gehen. Lieblingsbeispiel aus asiatischen Großstädten: How many persons? - Just me. Es folgt ein langgezogenes und sehr mitleidiges „Ooooooooh“. Und ein Sitz am Katzentisch. Wenn man sich bis dahin noch nicht einsam gefühlt hat, spätestens jetzt tut man es.

Eine Frau hat ein geöffnetes Tagebuch vor sich liegen und schreibt. Sarah schreibt für EXIT EINSAMKEIT. Bild: IMAGO
Sarah schreibt für EXIT EINSAMKEIT. Bild: IMAGO

Ich versuche deswegen auf Markthallen und Foodcourts auszuweichen. Wo man auch regionale Küche bekommt, die aber darauf ausgerichtet ist, dass man da nicht lange sitzt wie bestellt und nicht abgeholt. Und ich habe immer ein Buch mit dabei, um in Cafés eine Beschäftigung zu haben. Sprich, ich kenne die ganzen Tricks. Und obwohl es in mir die Stimme gibt, die stolz darauf ist, buchstäblich alleine in der Welt klar zu kommen, stürze ich meist einen Tag emotional so richtig ab. Dann sehe ich diesen ganzen Ort, die vielen Menschen, die von A nach B hetzen, und ich mittendrin. Unsichtbar. Fremd. Zu niemandem eine Verbindung. Es fühlt sich dann nur schwarz an, erdrückend, wie ein großes tiefes Loch. Am nächsten Tag ist dieses Gefühl meist verschwunden. Und doch bleibt die Frage, warum ich eigentlich immer alleine verreisen muss. Die Antwort ist dabei so einfach: Weil ich eben auch zuhause einsam bin. 

Deine Sarah (Name anonymisiert)

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Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Andrea Wieland