Wenn sie ihre Tage haben, beeinträchtige das ihre Leistung, sagen 195 von 300 Spitzensportlerinnen in einer Umfrage von SWR Sport und SWR Recherche-Unit. In der Öffentlichkeit werde jedoch von ihnen erwartet, "immer leistungsfähig sein zu müssen, egal in welcher Zyklusphase man sich befindet", beschreibt eine Teilnehmerin in der Umfrage ihren Eindruck. "Der Zyklus der Frau hat einen hohen Anteil auf die Leistungsfähigkeit vor allem wenn es um Wettkämpfe geht."
Der Wunsch vieler Spitzensportlerinnen: Den Zyklus bei der Planung von Training und Wettbewerben stärker berücksichtigen. 213 der insgesamt 300 Spitzensportlerinnen sprachen sich in der anonymen Umfrage dafür aus.
Göring: "Bisher trainieren wir wie Männer mit Männern"
Hochspringerin Johanna Göring, aktuelle deutsche U23-Meisterin, würde sich eine bessere Studienlage zum Thema wünschen, sagt sie im Interview mit dem SWR. Auch um für sich herauszufinden, wie sie ihr Training sinnvoll an den Zyklus anpassen könne. Ob sich womöglich sogar mehr Leistung herausholen ließe, wenn das Training "speziell für Frauen" gestaltet werde. "Bisher trainieren wir ja wie Männer mit Männern. Ich glaube, da gibt es Potenzial."
Ihr persönlich fehle es an Input und Infos zum Thema, sagt die 20-Jährige. "Ich glaube, wir sind offen dafür. Ich glaube, auch mein Trainer ist offen dafür, ich glaube, viele Trainer. Aber im Moment fehlt da dann irgendwie noch ein bisschen das Wissen darüber. Zumindest mir fehlt das Wissen darüber."
Zugleich sieht Göring insgesamt aber auch Fortschritte. Sie nehme wahr, dass der Deutsche Leichtathletikverband sich hier mehr und mehr engagiere, zum Beispiel Frauenärzte einlade, "um mit uns grundsätzlich über die Themen zu sprechen". Und auch in ihrem Training werde Rücksicht darauf genommen, "dass wir, wenn wir unsere Tage gerade haben, dann nicht so leistungsfähig sind oder auch Beschwerden und Probleme verschiedenster Art haben".
Mehr leisten, weniger Sichtbarkeit Forschung belegt strukturelle Nachteile für Sportlerinnen
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Spitzensportlerinnen überwiegend von Männern trainiert
Mit ihrem Trainer könne Johanna Göring darüber ganz offen reden, "das ist gar kein Problem". Doch nicht allen Spitzensportlerinnen geht das so. In der Umfrage von SWR Sport und SWR Recherche-Unit sagten nur 135 der 300 Spitzensportlerinnen, sie fühlten sich wohl dabei, mit Trainern über ihre Periode zu sprechen. 129 fühlen sich dabei nicht wohl, 36 beantworteten die Frage nicht.
Die Sportwissenschaftlerin und sportpsychologische Beraterin Claudia Reidick, 1988 selbst Olympiamedaillengewinnerin im Hürdenlauf, sagt: "Ich habe Rückmeldungen von Sportlerinnen, denen es ganz unangenehm ist, mit Mitte 20 dem Athletiktrainer täglich zu schreiben, wie es jetzt mit der Periode aussieht." Neben mehr Trainerinnen sei es wichtig, im Frauensport auch Medizinerinnen und Physiotherapeutinnen als Ansprechpartner zu haben.
Bislang gibt es noch nicht viele Trainerinnen im Spitzensport. In der SWR-Umfrage antworteten 248 der insgesamt 300 Spitzensportlerinnen, ihre Trainer seien ausschließlich oder überwiegend Männer. Mehr als hundert der ausschließlich oder überwiegend von Männern trainierten Sportlerinnen wünschten sich hier eine andere Zusammensetzung.
Warum der Spitzensport für Frauen noch immer ungerecht ist
Königstein: "Das hätte ich früher nie gemacht"
Mit Frauen ließe sich ganz anders über das Thema Zyklus sprechen, sagt Fabienne Königstein, Marathonläuferin und Präsidiumsmitglied bei Athleten Deutschland im Interview mit dem SWR. "Ich hatte auch vor allem männliche Trainer und fand es dann doch auch spannend, mal eine Bundestrainerin zu haben. Weil sie halt das selbst auch schon erfahren hat." Seit etwa drei Jahren spiele das Thema Zyklus für sie ohnehin noch einmal eine ganz neue Rolle.
Denn vor der Geburt ihrer Tochter habe sie jahrelang hormonell verhütet, sagt die Marathonläuferin. Das habe natürliche Zyklusphasen unterdrückt, "das heißt, ich mache jetzt auch erst so meine Erfahrungen". Ihr Zyklus variiere seitdem auch mal, von daher sei es "superschwierig, wirklich im Vorfeld zu planen, okay, hier machen wir jetzt ein paar ruhige Tage". Mittlerweile habe sie aber ein "extremes Bewusstsein" dafür entwickelt. "Also ich weiß, wann ich in der letzten Phase im Zyklus bin, und wenn ich dann einen Tag habe, wo ich einfach platt bin, dann lasse ich die Tempoeinheit sausen. Das hätte ich früher nie gemacht."
Die ekelhafte Kehrseite des Sports
Hormone in sportmedizinischer Untersuchung bestimmen
Grundsätzlich angekommen sei das Thema im Sport, "es ist ein unheimlicher Hype im Moment", sagt Sportwissenschaftlerin Claudia Reidick. Doch es sei aus ihrer Sicht "noch nicht ganz ausgereift". Die Berücksichtigung des Zyklus sei je nach Sportart und Sportlerin "sehr individuell", es brauche insgesamt mehr Zusammenarbeit unterschiedlicher Bereiche. "Häufig forscht dann die Sportwissenschaft dazu oder es forscht die Medizin dazu. Eine Verkopplung gibt es nur in wenigen Studien, dass man wirklich auch fundierte Daten hat." Zudem würden zwar Daten gesammelt, doch "wer wertet die aus, wer gibt dann wirklich Rückmeldung, wer ist dann auch so geschult, dass er individuell auf die Athletin eingehen kann"? Für die Sportwissenschaftlerin noch ungelöste Fragen.
In der SWR-Umfrage gaben 53 der insgesamt 300 Spitzensportlerinnen an, hormonell zu verhüten, um ihre Periode gerade bezüglich Wettkämpfen gezielt zu steuern. Seit Fabienne Königstein die Pille nicht mehr nimmt, merke sie, dass sie "in der ersten Hälfte des Zyklus besonders leistungsfähig" sei. "Ich kann dann harte Trainingseinheiten wirklich quasi abarbeiten, erhole mich gut". Ob sie aktuell auf demselben Leistungsniveau wäre, würde sie die Pille wieder nehmen, sei "schwer zu vergleichen".
Insgesamt würde die Marathonläuferin und Athletensprecherin im DOSB sich wünschen, dass bei den jährlich stattfindenden sportmedizinischen Untersuchungen eine gynäkologische Untersuchung mit dabei wäre. "Das ist für mich eine riesen Leerstelle. Dass da bei den Frauen auch eben mal die Hormone bestimmt werden." Die Erkenntnisse daraus könnten manchmal auch als "Weckruf" gelten, wenn Hormone zum Beispiel "total im Keller" seien, sagt sie. In solchen Fällen schaffe eine solche Untersuchung für die Sportlerinnen Raum, etwas zu ändern und so "gesünder" durch ihre sportliche Karriere zu gehen.