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Die Kleiderfrage im Hockey: Mein Sport, mein Rock!

Im Hockey tragen Frauen traditionell Röcke - für viele ist das selbstverständlich. Doch was für manche Spielerinnen zum Wohlfühlen dazugehört, empfinden andere als Einschränkung. SWR Sportredakteurin Chiara Vischer findet wichtig, es dass jede Sportlerin selbst entscheidet, was sie tragen will.

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Von Autor/in Chiara Vischer

Ich bin Hockey-Nationalspielerin und Hockey ist mein Leben. Auf dem Platz fühle ich mich zu Hause, meine Mitspielerinnen sind meine beste Freundinnen. Ich liebe diesen Sport, die Menschen und die Erfahrungen, die ich durch Hockey machen durfte.

Für mich gehört der Rock einfach dazu

Vor jedem Spiel der gleiche Ablauf: erst Besprechung und dann ab in die Kabine, um uns gemeinsam für das Spiel fertig zu machen. Stutzen, Trikot, Schuhe - und dann schlüpfe ich in meinen Rock. Für mich ist das einfach normal. Ich habe nie darüber nachgedacht, warum wir eigentlich Röcke tragen. Der Rock gehört einfach dazu, wie Trikot oder Schläger.

Außerdem spiele ich sehr gerne in Röcken - wie die meisten meiner Mitspielerinnen auch. Wir finden sie einfach schön, luftig und irgendwie typisch Hockey. Klar gibt es auch Ausnahmen, Spielerinnen, die lieber Shorts tragen, aber für mich ist der Rock einfach Standard.

Schon in der Jugend ist es normal, dass die Mädchen beim Hockey Röcke tragen. Für mich war der Rock ein Teil der Teamidentität, ein Symbol für unseren Sport. Ich habe mir da noch nie groß Gedanken drüber gemacht, wieso das so ist, dass Mädchen und Frauen im Hockey Röcke tragen, während die Männer in Hosen spielen. Steckt da mehr dahinter? Ein bestimmtes Bild davon, wie weibliche Sportlerinnen auszusehen haben?

Wenn Kleidung zur Vorschrift wird – und abschreckt

Hockey ist keine Ausnahme, auch Beachhandball, Volleyball und andere Sportarten diskutieren ähnliche Fragen. Überall geht es darum, wie weibliche Sportlerinnen gesehen werden - nicht nur um Funktionalität. Und vor allem geht es um eine Menge Vorschriften. Beim Beachvolleyball und Beachhandball mussten Sportlerinnen lange in Bikinihosen antreten. Zentimetergenau war geregelt, wie kurz sie mindestens sein mussten. Im November 2021 haben sich die Regeln im Beachhandball geändert, nachdem das norwegische Nationalteam in Radlerhosen antrat und so für mediale Aufmerksamkeit und Proteste sorgte.

Nun lautet die Regel ausschließlich, die Hosen sollen eng anliegen. Aber selbst diese Vorschrift gilt bei den Männern nicht - wieso also bei den Frauen? Auch beim Tennis waren die Klamottenvorschriften immer wieder Thema - von der Kontroverse rund um den ikonischen Catsuit, den Serena Williams 2018 bei den French Open trug, bis hin zur fortwährenden Diskussion über die All-White-Regel bei Wimbledon. Letztere führte sogar schon einmal dazu, dass ein Schiedsrichter einer Spielerin unter den Rock schaute, um zu prüfen, ob ihre Unterhose auch, wie vorgeschrieben, Wimbledon-angemessen weiß war - das ist absurd.

Was die Wissenschaft sagt

Wissenschaftliche Studien haben sich mit genau diesem Thema auseinandergesetzt - und tatsächlich kam dieser Antrieb sogar aus der Sportart Hockey. Tess Howard, englische Hockey-Nationalspielerin, bestätigte während ihres Studiums an der Durham University ihre These, dass junge Sportlerinnen aufgrund der Kleidungsverordnungen mit den jeweiligen Sportarten aufhören. Ihre Studie mit mehr als 400 Sportlerinnen ergab, dass 70 Prozent der Befragten erlebt hatten, dass Mädchen aufgrund von Bedenken hinsichtlich ihrer Sportbekleidung oder ihres Körperbildes den Sport aufgegeben hatten. Sie nennt dies "die am meisten unterschätzte Ursache für die geringe Beteiligung von Frauen am Sport".

Mehr Freiheit – weniger Vorschriften

Howard hat damit bewirkt, dass der Englische Hockeyverband Spielerinnen erlaubt, zwischen Shorts, Röcken oder Skorts zu wählen. In Deutschland ist das auch so: Spielerinnen ist es freigestellt, ob sie in Röcken oder in Shorts spielen möchten. Wichtig ist nur, dass die Farben innerhalb des Teams einheitlich sind.

Ich finde es wichtig, dass wir Röcke als etwas Positives erleben können, ohne dass es uns einschränkt. Für viele ist der Rock Teil des Hockey-Vergnügens, nicht nur ein Kleidungsstück. Die Hauptsache ist: wir sollten selbst entscheiden können, worin wir uns am stärksten fühlen. Der Rock ist ein Teil unserer Tradition und macht Spaß, aber er sollte immer eine Wahl bleiben.

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Im Sport geht es schließlich um Teamgeist, Technik, Taktik und Leidenschaft - nicht um die Kleidung. Auf dem Platz zählt am Ende nur eins: das Spiel, das wir genießen wollen – ganz egal ob im Rock oder in Shorts.

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Autor/in
Chiara Vischer
Heidelberg, Mailand

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