Ende 2020 hat der SWR eine Umfrage unter Spitzensportlerinnen durchgeführt, die massive Benachteiligung von Frauen im Spitzensport ans Tageslicht brachte. Diese exklusive Umfrage wurde nun 2025 wiederholt. Auch diesmal zeigt sich: Sexismus, fehlende Gleichberechtigung oder unangepasstes Training sind für viele Sportlerinnen nach wie vor Alltag. Eins wird dabei deutlich: Der Spitzensport muss weiter an sich arbeiten. In den vergangenen fünf Jahren hat sich jedoch auch einiges getan.
Der Verein Athleten Deutschland hat zum Beispiel eine Meldestelle "Anlauf gegen Gewalt" geschaffen, bei der sich Athleten und Athletinnen melden können, die sexualisierte Gewalt, oder psychische und physische Gewalt erfahren haben. "Die traurige Erfolgszahl ist, dass wir da in den drei Jahren mehr als 400 Meldungen bekommen haben. Also da sieht man, dass der Bedarf extrem hoch ist und das Besondere hier ist, dass es eine unabhängige Meldestelle ist", so Fabienne Königstein, Marathonläuferin und Präsidiumsmitglied bei Athleten Deutschland. Bis dahin gab es zwar Meldestellen bei den Verbänden, "dort haben sich die Athleten jedoch erst gar nicht hingetraut", so Königstein weiter.
Die sportpsychologische Expertin Claudia Reidick weiß, dass die Körperlichkeit im Sport natürlich dazu gehört. Sie betont aber: "Wir müssen diese Kultur ändern, um solche Übergriffe auf Dauer so gut wie möglich zu verhindern." Dafür muss einem Athleten oder einer Athletin klar sein, "was geht und was nicht. Dass sie früh aufgeklärt werden, genauso dass Trainer aufgeklärt werden, wo es noch angebracht ist und wo es kein Freudenjubel mehr ist."
Mehr Fokus auf zyklusbasiertes Training
Eine große Mehrheit der Sportlerinnen (213; nein: 48, keine Antwort: 39) sprach sich in der Umfrage dafür aus, den Zyklus bei der Planung von Training und Wettbewerben stärker zu berücksichtigen. 195 Sportlerinnen sagten, ihre Leistung werde durch ihre Periode beeinträchtigt. Gleichzeitig sagten 129 Sportlerinnen, sie fühlten sich nicht wohl dabei, ihre Periode mit Trainern zu besprechen. Fabienne Königstein beobachtet in ihrem Sport dahingehend eine positive Veränderung. "Letztens wurde ich bei einem Straßenlauf von einer jungen Athletin direkt auf den Zyklus angesprochen", das habe sie sehr gefreut und zeige, dass "die jüngere Generation zumindest teilweise sich damit schon beschäftigt und keine Hemmungen hat, mich dann auch anzusprechen".
Umfrage unter Spitzensportlerinnen Periode endlich beachten!
Um das letzte Körnchen Leistung aus Spitzensportlerinnen und Sportlern herauszukitzeln, wird viel getüftelt, geforscht und ausprobiert. Doch dass Frauen ihre Periode haben, spielt in vielen Trainingskalendern noch immer keine Rolle.
Generell sei ein großes Interesse bei den Athletinnen da, sich mit dem Thema zyklusbasiertes Training zu befassen. Allerdings ist dies auch sehr individuell und die Studienlage ist nicht die Beste. Fabienne Königstein sagt: "Ich würde jeder Athletin raten, die nicht hormonell verhütet: 'Hör in dich rein, führ' Tagebuch, bewerte das irgendwo objektiv und guck, ob du immer wiederkehrende Muster erkennst und dann handle selber danach und im Idealfall besprichst du das auch mit deinem Trainer'." Außerdem plädiert Königstein dafür, den Hormonspiegel der Frauen bei den jährlichen sportmedizinischen Untersuchungen zu testen, um manche Athletinnen möglicherweise damit "wachzurütteln, damit sie was ändern können und gesünder durch ihre sportliche Karriere gehen".
Forderung nach mehr weiblichen Trainerinnen
Es ist für viele Athletinnen aber nicht so einfach mit den meist doch männlichen Trainern ihre Periode zu besprechen. Denn nach wie vor werden den Ergebnissen der SWR-Umfrage zufolge 248 der insgesamt 300 Teilnehmerinnen von Männern trainiert. Davon seien bei 76 Sportlerinnen die Trainer ausschließlich und bei 172 überwiegend männlich. Mehr als hundert der überwiegend oder ausschließlich von Männern trainierten Sportlerinnen wünscht sich eine andere Zusammensetzung. Aber warum gibt es überwiegend männliche Trainer?
"Da kann ich die Frauen verstehen, die nicht so in den Trainerberuf gehen, weil das auch einfach schlechte Bedingungen sind", sagt Fabienne Königstein. "Es ist ein Fulltime-Job mit sehr schlechter Bezahlung, wo man quasi 24/7 eigentlich unterwegs ist, absolut nicht familienfreundlich. Und da müssen wir, denke ich, erstmal die Bedingungen für die Trainer ändern, damit da vielleicht auch dann zukünftig viel mehr Frauen sich für diesen Weg entscheiden", so Königstein weiter. Auch Claudia Reidick glaubt nicht, dass es in fünf Jahren mehr Trainerinnen geben wird. "Ich glaube, da müsste das noch viel mehr von den Frauen eingefordert werden."
Hass und Hetze bei Social Media - was können Sportlerinnen tun?
Eine große Mehrheit der Sportlerinnen ist bei Social Media aktiv (200). Von den insgesamt 300 Teilnehmerinnen haben 107 Sexismus erfahren, 58 wurden beschimpft oder angefeindet und 37 haben angegeben, mit Stalking bei Social Media Erfahrung gemacht zu haben. Für Judoka Alina Böhm ist das ebenfalls Alltag, sie hat jedoch für sich eine Lösung gefunden: "Ich würde mir wünschen, dass jeder sein Ding machen darf, dass im Netz einfach ein bisschen weniger Hass ist und ein bisschen mehr Akzeptanz und Toleranz und dass sich weniger Leute hinter irgendwelchen Profilen verstecken." Und sie fügt hinzu: "Für mich habe ich da mitgenommen, einfach weniger die Sachen zu lesen, mein eigenes Ding zu machen und mehr auf die Nachrichten achten, die einem so ein gutes Gefühl geben."
SWR-Umfrage unter 300 Spitzensportlerinnen Essstörungen im Leistungssport: Wenn Gewicht und Aussehen alles entscheiden
Das Risiko, im Leistungssport eine Essstörung zu entwickeln, ist groß. Athletinnen wie Fabienne Königstein und Alina Böhm sprechen offen über ihre Erfahrungen - und was sich ändern muss.
Auch Hochspringerin Johanna Göring kämpft insbesondere nach Wettkämpfen mit Kommentaren unter Videos von ihren oder Sprüngen ihrer Kolleginnen. "Mich stören diese Kommentare unter den Videos, die uns als Athletinnen auf unsere Körper reduzieren und ganz bewusst belästigende Kommentare sind. Das gibt mir ein unwohles Gefühl." Sie berichtet, dass teilweise extra Videos zusammengeschnitten werden, in denen es nicht um ihre Leistung gehe, sondern darum, "wie ich aussehe bei meinem Sport. Ich versuche mich da zu schützen, indem ich eben eine andere Hose anziehe, weil ich mir denke, dadurch sieht man irgendwie weniger und kriegt vielleicht weniger solche Videos oder weniger solche Kommentare." Außerdem schütze sie sich, indem sie ihren Instagram-Account auf privat stellt.
Für Weitspringerin Malaika Mihambo sind Anfeindungen ebenfalls keine Seltenheit. Sie sagt: "Letztendlich ist es die Aufgabe von jedem von uns selbst, uns frei zu machen und dann natürlich im Idealfall auch die Aufgabe von jedem zu schauen, wo ich denn vielleicht jemand anderem zu nahe trete, was mir gar nicht zusteht. Wo urteile ich? Wo bewerte ich, wo es mir gar nicht zusteht?" Und sie ergänzt: "Wenn jeder so ein bisschen mehr bei sich bleiben würde und reflektieren würde, könnten wir da ganz schnell auch rauskommen, damit junge Mädchen sich wohlfühlen in ihrem Körper - unabhängig davon, wie sie genau aussehen."