Ruben Gerczikow ist Publizist und Autor. Er recherchiert zu antisemitischen Strukturen im digitalen und analogen Raum. Als Fußballfan beschäftigt er sich zudem mit Themen wie Fankultur, Extremismus und Antisemitismus im Fußball. Er ist Co-Herausgeber des Sammelbandes "Juden auf dem Platz, Juden auf den Rängen". Im Gespräch mit SWR Sport spricht er über die Europa League-Partie des SC Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv und das vergangene Spiel von Maccabi in Stuttgart.
SWR Sport: Welche Gedanken hatten Sie bei der Europa-League-Auslosung. Wie besonders ist es, wenn israelische Mannschaften in Deutschland spielen?
Ruben Gerczikow: Ich erinnere mich noch, als Maccabi Tel Aviv gegen Bayern gespielt hat, in der Champions League damals noch. Das ist inzwischen schon über 20 Jahre her. Damals war es noch eher etwas Besonderes. Inzwischen hat sich das eigentlich abgeflacht und für viele israelische Fans ist das ein Fußballbesuch, so wie wenn sie nach England, Spanien oder ein anderes Land fliegen. Interessant wird es eigentlich dann immer nur, wenn es tatsächlich zu antisemitischen Anfeindungen oder antisemitischen Vorfällen gegen israelische Mannschaften kommt. Dann geht es eben darum, dass so etwas gerade in Deutschland vorkommt. Grundsätzlich würde ich sagen, dass es keine Besonderheit mehr darstellt, wenn israelische Teams in Deutschland spielen.
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Nichts besonderes für die Medien bzw. die Gesellschaft in Israel? Ich habe das Gefühl, dass die Situation in Deutschland als "besonders" wahrgenommen wird.
In Deutschland definitiv. Wir haben letztes Jahr 60 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gefeiert. In der Politik wahrscheinlich mehr, als in der Gesellschaft angekommen ist. Ich glaube, dass so ein Spiel dann an vielen Stellen eher zu einem Politikum wird, als dass es tatsächlich für die Fans selber der Fall ist. Deswegen würde ich eigentlich sagen, dass es in Deutschland vielleicht einen höheren Stellenwert hat als tatsächlich in Israel.
Inwieweit haben der 7. Oktober und alles, was danach passiert ist, die ganze Situation noch einmal verändert - gerade wenn es in den letzten Jahren eigentlich keine Besonderheit mehr war?
Wenn eine israelische Mannschaft nach Deutschland kommt, bietet das eine größere Projektionsfläche für antisemitische Gelegenheitsstrukturen. Fußball ist ein Massenphänomen, das ist der beliebteste Sport in Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass es natürlich auch von Leuten instrumentalisiert wird, die vielleicht auch mit dem Sport an sich oder in dem Fall mit den zwei Vereinen, dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg, eigentlich auch nichts per se zu tun haben, sondern vielleicht eher aus der Stadt kommen und sich dementsprechend mit diesem Thema beschäftigen. Von daher würde ich sagen, dass natürlich dieser Rahmen eine Bühne bietet für diese antisemitischen Gelegenheitsstrukturen.
Ich muss sagen, es war wahrscheinlich eines der bedrückendsten Spiele, die ich in meinem Leben erlebt habe. Das hatte vor allem damit zu tun, dass die Maßnahmen nicht nur gegen die Auswärtsfans, sondern eben auch gegen die Heimfans verhängt worden sind.
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Sie waren ja beim Spiel vor einigen Wochen beim Spiel in Stuttgart vor Ort. Ich glaube für alle, die an dem Abend im Stadion waren, war es besonders - für die Spieler und besonders für die Zuschauer. Wie haben Sie als Fan und auch als Experte den Abend wahrgenommen?
Ich muss sagen, es war wahrscheinlich eines der bedrückendsten Spiele, die ich in meinem Leben erlebt habe. Das hatte vor allem damit zu tun, dass die Maßnahmen nicht nur gegen die Auswärtsfans, sondern eben auch gegen die Heimfans verhängt worden sind. Eigentlich ein Schlag für all diejenigen, die sich für eine farbenfrohe Fankultur einsetzen. Und ich glaube auch nicht, dass das der Weg ist, wie man antisemitische Vorfälle im Stadion oder auch darüber hinaus verhindern kann. Am Ende des Tages war das eine Kollektivstrafe für eigentlich alle Fans, sowohl den Maccabi-Anhang als auch den VfB-Anhang.
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Wird denn über die Form, wie so ein Spiel stattfindet, in Israel berichtet?
Ich glaube der israelische Blick, gerade auch im Sportjournalismus, ist leider ein wenig einseitig. Es wird vor allem dann berichtet, wenn es zu antisemitischen Vorfällen kommt. Es findet keine wirkliche Kritik an Fehlverhalten israelischer Fans und israelischer Vereine an sich statt, sondern es wird eigentlich sehr stark die Fanseite, die israelische Seite eingenommen.
Maccabi Tel Aviv wurde für das Fehlverhalten seiner Fans (rassistische, anti-arabische Gesänge) mit 20.000€ Strafe und Fanausschluss auf Bewährung belegt. Exakt das gleiche Strafmaß bekam der VfB für das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände der Fans beim Auswärtsspiel in Basel. Wie bewerten Sie das?
Das steht in keiner Relation. Ich glaube, wir müssen die Pyrotechnik-Debatte an dieser Stelle nicht aufmachen, weil das wahrscheinlich zu weit führen würde. Die wurde an vielen Stellen ja auch schon oft besprochen. Aber natürlich muss die UEFA einen anderen Weg finden, wie sie mit Diskriminierung, wie sie mit Rassismus umgehen kann.
Und gleichzeitig muss ich sagen, dass die UEFA meiner Meinung nach sowieso jede Glaubwürdigkeit verspielt hat, wenn es um das Engagement gegen Diskriminierung geht. Das war für mich nochmal der Punkt bei der Europameisterschaft 2024 in Deutschland, als beispielsweise beim Spiel zwischen den Niederlanden und der Türkei ein Großteil des Stadions den sogenannten Wolfsgruß der rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe gezeigt hat und es da eigentlich keine wirklichen Konsequenzen gegeben hat.
Das erwartet Gerczikow vom Spiel Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv
Was erwarten Sie für das Spiel in Freiburg - vielleicht auch im Unterschied zu dem, wie es in Stuttgart gelaufen ist?
Ich hoffe, dass man auch aus dieser an manchen Stellen gespenstischen Atmosphäre in Stuttgart gelernt hat. Ich habe vernommen, dass es so wie auch in Stuttgart zu einer israelfeindlichen Kundgebung kommen soll am Platz der Alten Synagoge - so wie auch in der Vergangenheit schon sehr viele israelfeindliche, auch antisemitische Veranstaltungen dort stattgefunden haben. Ich gehe nicht davon aus, dass es in einem großen Ausmaß zu etwas kommen wird. Ich kann natürlich nicht vorausschauen, wie sich Sachen oder wie sich Situationen vor Ort entwickeln können, inwieweit auch Maccabi-Fans, die durch die Stadt laufen, sich rassistisch verhalten werden.
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Was man natürlich sagen muss: In Stuttgart waren die Maccabi Fanatics, die führende Ultra-Gruppierung von Maccabi Tel Aviv, die man auch eindeutig als rechtsextrem bezeichnen kann und muss, nicht vor Ort - nicht aufgrund der Situation in Stuttgart selbst, sondern aufgrund der Problematiken, die sie mit dem eigenen Verein hatten. Sie gehen aber jetzt inzwischen wieder ins Stadion, also der interne Boykott ist aufgehoben.
Das heißt, dass zumindest auf Maccabi-Seite auch mit mehr Stimmung und einem volleren Gästeblock zu rechnen sein wird, als es in Stuttgart der Fall gewesen ist. Inwieweit sich das auch auf die Interaktion mit Freiburger Fans oder vielleicht auch mit Personen, die Israel, die Maccabi Tel Aviv nicht positiv gewogen sind, auswirken kann, das kann ich nicht beurteilen. Aber ich kann es mir leider auch vorstellen, dass es zu rassistischen Vorfällen von entweder vereinzelten oder auch organisierten Maccabi-Fans kommen kann.
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Wie muss der Donnerstag verlaufen, dass Sie ihn positiv bewerten würden?
Indem es zum einen nicht zu antisemitischen oder rassistischen Vorfällen kommt - auch wenn ich nicht naiv bin und das sich nicht verhindern lassen wird, vor allem nicht im Kontext von Einzelpersonen. Und da verweise ich ganz gerne auch auf das Spiel zwischen Union Berlin und Maccabi Haifa in der Conference League, das weit vor dem 7. Oktober stattgefunden hat (am 30.09.2021, Anm. d. Red.) und wo es eben halt vor allem Einzelpersonen gewesen sind, die beispielsweise versucht haben, die israelische Fahne anzuzünden, die antisemitische Ausrufe getätigt haben.
Ich würde sagen, dass es problematisch ist, wenn man eben dieses Verhalten einzelner Personen mit der Fanszene gleichsetzt, was oftmals getan wird. Und gleichzeitig hoffe ich, dass eine differenzierte Betrachtungsweise, auch von Maccabi Tel Aviv stattfindet und dass man nochmal erwähnt, dass es ein absolutes Problem mit Rassismus innerhalb dieser Kurve gibt. Aber dass man auch versteht, dass Maccabi Tel Aviv einer der populärsten Vereine in Israel ist, der eben nicht nur Fans mit extremen Rechten oder rechten Positionen hat, sondern über die gesamte israelische Gesellschaft hinweggeht.
Deswegen da auch nochmal der Appell, dass Kollektivstrafen meiner Meinung nach nichts bringen, sondern im Gegenteil zu einem Solidarisierungseffekt an vielen Stellen führen und auch diejenigen bestrafen, die damit nichts zu tun haben wollen. Ich glaube, es wäre schon ein Erfolg, wenn das ganze Politikum eben nicht von außen hineingetragen wird. Am Ende des Tages wird es an vielen Stellen nicht von Fans von Vereinen getragen, sondern eben von anderen Personen, die mit diesem Sport, mit unserem Sport am Ende des Tages eigentlich auch nichts zu tun haben.