Der Frust nach dem Pokal-Aus war groß. Aber auch schon während der Partie gegen den VfB Stuttgart war der sicht- und spürbar. Es wurde viel gestikuliert, diskutiert. Fokussiert und konzentriert ging es dagegen eher selten zu. Ein Dauerthema aktuell beim FSV, bei dem es gewaltig knirscht.
Und wie ein Muster einer Negativspirale sind es immer wieder die gleichen Probleme, mit denen die Rheinhessen zu kämpfen haben: Abstimmungsprobleme zwischen Mannschaftsteilen, eine harm- und ideenlose Offensive, ein Mittelfeld das gerade wenig antreibt und dazu eine fehleranfällige Abwehrreihe. All das wird in den letzen Wochen teilweise gnadenlos bestraft. Deutlich wurde das vor allem im "VfB-Doppelpack". Die bisherige Dreifachbelastung aus Liga, Pokal und Conference League als Grund für die anhaltende Misere zu nennen, wäre zu einfach und auch nicht zutreffend.
Verkopft, verkrampft, verzweifelt
Mainz ist der Flow, die Leichtigkeit und die Selbstverständlichkeit im Spiel im Vergleich zur letzten Saison komplett abhanden gekommen. Die Mannschaft von Bo Henriksen versucht viel, aber zu oft gehen diese Versuche schief. Jeder 05-Profi trägt gerade einen schweren Rucksack, scheint im Kopf blockiert. Falsche Entscheidungen werden getroffen, Unsicherheiten schleichen sich ein, das Selbstvertrauen ist weg. Gerade im eigenen Stadion ist das in dieser Spielzeit zu erkennnen. Zuhause ist der FSV immer noch ohne Punkte und bis zum siebten Spieltag gelang nicht mal ein Treffer.
Da das komplette Team von dieser Misere betroffen ist, wird es dadurch noch komplizierter, Lösungen zu finden, aus diesem Tief herauszukommen. Die zuletzt fünf Niederlagen in Bundesliga und DFB-Pokal verstärken das Bild. 05-Coach Henriksen appelliert zwar immer wieder an die 05-Tugenden, versucht die Spieler stark zu reden, doch momentan scheint er kaum durchzudringen. Umso erstaunlicher, dass die 05er in der sogenannten Expected-Points-Tabelle (erwartbare Punkte) Platz zehn belegen. Für die aktuelle Krise, mit gerade mal vier Punkten (ein Sieg, ein Unentschieden) ein überraschender Wert.
Die Neuen "zünden" nicht
Dass der Abgang von Stürmer Jonny Burkardt eine große Lücke in der 05-Offensive hinterlasssen würde, war absehbar. 18 Treffer steuerte der Neu-Frankfurter für die euphorische letzte Saison mit Tabellenplatz sechs bei. Neuzugang Benedict Hollerbach, mit zehn Millionen Euro Ablöse der Königstransfer, trifft nicht. Der 24-Jährige war zwischenzeitlich verletzt, aber auch nach seinem Comeback verbucht der Ex-Unioner trotz acht Spielen keine Torbeteiligung.
Auch sonst gab es aus für den FSV keinen Transfertreffer. William Böving zeigt sich bei seinen bisherigen Einsätzen bemüht, aber ließ sich von der aktuellen Gemütslage der Teamkollegen anstecken. Die weiteren Transfers spielen hauptsächlich in der U23, in der Regionalliga. Dazu sind die Leistungsträger des Mainzer Spiels komplett außer Tritt. Kaishu Sano unterlaufen ungewöhnlich viele Fehler, Nadiem Amiri fällt eher mit Scharmützeln mit gegnerischen Fans oder Gegenspielern auf, statt als Antreiber für die Offensive. Paul Nebel, Dominik Kohr oder auch Danny da Costa suchen ihre Form der Vorsaison.
Ruhe und Caci sind (noch) die Hoffnungsschimmer
Trotz der sportlichen Krise und dem aufgebauten Frust durch die letzten Wochen, herrscht aktuell noch Ruhe am Mainzer Bruchweg. Kein Pfiff seitens der 05-Fans nach dem Pokal-Aus gegen Stuttgart, dafür aufmunternder Applaus und Sprechchöre. Die Anhänger beweisen gutes Gespür und haben noch die Geduld mit den Profis. Sie wissen, Beschimpfungen und Frustabbau von der Tribüne wären aktuell kontraproduktiv für diese maximal verunsicherte Mannschaft. Auch im Verein stellt sich die sportliche Führung um Vorstand Christian Heidel und Sportdirektor Niko Bungert hinter Trainer Henriksen, versucht keine Hektik oder Unruhe aufkommen zu lassen.
In Mainz hat man mit solchen Situationen schon häufiger Erfahrung gemacht. Als Mutmacher in dieser schwierigen Phase kann daher die Vertragsverlängerung von Anthony Caci gewertet werden. Ein Vertrauensbeweis des Franzosen, der sich kommenden Sommer ablösefrei den neuen Verein hätte aussuchen können und ein Signal des Clubs, der damit zeigt, dass der Glaube da ist, sich aus einer intakten Mannschaft heraus aus dieser Krise befreien zu können. Doch klar ist auch: In der Partie gegen Werder Bremen ist unglaublicher Druck drauf, die realistisch als Schlüsselspiel gesehen darf. Spielt Mainz erneut schwach und kopflos, könnte es mit der Ruhe und dem Kredit schnell vorbei sein.