"Es war sportlich meine beste Zeit." Ein Grinsen huscht über Matthias Hagners Gesicht, als er über seine zwei Profijahre beim VfB Stuttgart unter Trainer Joachim Löw spricht. Mit Teamkollegen wie Krassimir Balakov, Fredi Bobic, Giovane Elber oder Franz Wohlfahrt holte er 1997 den DFB-Pokal und stand 1998 im Europapokalfinale gegen den FC Chelsea. Hagner, der ehemalige Offensivspieler, stand damals als jüngster Profi im Stuttgarter Kader auf dem Sprung in die Nationalmannschaft. Die freundschaftlichen Verbindungen aus dieser Ära halten bis heute.
Als Fußballprofi seiner Zeit voraus
Schon während seiner Stuttgarter Zeit blickte Hagner über den Tellerrand des reinen Fußballgeschäfts hinaus. Er war ein kritischer, reflektierter Geist. "Ich hatte immer das Gefühl, da gibt es noch ein paar Dinge mehr", sagt er im Gespräch mit SWR Sport. Er praktizierte Yoga und arbeitete privat mit einem Mentaltrainer. Ein Vorstoß, der im damaligen Bundesliga-Geschäft auf Unverständnis stieß. Als er 1998 nach seinem Wechsel zu Borussia Mönchengladbach Trainer Friedel Rausch offen über die Zusammenarbeit mit dem Mentaltrainer informierte, reagierte dieser alarmiert. Rausch rief den Manager an und fragte, was für ein "Wrack" mit psychischen Problemen man ihm da geholt habe.
"Man konnte mentales Training damals nicht richtig einordnen. Es gab einfach eine große Unwissenheit", blickt Hagner ohne Groll zurück. Doch diese Erfahrung prägte ihn nachhaltig und legte den Grundstein für seinen späteren Lebensweg. In Gladbach erlebte er zudem die Anfänge der Leidenswege seiner Mitspieler Sebastian Deisler und Robert Enke (beide erkrankten an Depressionen), mit – zu einer Zeit, als über psychische Erkrankungen im Sport und in der Gesellschaft vorwiegend geschwiegen wurde.
Mut zum Neuanfang mit 39 Jahren
Nach dem Karriereende und ersten Stationen als Trainer im Amateurbereich stand Hagner mit 39 Jahren und als Vater von vier Kindern vor einer beruflichen Weichenstellung. Nach seiner Entlassung beim Regionalligisten Sportfreunde Siegen wählte er statt der höchsten Trainerlizenz das Psychologiestudium an der Universität Gießen. Er verpasste keine Vorlesung und saugte das Wissen auf. Der Altersunterschied zu den anderen Studierenden, die oft mehr als 20 Jahre jünger waren, war kein Problem. "Es war eine großartige Erfahrung. Die Frage, ob ich da hinpasse, hat sich mir gar nicht gestellt."
Nach dem Abschluss arbeitete er fast fünf Jahre in einem psychotherapeutischen Kinder- und Jugendwohnheim im Landkreis Gießen. "Es war eine sehr lehrreiche Zeit", erinnert Hagner. Im Nachhinein sei er froh, nicht direkt von der Uni in den Sportbereich gegangen zu sein. Die Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen schärfte seinen Blick für gesellschaftliche Missstände: "Wir müssen bereits bei den kleinen Kindern ansetzen sowie Familien und Alleinerziehende besser unterstützen", sagt er.
Ein schwerer Schicksalsschlag
Die Arbeit im Wohnheim endete schließlich auch aufgrund eines tiefen privaten Einschnitts. Hagners ältester Sohn Jonas war bereits während des Studiums an Krebs erkrankt, er verstarb vor drei Jahren nach langem Kampf mit nur 21 Jahren. "Ein solcher Verlust begleitet dich ein Leben lang. Dieser Schmerz geht auch nicht weg", sagt Hagner offen. "Es gibt Tage, an denen ich sehr traurig bin. Dann weine ich und vermisse meinen Sohn mehr als an anderen Tagen."
Inmitten der tiefen Trauer half ihm ein starker Familienrückhalt durch seine Eltern, seine vier Schwestern und seine Kinder. Hagner entdeckte aber auch die Lebenseinstellung des Stoizismus. Durch seinen verstorbenen Sohn kam er zu dieser Philosophie, bei der es darum geht, Unabänderliches zu akzeptieren und den Fokus radikal auf das Beeinflussbare zu legen. "Jonas hat viel über die Stoiker gelesen. Heute ziehe ich aus dieser Lehre viel für meine tägliche Arbeit. Er ist somit immer bei mir. Das ist ein schönes Gefühl", sagt der 51-Jährige.
Die Rückkehr in den Profifußball
Inzwischen, erzählt der Ex-Profi, habe er ein gutes Mindset gefunden. Dazu gehöre die Dankbarkeit. Er sei dankbar für die Zeit, die er mit Jonas verbringen durfte und für seine anderen drei Kinder. Er wisse, "dass unangenehme Dinge wie Tod, Krankheiten, finanzielle Probleme oder Trennungen" zu unserem Dasein dazugehörten. Er wundere sich manchmal, "warum wir diese Dinge so verdrängen oder gar nicht auf dem Schirm haben."
Hagner suchte den Weg zurück in das für ihn positiv besetzte Fußballgeschäft. Den Übergang ebnete ihm Gerhard Poschner, Ex-Teamkollege beim VfB Stuttgart, in dessen Berateragentur er zunächst arbeitete. Seit zwei Jahren nun ist Hagner als Sportpsychologe für die TSG Hoffenheim tätig. Er betreut rund 100 Personen – darunter die Profis, die U23-Mannschaft und den jeweiligen Trainerstaff.
Kein Theoretiker: Nah am Spieler
In Hoffenheim trat Hagner in große Fußstapfen. Seine Vorgänger Hans-Dieter Hermann und Jan Mayer gelten als Pioniere der deutschen Sportpsychologie. Hagners großer Vorteil beim täglichen Austausch ist seine eigene Vita: "Ich kenne das Geschäft als Spieler, Trainer und Berater. Das ist ein echter Türöffner." Für ihn gibt es keine Taburäume. Er führt Gespräche zwischen Tür und Angel, beim Frühstückskaffee oder im Trainingslager. Hagner möchte dafür sorgen, dass Spieler und Trainer trotz Belastung ihre Topleistung abrufen können. Er könne dabei nur unterstützen, der Rest müsse vom Menschen selbst kommen. Hagner akzeptiert auch, wenn Spieler lieber mit externen Coaches arbeiten: "Ich will nur, dass es den Spielern gut geht."
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Zum Trainingsauftakt ist Geschäftsführer Andreas Schicker schon mit dem Kader zufrieden. Eine Lücke soll noch geschlossen werden, eine weitere könnte sich noch auftun.
Gerade jetzt zum Saisonauftakt wartet viel Arbeit, wenn der Kader neu gemischt wird. Während manche Profis noch im verlängerten WM-Urlaub sind, kehren andere aus Leihgeschäften zurück. "Für mich steht in dieser Phase die Beziehungsarbeit an erster Stelle", erzählt Hagner. Es gelte, die Neuzugänge schnell kennenzulernen und zu jedem Akteur direkt Kontakt aufzubauen.
Der Trainingsstart der Hoffenheimer Teams wird von einer umfassenden psychologischen Vorbereitungsdiagnostik begleitet. Anhand von Fragebögen filtert Hagner über die gesamte Saison hinweg Anhaltspunkte heraus, um gezielt auf Spieler zuzugehen oder frühzeitig Warnsignale für mögliche klinische Erkrankungen zu erkennen.
Die Gefahren von Social Media
Die Gesprächsthemen mit den Spielern sind vielseitig, denn "Fußballprofis sind in erster Linie Menschen", betont Hagner. "Es spielt keine Rolle, wie bekannt, erfolgreich oder reich jemand ist." Neben sportlichen Krisen gehe es oft um alltägliche Dinge, um kranke Kinder, eine Trennung oder Todesfälle in der Familie. Ein wachsendes Problem stelle zudem der Konsum von Social Media dar. Der permanente Vergleich mache unglücklich, sagt Hagner. Zudem warnt der Psychologe vor den sportlichen Folgen: "24/7 am Handy schadet den kognitiven Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Konzentration, die wir auf dem Platz täglich für Topleistungen brauchen."
Besonders anfällig seien die jungen Talente, für die die Selbstregulierung eine große Herausforderung sei. Überhaupt fehle es ihnen im Vergleich zu erfahrenen Routiniers wie Oliver Baumann, Andrej Kramarić oder Ex-Hoffenheim-Profi Grischa Prömel oft noch an der nötigen Resilienz. "Im Nachwuchsleistungszentrum geht es ab der U15 meist nur bergauf. Im Seniorenbereich treten dann erstmals Probleme auf, die einen 18-Jährigen überfordern. Diese Widerstandsfähigkeit muss erst gelernt werden."
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Die innere Stabilität von Hoffenheims Nationaltorhüter Oliver Baumann zeigte sich zuletzt, als dieser kurz vor der Fußball-WM durch Manuel Neuers Rückkehr von Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann zur Nummer zwei degradiert worden war. Hagner begleitete den Keeper vor und während dieser Phase, möchte inhaltlich dazu aber nicht viel sagen ("Da müsste man Oli fragen"). Nur so viel: "Oli hat das großartig moderiert und klasse angenommen. Denn es war bestimmt nicht einfach."
Das Ungleichgewicht im Profifußball
Während die TSG Hoffenheim mit einem Team von sechs bis sieben Fachkräften von der U12, über die Frauenteams bis zu den männlichen Profis als Vorzeigeadresse gilt, sieht Hagner im deutschen Profifußball in Sachen Sportpsychologie noch reichlich Nachholbedarf. "Wir argumentieren oft: Es sei ein Kopfproblem, die Mentalität stimme nicht. Und dann frage ich: Wie arbeiten wir denn daran, damit sich das ändert?"
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Während für die Physis der Spieler immense Summen und Stäbe von 10 bis 15 Athletiktrainern und Physiotherapeuten abgestellt würden, sparten viele Vereine an der Psyche und besetzten oft nur eine halbe Stelle. "Da herrscht eine große Dysbalance", kritisiert Hagner. Der Profifußball habe den echten Mehrwert der Sportpsychologie in der Breite noch immer nicht vollends erkannt. Zu oft gelte fälschlicherweise die Gleichung, dass jemand mit mentalen Problemen nicht leistungsfähig sei. Matthias Hagner bricht mit seiner Arbeit dieses veraltete Denken auf.