Bundesliga | Zwischenbilanz

TSG Hoffenheim: Vom Abstiegskandidaten zum Überraschungsteam und Europacup-Anwärter?

Nach den ersten zehn Bundesliga-Spieltagen steht die TSG Hoffenheim auf dem sechsten Tabellenplatz. Mit zuletzt vier Siegen in Serie stellte die Mannschaft sogar die Führungskrise im Verein in den Schatten.

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Von Autor/in Kersten Eichhorn

So lief die Saison bisher

Vier Siege in Serie vor der Länderspielpause, so erfolgreich war die TSG Hoffenheim schon viele Jahre nicht mehr. Mit Platz sechs und 19 Punkten haben die Kraichgauer nach dem zehnten Spieltag alle Erwartungen übertroffen, sind aktuell das Überraschungsteam der Bundesliga. Der letztjährige Abstiegskandidat (Platz 15) konnte sich zu einem spielstarken Team mausern - mit Potenzial nach oben.

Die in großen Teilen neu zusammengestellte Mannschaft hat sich erstaunlich schnell gefunden und besticht mit Intensität und Offensivfreude. Die sportlich Verantwortlichen hatten im Sommer das Motto "Neubeginn" ausgerufen. Und der dringend nötige personelle Umbruch nach der völlig verunglückten letzten Saison ist Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker und Trainer Christian Ilzer bestens gelungen. Zwischen den etablierten Routiniers Oliver Baumann, dem Torhüter und Kapitän, und Rekordtorjäger Andrej Kramaric entwickeln sich vor allem die zahlreichen jungen Neuzugänge zu starken Bundesligaspielern mit großer Perspektive. Die Mannschaft verkörpert das Musterbeispiel einer homogenen Einheit.

Zu Beginn der Saison waren die Hoffenheimer vor allem auswärts eine Wucht, sie stellen nach wie vor mit Bayern München das auswärtsstärkste Team der Saison: 13 Punkte aus fünf ungeschlagenen Partien in fremden Stadien, das ist eine Top-Bilanz. Inzwischen wurde aber auch die Heimschwäche abgelegt, in den letzten beiden Spielen in der Sinsheimer Arena gab es zwei Siege gegen Heidenheim und Leipzig.

Was läuft gut?

Vor allem im Offensivspiel kann die TSG Fans und Experten vollauf überzeugen. Es macht wieder Spaß, der TSG beim Fußballspielen zuzuschauen. Die jungen Angreifer Tim Lemperle, Fisnik Asllani und Bazoumana Touré begeistern die Fans im Kraichgau. Während der Ex-Kölner Lemperle (vier Tore) und der aus Elversberg zurückgekehrte Asllani (fünf Treffer) als flinke Toremacher überzeugen, überragt der im letzten Winter aus Norwegen geholte Touré vor allem mit seiner unglaublichen Schnelligkeit. 21 Treffer nach zehn Spielen sind eine tolle Zwischenbilanz. Nur die Bayern, Leverkusen und Frankfurt zeigten sich bislang noch torgefährlicher.

Im Defensivbereich darf schon jetzt der spät verpflichtete Rechtsverteidiger Vladimir Coufal als absoluter Volltreffer bezeichnet werden. Der bereits 33-jährige Tscheche mit langjähriger England-Vergangenheit beackert die rechte Seite unermüdlich wie eine Lokomotive. Daneben konnten auch die beiden jungen Neuzugänge aus der Schweiz, Innenverteidiger Albian Hajdari und Sechser Leon Avdullahu sowie dessen Nebenmann, der Niederländer Wouter Burger, wichtige Akzente setzen. Der Ex-Bochumer Bernardo ist derweil laut Statistik einer der zweikampfstärksten Bundesliga-Verteidiger.

Quasi eine Art "Neuzugang" ist auch Grischa Prömel. Die Laufmaschine ist nach langer Verletzungspause (Kreuzbandriss) endlich wieder topfit und sorgt im Mittelfeld für frischen Schwung, Führungsstärke und auch Tore: Prömel traf in elf Saisonspielen in der Bundesliga und im Pokal schon fünf Mal.

Was muss besser werden?

Heimniederlagen wie gegen den Neuling 1. FC Köln (0:1) oder das DFB-Pokal-Aus beim FC St. Pauli (nach Elfmeterschießen) waren vermeidbar und deshalb im Nachhinein umso ärgerlicher. In solchen Spielen darf das junge Team von Christian Ilzer künftig gerne noch gieriger und konsequenter sein und konstanter seine Leistungsfähigkeit abrufen.

In der Verteidigung wirkt die TSG Hoffenheim - trotz deutlicher Verbesserung gegenüber den vergangenen Jahren - immer noch und immer wieder anfällig (16 Gegentore). Mit der Rückkehr des defensivstarken Mittelfelspielers Grischa Prömel aber könnte sich das Team in diesem Bereich weiter stabilisieren. Dazu kommt mit ebenfalls lange verletzten Ozan Kabak, der zunehmend Spielpraxis sammelt, ein weiterer Klassespieler als personelle Alternative für die Innenverteidigung.

Wie sind die Aussichten?

Stand jetzt ist den Kraichgauern die Qualifikation für den Europapokal durchaus zuzutrauen. Der jüngste Erfolg gegen Leipzig hat gezeigt, dass Hoffenheim auch gegen ein Top-Team gewinnen kann. Die gelungene Mischung aus Routine und Talent lässt auch für den Rest der Saison einiges an Angriffsschwung erwarten. Dazu kommt, dass die TSG das laufstärkste Team der Bundesliga stellt: Die meisten Kilometer abgespult, die meisten Sprints, die meisten intensiven Läufe absolviert - bislang stimmt auch die Mentalität.

Wenn das hochveranlagte Team technisch und taktisch weitere Entwicklungsschritte geht, schwere Verletzungen der Leistungsträger ausbleiben, dazu die Konkurrenz patzt, ist für Hoffenheim ein Platz in der Conference League oder gar der Europa League absolut drin. Oder sogar noch mehr?

Dazu bedarf es allerdings endlich auch der entsprechenden Ruhe im Umfeld. Hut ab, dass sich Mannschaft und Trainerteam von den andauernden Querelen in der Führungsspitze des Vereins nicht aus dem Rhythmus bringen lassen, stattdessen in der Bundesliga von Sieg zu Sieg eilen.

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Kersten Eichhorn