SWR: Timo Hildebrand, wie groß ist bei Dir das WM-Fieber?
Hildebrand: Geht so, um ehrlich zu sein. Ich bin noch in Italien und komme erst in ein paar Tagen wieder zurück. Die Spiele sind ja alle relativ spät. Aber spätestens mit dem deutschen Spiel wird es dann losgehen. Aber ich glaube nicht, dass ich irgendwann nachts um 3 oder 4 Uhr ein Spiel anschauen werde.
SWR: Wühle doch mal bitte so ein bisschen in Deinen Erinnerungen zur WM 2006. Deutschland hat damals das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica bestritten, musste also nicht lange warten. Trotzdem lagen intensive Wochen der Vorbereitung davor. Was war das für eine Stimmung im Team kurz vor dem ersten WM-Anpfiff?
Hildebrand: Hochanspannung würde ich sagen. Je näher der Zeitpunkt zum WM-Start kam, war dann halt immer mehr Druck, aber auch Vorfreude da. Es war die WM im eigenen Land und da gab es definitiv ein WM-Fieber. Man hat im ganzen Land gemerkt, dass jeder dieses Turnier herbeisehnt und einfach riesig viel Spaß dabei hat.
SWR: Ja, das merkt man heute, dass das Turnier gedanklich und auch geografisch sehr, sehr weit weg liegt. Ihr habt damals 4:2 gegen Costa Rica gewonnen. So ein Sieg zum Start, wie wichtig ist der?
Hildebrand: Extrem wichtig. Wenn man da gut rein startet, auch gerade gegen einen Gegner, den man einfach schlagen muss, tankt man Selbstvertrauen. Das Team muss sich ja erstmal finden.
SWR: Das ist ja auch eine Parallele zum aktuellen Turnier. Das erste deutsche Spiel bei dieser WM ist gegen WM-Neuling Curaçao. Ein dankbarer Auftaktgegner oder vielleicht eher unangenehm?
Hildebrand: Ich habe keine Ahnung, auf welcher Position in der Rangliste die stehen und das ist nicht despektierlich gemeint, aber wenn wir gegen die nicht gewinnen, dann haben wir wahrscheinlich bei der WM keine so großen Chancen. Es ist keine Arroganz, jedes Spiel muss erst mal gespielt werden. Die werden auch sich dagegen stemmen, aber wir haben ja Top-Spieler in jeder Liga und dieses Spiel muss ganz klar gewonnen werden.
SWR: Lässt du dich hinreißen zu einem Tipp?
Hildebrand: Gerne 3 oder 4:0, um ein bisschen Euphorie in Deutschland zu entfachen - oder auch gerne mehr.
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SWR: Gucken wir auf die aktuelle Situation im DFB-Team. Manuel Neuer ist von Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärte Nummer 1. Das EM-Viertelfinale gegen Spanien war sein bisher letztes Länderspiel. Die Testspiele vor dieser WM fanden ohne Manuel Neuer statt. Fangen wir mal ganz einfach an. Wird er morgen Deiner Meinung nach gegen Curaçao überhaupt spielen?
Hildebrand: Keine Ahnung, wie sein aktueller Fitnessstand ist. Ich würde es ihm raten zu spielen. Er hat mit manchen Spielern noch gar nicht zusammengespielt und es ist einfach wichtig, dass sich eine Mannschaft auch während des Turniers findet und auch Trainingseinheiten zusammen hat, um Automatismen zu finden. Alle beiden (Manuel Neuer und Oliver Baumann, Anmerk.d.Red.) haben einen super Job gemacht, auch in den letzten zwei Testspielen vor der EM und auch die ganzen zwei Jahre vorher in der Qualifikation. Aber wenn Manuel Neuer die WM spielen soll, sollte er morgen auch im Tor stehen.
SWR: Du hast es gerade schon angesprochen: Dass diese Findungsphase während der WM stattfindet - also das Gefühl zwischen Torwart und Feldspielern - ist das ein gewisses Wagnis?
Hildebrand: Das ist ja immer ein Risiko, aber letztendlich ist er schon so erfahren. Er ist immer noch einer der besten Torhüter der Welt. Er weiß, was er macht, aber trotzdem ist es für Abwehrspieler einfach etwas anderes, wenn ein anderer Typ hinten drinsteht. Deswegen ist der erste Gegner vielleicht auch dankbar und auch für ihn ein smarter Start ins Turnier.
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SWR: Oliver Baumann wurde durch die Rückkehr von Manuel Neuer sozusagen degradiert, hat seinen Platz im Tor verloren und hat sich klar wieder einsortiert. 2006 bei der WM, da hieß das deutsche Torwarttrio Lehmann, Kahn, Hildebrand. Vielleicht kannst Du das ein bisschen vergleichen. Läuft es intern wirklich so harmonisch ab, wie es dann nach außen gezeigt wird?
Hildebrand: Ja, also damals habe ich schon erlebt, dass sich einfach jeder in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Oliver Kahn hat damals ja auch bewusst entschieden, dass er trotzdem mitgeht. Wir hatten ja noch ein paar andere Alphatiere wie Frings und Ballack, die dem Kader angehört haben, da war es wirklich so, dass sich jeder diesem großen Ziel untergeordnet und sein Ego zurückgestellt hat. Und das ist jetzt auch passiert. Oliver Baumann ist sowieso ein Supertyp und wird da nicht querschlagen, auch nicht intern. Ich glaube, da zieht jeder an einem Strang.
Eine Diskussion wird nur aufkommen, wenn Fehler passieren. Danach weiß es immer jeder besser, aber der Trainer hat so entschieden und man muss das akzeptieren, das Beste daraus machen und auch das Beste wünschen. Ich finde es immer falsch, wenn man vorher schon alles schlecht redet.
SWR: Danke für das Gespräch, noch eine gute Zeit in Italien und eine schöne gesamte WM-Zeit dir.
Hildebrand: Ciao. Ciao.