"Ich kann es gar nicht begreifen", sagte Nicolas Höfler unmittelbar nach dem 3:1-Sieg im Halbfinale gegen Sporting Braga. "Wir im Europa-League-Finale. Wir, der kleine SC Freiburg." Dabei hat der Routinier maßgeblich dazu beigetragen, dass der SC Freiburg, der am 20. Mai im Europa-League-Finale steht, ein ganz anderer SC Freiburg ist, als der Sport-Club, bei dem Höfler dereinst angefangen hat. "Diese Entwicklung ist einfach - das fühlt sich so geil an. Das spürt man richtig und wir sind auch selbstbewusster. Es ist nicht mehr so, wie es früher mal war."
Denn als Nicolas Höfler im August 2013 sein erstes Bundesliga-Spiel für den SC Freiburg machte, war Julian Schuster Kapitän. Das Spiel endete 3:3 gegen die TSG Hoffenheim und der Sport-Club spielte bis zum 30. Spieltag gegen den Abstieg. Auch die Jahre danach: Abstiegskampf, Mittelmaß, zwischendurch sogar mal zweite Liga. Und wenn doch mal ein gutes Jahr dabei war, zitterte der halbe Breisgau - nach dem Motto: 'Oh nein, Europacup! Jetzt geht es bestimmt wieder bergab.' Höfler schmunzelte und sagte: "Es ist alles immer ein Weg, oft steinig."
SC Freiburg setzte auf Kontinuität und langsames Wachstum
In den vergangenen vier Jahren spielte der SC Freiburg dreimal international. "Die letzten Jahre, diese Entwicklung, die ist fast schon unbeschreiblich", meinte Höfler. Und jetzt? Europa League. Finale. "Gerade dieser Erfolg ist schon ein bisschen surreal." Vorbei sind die Zeiten, als Leistungsträger wie Maximilian Philipp, Florian Niederlechner, Pascal Stenzel oder Vincenzo Grifo den SC Freiburg im Sommer 2017 nach einer starken Saison verließen und die Breisgauer sich nicht so recht trauten, Qualität nachzukaufen, weil nie ganz klar war, wie lange sie den großen Europapokal-Kader auch wirklich brauchen.
Stattdessen haben die Freiburger immer wieder auf junge Spieler und Eigengewächse gesetzt. Früher hießen sie Christian Günter, Philipp Lienhart und Matthias Ginter. Heute heißen sie Noah Atubolu, Philipp Treu oder Johan Manzambi. "Spieler, die den Unterschied machen können", sagte Höfler. Damals, heute und, laut Höfler, auch in Zukunft: "Diese Gier, immer das Maximale herauszuholen. Bis heute haben wir es ganz gut hingekriegt. Und wir hoffen, dass wir das dann weitergeben können - an die Jungs, die jetzt nachrücken, die dann - blöd gesagt - irgendwann den Laden übernehmen." In Höflers Fall ist das durchaus wörtlich gemeint. Denn der 36-Jährige wird nach dem Finale seine Karriere beenden.
Neues Stadion als Meilenstein für den SC Freiburg
Als Lukas Kübler im Dezember 2016 sein Debüt für den Sport-Club gab, war Julian Schuster immer noch Kapitän. Und der SC Freiburg spielte noch im Dreisamstadion. Sportvorstand Jochen Saier, Finanzvorstand Oliver Leki und Trainer Christian Streich trieben die Entwicklung des Vereins Stück für Stück voran - sportlich und abseits des Feldes. Als der SC Freiburg am 16. Oktober 2021 das erste Bundesligaspiel im neuen Stadion abhielt, war das für den Sport-Club ein Meilenstein.
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Vorbei die Zeiten, als die Freiburger nach jeder guten Saison zitterten, ob sie im Sommer danach wieder gegen den Abstieg spielen. Das neue Stadion und die langfristige Kooperation mit regionalen Sponsoren hat dem SC Freiburg wirtschaftlich deutlich mehr Raum gegeben. Das wirkte sich auch sportlich aus: Platz sechs, Platz fünf, Platz zehn. "Christian Streich hat einen großen Grundstein gelegt", erinnerte sich Nicolas Höfler. "Julian Schuster hat einfach darauf geguckt: Was ist gut? Was kann man noch verbessern? Und so war diese Entwicklung stetig da."
Ginters geradezu symbolische Rückkehr zum SC Freiburg
Als Matthias Ginter im Januar 2012 sein Debüt für den SC Freiburg gab, war Julian Schuster verletzt. Er war trotzdem ein wichtiger Führungsspieler und war erst wenige Tage zuvor von der Mannschaft zum Kapitän gewählt worden. Auch er war hungrig - auf Europapokal-Nächte, auf Titel und Erfolge. Damals dachte er, dass er seinen Hunger bei Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach besser stillen konnte als im beschaulichen Schwarzwald.
Als er im August 2022 nach Freiburg zurückkehrte, war Julian Schuster Co-Trainer und der SC Freiburg nicht mehr der Sport-Club, den er acht Jahre zuvor verlassen hatte. "Ich hatte einfach ein überragendes Gefühl hier, weil ich gesehen habe, wie sich der Verein entwickelt hat", sagte Ginter. "Die letzten Jahre hat man gesehen, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte."
SC Freiburg schafft den Übergang von Streich zu Schuster
Im Sommer 2024 hat sich Trainer Christian Streich nach zwölf Jahren in der sportlichen Verantwortung zurückgezogen. Es war das Ende einer Ära. Julian Schuster trat in diese unendlich großen Fußstapfen. Er führte den SC Freiburg auf Platz fünf und wurde Trainer des Jahres. "Wir haben zweimal um die Champions League gespielt. Das ist alles nicht selbstverständlich", sagte Ginter. "Aber es war schon so, vielleicht eher ein kleiner Gedanke im Hinterkopf: Wenn es perfekt läuft, dann kann es so laufen."
SC Freiburg traut sich den Sieg in der Europa League zu
Dass die aktuelle Saison in der erfolgreichsten Europapokal-Kampagne der Vereinsgeschichte gipfelt und der SC Freiburg nun sogar die Chance auf den ersten ganz, ganz großen Titel hat, konnte Ginter nicht ahnen. Doch auch das ist für ihn logische Folge der jüngsten Entwicklung: "Wir sind in der Europa League angetreten. Natürlich haben wir nicht von Anfang an mit einem Finale rechnen können. Aber wir haben uns dahin gearbeitet, dass wir uns das vornehmen dürfen und auch können."
Wenn der SC Freiburg am 20. Mai 2026 in Istanbul sein Debüt im Europa-League-Finale gibt, ist Julian Schuster Trainer. Für Nicolas Höfler schließt sich damit ein Kreis: "Wir haben uns vor vielen Jahren gefunden, haben uns stetig weiterentwickelt, um diese Qualität auf den Platz zu bringen, mit dem SC Freiburg im Europa-League-Finale zu stehen." Und da will Höfler keinesfalls stehenbleiben: "Wir haben gerade in dieser Europa-League-Saison krasse Stabilität und Qualität gezeigt, sind mega stolz auf uns, genießen den Moment und sind natürlich jetzt auch maximal hungrig, um das Maximale zu erreichen."