Weltrekorde, Medaillen, Medienrummel. Schwimmstar Franziska van Almsick begeisterte schon als Teenie die Sportwelt. Kameras verfolgten sie auf Schritt und Tritt. Doch wie es in ihr wirklich aussah, wusste niemand: "Ich hab immer so getan, als wäre alles in Ordnung. Aber eigentlich sieht es in einem selbst katastrophal aus", beschreibt sie heute ihre mentale Gesundheit in einigen Phasen ihrer Karriere. "Das Einzige, was ich am Ende irgendwie selbst entscheiden konnte, war, ob ich esse oder ob ich nicht esse. Und ich habe einfach aufgehört zu essen." Bis zu ihrem Karriereende hatte niemand in der Öffentlichkeit von ihrer Essstörung erfahren. Franziska van Almsicks Geschichte ist eine über beeindruckenden Erfolg, enormen Druck und der Suche nach innerem Frieden, wie die neue ARD-Dokuserie "Being Franziska van Almsick" zeigt.
Vom Wunderkind zum jungen Superstar
1992, mit gerade mal 14 Jahren gewinnt Franziska van Almsick überraschend bei den Olympischen Spielen in Barcelona vier Medaillen, zweimal Silber und zweimal Bronze. Zu Hause in Deutschland warten schon am Flughafen etliche Kamerateams und Fotografen dicht gedrängt auf die junge Medaillengewinnerin. Sie empfindet das Gedränge um sie herum als "schrecklich". Von dem Moment an aber ist alles anders. Erste Werbeverträge, erste Titelbilder.
Ihr Erfolg und ihre Unbekümmertheit liefern Geschichten für die Presse, viele wollen aus dem Hype Profit schlagen. "Solange es mir gut geht, können andere gerne an meinem Erfolg partizipieren. Aber es gibt Grenzen, und die darf man nicht überschreiten." Doch als ein Reporter sie beispielsweise bittet, ihre Sporttasche zu öffnen und ihre Kuscheltiere, ihre Glücksbringer, zu zeigen, werden die Grenzen der jungen Sportlerin überschritten. Ebenso als Sexsymbol im Badeanzug. Rückblickend ordnet auch ihre damalige Managerin Regine Eichhorn diese Art der Inszenierung als "nicht angemessen und grenzüberschreitend" ein.
Die Nation will mehr von Franzi, kann sich nicht satt sehen. Und Franziska van Almsick muss einen Weg finden, mit all dem umzugehen: die Boulevardgeschichten und die Kameras aushalten, pubertieren, die beliebteste Ossi-Frau im Westen sein. "Wenn ich mir heute die Terminpläne angucke, dann muss ich sagen, ist mir unerklärlich, wie das überhaupt jemand schaffen konnte", erinnert sich Eichhorn.
Enormer Druck und Scheitern in den Vorläufen
Zwei Jahre später ist die Unbekümmertheit der ersten Olympischen Spiele schon nicht mehr da, stattdessen: Druck von innen, aber vor allem auch von außen: "Ich habe schon gemerkt, ich mache es vielleicht nicht mehr so ganz für mich alleine, sondern ich muss jetzt irgendwie so abliefern."
WM 1994: Deutschland erwartet Gold von Franzi, die aber fliegt im Vorlauf raus. Teamkollegin Dagmar Hase tritt ihren Finalplatz an sie ab. Im Finale schwimmt Franziska van Almsick Weltrekord, wird Weltmeisterin. Franzi die Fehlbare. Ihrer Beliebtheit tut das keinen Abbruch.
Sie wird gefeiert und nahezu überall von Kameras verfolgt. "Es war aus heutiger Sicht viel zu viel", gesteht ihre damalige Managerin heute ein. Van Almsicks Marktwert steigt weiter, nicht mal volljährig ist sie schon mehrfache Millionärin. Wie es in ihr selbst aussieht, weiß zu dem Zeitpunkt niemand so recht. Erahnen kann man es als sie mit 17 Jahren bei der EM in Wien wieder im Vorlauf scheitert und anschließend in die Kameras sagt: "Ich habe es satt, ein Superstar zu sein." Denn als Superstar darf sie keine Schwäche zeigen.
ARD-Dokuserie „Being Franziska van Almsick“
Die Sport-Dokuserie „Being Franziska van Almsick“ erzählt die bewegende Geschichte des ersten Superstars des wiedervereinigten Deutschlands.
Olympische Spiele 1996 - Erste Selbstzweifel kommen
Bei ihren zweiten Olympischen Spielen, 1996 in Atlanta, will sie dann Olympiasiegerin werden - nur die Goldmedaille zählt für Franziska van Almsick. Für sie und alle anderen sei klar gewesen, dass niemand außer ihr, die Weltrekordlerin und Weltmeisterin, Gold gewinnen werde. Am Ende ist es wieder "nur" Silber: "Es war einfach ganz deutlich, dass man mehr von mir erwartet hat. Dann hatte ich, glaube ich, das erste Mal in meinem ganzen Leben oder in meiner Karriere wirklich den Gedanken, geht es jetzt weiter oder geht es nicht weiter." Es kamen erste Selbstzweifel: "Ich habe gedacht, man liebt mich nur, wenn ich erfolgreich bin, wenn ich Geld nach Hause bringe und wenn ich immer lächle."
Essstörungen beginnen - Kontakt zur Psychologin
Die Presse meckert an der 18-jährigen Franziska van Almsick herum, sie fühlt sich fremdgesteuert. Und rutscht in eine Essstörung. "Das Einzige, was ich am Ende irgendwie selbst entscheiden konnte, war, ob ich esse oder ob ich nicht esse. Und ich habe einfach aufgehört zu essen. Aber ich war mir dieser Tragweite gar nicht bewusst, dass es darum ging, sich möglicherweise auch selbst zu schaden und sich selbst zu spüren." Sie habe nicht mehr gewusst, wer sie ist, teilweise drei Salzstangen, einen Bissen vom Apfel und drei Gummibärchen am Tag zu sich genommen. Die Schwimmerin holt sich Hilfe bei einer Psychologin, sie braucht zu diesem Zeitpunkt jemand, der ihr wieder beibringt, wie man anständig isst und jemand, der ihr beibringt, ihren Selbstwert nicht vom sportlichen Erfolg abhängig zu machen. "Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, so wie ich bin. Und mich zu lieben, wenn Dinge nicht gut laufen. Und das war wichtig, weil ich das eine Zeit lang überhaupt nicht konnte."
Rückschlag und verletzende Schlagzeilen
Nach einer Handverletzung kämpft sie sich zurück, denn der Traum vom Olympischen Gold treibt sie weiter an. Ehrgeizig arbeitet sie auf dieses Ziel hin. In Sydney 2000 dann der erneute Rückschlag: Sie schafft es wieder nicht ins Finale. Die Schlagzeilen von damals "Franzi van Speck" oder "Gold kann man nicht kaufen" treffen sie hart. "Ich war wirklich sehr, sehr verletzt", erinnert sie sich heute. Damals wusste noch niemand von ihrer Essstörung.
"Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, so wie ich bin. Und mich zu lieben, wenn Dinge nicht gut laufen. Und das war wichtig, weil ich das eine Zeit lang überhaupt nicht konnte."
Mit Stefan Kretzschmar zu EM-Gold: Franziska van Almsicks Comeback
Die damals 22-Jährige fühlt sich ausgemustert und am Tiefpunkt. In Sydney lernt sie dann jedoch jemanden kennen, der sie versteht: Handballer Stefan Kretzschmar. Er habe Dinge in ihr gesehen, die alle anderen nicht mehr gesehen haben. Die beiden führen eine Beziehung im Scheinwerferlicht, immer unter Beobachtung. Bei der Heim-EM 2002 in Berlin ist auch der Druck wieder da. Am Morgen des 200-Meter-Freistil-Wettkampfs kann sie nichts essen, will sich nicht auf den Weg machen vom Hotel in die Schwimmhalle.
Psychologin gibt innere Ruhe und Stärke
Ihre Psychologin kommt vorbei. Sie ist für die 24-Jährige in der Situation der Schlüssel zum Erfolg, nimmt ihr den Druck. Genau das habe sie für ihre mentale Gesundheit gebraucht: "Jemanden, der mich erkennt, der in meine Seele guckt, der mir den Weg zu mir selbst zeigt." Die innere Ruhe und Stärke, die ihr die Psychologin damals vermittelt habe, habe sie zuvor und danach nie wieder erlebt, erzählt van Almsick voller Dankbarkeit. In der Schwimmhalle hat sie dieses Mal den Druck im Griff. Sie schwimmt zu fünf EM-Titeln, übertrifft ihren eigenen Weltrekord. "Alles hat funktioniert. Ich habe nichts vermasselt, ich habe nichts versaut. Ich bin überall, wie es sich gehört, in die Finalläufe gekommen. Es war grandios. Die EM war schon geil."
"Ich habe mich versöhnt"
Ans Aufhören ist nach diesem Comeback nicht zu denken - nur zwei Jahre nach dem Triumph von Berlin sind die Olympischen Spiele in Athen. Franziska van Almsick will es noch einmal, ein letztes Mal wissen, will den Goldfluch endlich besiegen. Sie schwimmt auf Rang fünf und beendet im Alter von 26 Jahren ihre Karriere. Zwölf Jahre lang gehörte sie zu den Hauptdarstellerinnen des deutschen Sports, hat Weltrekorde aufgestellt, Medaillen gewonnen - aber nie das ersehnte Olympische Gold. "Es tut nicht mehr weh", sagt van Almsick, sie hat sich versöhnt, hat sich selbst gefunden.
Essstörungen beschäftigen van Almsick bis heute
Nach dem Karriereende trennt sie sich von Stefan Kretzschmar und schreibt eine Autobiografie, in der sie erstmals über ihre Essstörungen berichtet. Diese sind übrigens "immer da". Man lerne, damit umzugehen. "Das ist wie so ein Wecker, der anspringt und mich warnt, dass ich grade auf keinem guten Weg bin. Also, wenn ich anfange, mit dem Essen zu spinnen, dann weiß ich, dass es mir nicht gut geht. Aber das ist was, was immer bleibt."
Van Almsicks lebt heute mit ihrer Familie in Heidelberg
Franziska van Almsick ist mittlerweile 47 Jahre alt und lebt mit ihrem Partner und den beiden Kindern in Heidelberg. Ihr Privatleben hält sie von der Öffentlichkeit fern und engagiert sich für junge Sportlerinnen und Sportler. Sie will die Wege von jungen Athleten besser machen. Denn sie selbst hat während ihrer beeindruckenden Karriere viel einstecken müssen.