Der Missbrauchs-Skandal am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum zieht weitere Kreise und erfasst nun auch die Führungsspitze des Deutschen Turner-Bundes. Wie der DTB mitteilte, sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart nach den schwerwiegenden Vorwürfen mehrerer Turnerinnen ausgeweitet worden und richten sich nun auch gegen den Verbandspräsidenten Alfons Hölzl und Sportvorstand Thomas Gutekunst. "Der Präsident und der Vorstand des DTB haben das Präsidium hierüber unterrichtet", teilte der DTB am Montag mit.
Der DTB habe seine Anwälte beauftragt, die derzeit vorliegenden Informationen der Staatsanwaltschaft Stuttgart kurzfristig zu prüfen. "Erst auf dieser Grundlage kann der DTB über das weitere Vorgehen entscheiden", hieß es. Der Verband wies darauf hin, dass für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung gelte. "Die aktuellen Entwicklungen nehmen wir sehr ernst. Der DTB wird die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart selbstverständlich weiterhin unterstützen", hieß es in der Mitteilung.
Alfons Hölzl reagiert auf aktuelle Entwicklung
Hölzl zeigte sich in seiner Stellungnahme überrascht und sieht keinen Anlass, von seinem Amt zurücktreten oder es ruhen zu lassen. "Die mir bislang bekannten Details kann ich weder im Sachverhalt noch hinsichtlich einer möglichen Pflichtverletzung nachvollziehen", erklärte Hölzl. "Mein Fokus liegt weiterhin auf einer verantwortungsvollen und störungsfreien Amtsausübung im Interesse des Verbandes."
Auch Schwäbischer Turnerbund betroffen
Zuvor hatte bereits der Schwäbische Turnerbund (STB) mitgeteilt, dass die Ermittlungen ausgeweitet worden seien. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart "richten sich nunmehr gegen weitere Beschuldigte, darunter auch Funktionsträger des Schwäbischen Turnerbunds", hieß es in einer Pressemitteilung des Schwäbischen Turnerbundes (STB). Den Funktionsträgern werde vorgeworfen, ihrer organisatorischen Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart teilte auf Anfrage von SWR Sport mit, dass im Dezember 2025 gegen vier Personen des Schwäbischen Turnerbundes e.V. "Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der, teils versuchten, vorsätzlichen Körperverletzung und der Nötigung in jeweils mehreren Fällen durch Unterlassen" eingeleitet worden seien. Dabei handele es sich um ein aktuelles und ein ehemaliges Präsidiumsmitglied sowie zwei aktuelle und einen ehemaligen Mitarbeitenden in leitender Funktion. Zudem sei im Dezember 2025 sowohl gegen den Schwäbischen Turnerbund e.V. als auch gegen den Deutschen Turner-Bund e.V. ein Bußgeldverfahren nach § 30 OWiG eingeleitet.
In seiner Mitteilung machte der Schwäbische Turnerbund deutlich, dass er die "(vorläufige) Einschätzung der Staatsanwaltschaft nicht" teile und sie "nachdrücklich" zurückweise. Der STB sei zuversichtlich, dass sich die eigene Einschätzung im weiteren Verlauf des Verfahrens bestätigen werde. Zudem wies auch der STB darauf hin, dass bis zum Abschluss der Ermittlungen die Unschuldsvermutung gelte.
Des Weiteren teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit, dass im Januar 2026 gegen ein Präsidiumsmitglied, einen leitenden sowie zwei ehemalige leitende Mitarbeitende des Deutschen Turner Bundes e.V. Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der, teils versuchten, vorsätzlichen Körperverlerzung und der Nötigung in jeweils mehreren Fällen durch Unterlassen eingeleitet worden seien. Einzelheiten zum Ermittlungsstand könnten derzeit nicht mitgeteilt werden
Mehrere Turnerinnen erhoben schwere Vorwürfe
Zum Jahreswechsel 2024/2025 hatten mehrere ehemalige und aktive Leistungsturnerinnen öffentlich Kritik an den Trainingsmethoden und dem persönlichen Umgang mit ihnen geäußert - insbesondere am Bundesstützpunkt in Stuttgart und am Turnstützpunkt in Mannheim. Kritisiert wurden unter anderem "systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch" sowie katastrophale Umstände. Daraufhin hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart Ermittlungen eingeleitet. Über die Entwicklungen rund um die Vorwürfe im Turnen hatte SWR Sport ausführlich berichtet.
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Seit Bekanntwerden der Vorwürfe hatte der STB bereits personelle Veränderungen im Trainerteam vorgenommen. Unter anderem wurden beschuldigte Trainerinnen und Trainer freigestellt und ein erfahrenes Trainer-Duo aus den USA verpflichtet. Die Verträge mit dem Trainerteam wurden im Sommer 2025 bis Dezember 2028 verlängert. Ziel sei es, so schrieb der STB, "bestmögliche Rahmenbedingungen für Training und Betreuung zu schaffen und das Risiko möglichen Fehlverhaltens weiter zu minimieren."
Einen Stand der bisherigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart gibt es hier (Stand: 18. November 2025):